Studenten wie André Moll helfen derzeit im Kreis-Gesundheitsamt aus und telefonieren mit Corona-Infizierten und Kontaktpersonen. FOTO: JWR
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Studenten wie André Moll helfen derzeit im Kreis-Gesundheitsamt aus und telefonieren mit Corona-Infizierten und Kontaktpersonen. FOTO: JWR

Gesundheitsamt in der Corona-Krise

Gießen: Wie das Kreis-Gesundheitsamt Corona-Ansteckungen nachverfolgt

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Fragen beantworten, Kontakt zu Corona-Infizierten halten, Ansteckungen nachverfolgen - für all das ist das Kreis-Gesundheitsamt zuständig. Wie sieht der Alltag dort nun aus?

Diese Behörde, sonst selten im Fokus der Öffentlichkeit, ist in der Corona-Krise eine zentrale Schnittstelle, an der viele Fäden zusammenlaufen. Trotzdem ist von hektischer Krisenstimmung im Gesundheitsamt des Landkreises nahe der Rivers-Automeile in Gießen am Mittwochmittag nichts zu spüren: Die Gänge scheinen verwaist, viele Mitarbeiter sind nun im Homeoffice, der Publikumsverkehr liegt auf Eis. "In den letzten Tagen hatten wir fast keine neuen Fälle, so gesehen geht’s uns hier gerade sehr gut", sagt Dr. Anja Hauri, die das Team Hygiene im Gesundheitsamt leitet und für die Nachverfolgung von Corona-Infektionen mitverantwortlich ist.

Vor ein paar Wochen, als auch im Kreis Gießen erste Coronavirus-Infektionen gemeldet wurden und die Zahl rasch stieg, standen die Telefone hier kaum noch still. Das Ziel, einzelne Ansteckungen und Infektionsketten zurückzuverfolgen, sei anfangs nicht zu erreichen gewesen. "Das ging sehr schnell, für diese Situation war das Personal einfach nicht da", erinnert sich Hauri. Mitarbeiter aus anderen Bereichen der Kreisverwaltung wurden rekrutiert. Laut Iskender Schütte, kommissarischer Verwaltungsleiter im Gesundheitsamt, waren zeitweise knapp 40 von insgesamt 65 Mitarbeitern des Amts mit Corona beschäftigt. Außerdem wurden 16 Studenten der Gießener Hochschulen eingebunden, die sich freiwillig gemeldet hatten.

Bei der Rückverfolgung von Fällen sei Schnelligkeit das A und O, um weitere Infektionsketten zu vermeiden, sagt Hauri. Teilweise habe man Listen mit vielen Dutzend Kontaktpersonen erstellt und abgeklärt, ob auch sie sich infiziert haben. Zum Beispiel, wenn ein Betroffener in einer Chorprobe noch engen Kontakt hatte. Ein enormer Aufwand im Schichtbetrieb, sieben Tage die Woche.

Corona-Alltag im Gesundheitsamt: Viele Fragen stellen

Zuletzt habe sich die Situation etwas entspannt, heißt es im Gesundheitsamt - und das habe man wohl auch der Bevölkerung zu verdanken, sagt Hauri: Sobald sich die Menschen daran hielten, Kontakte zu anderen zu vermeiden, werde es einfacher. Seit Wochen könne man die Fälle und deren Kontaktpersonen zurückverfolgen. Allerdings komme es bei der Rekonstruktion darauf an, welche Kontakte ein Infizierter angebe.

Wie die Detektivarbeit in Sachen Corona praktisch abläuft, zeigt sich in einzelnen Büros. In einem sitzt Medizinstudent André Moll. Wenn ihm ein Positiv-Befund zugeteilt wird, legt er los: Er ruft bei der Person an, erfragt Kontakte und Symptome, widmet sich dann telefonisch den Kontaktpersonen und fragt weiter: Wie ist das Wohnumfeld? Gibt es gesundheitliche Risikofaktoren? Wer könnte sich noch angesteckt haben? Fragebögen dienen als Anleitung, die Ergebnisse werden dann elektronisch erfasst. Unterstützung gibt es vom Robert-Koch-Institut, das zwei Mitarbeiter nach Gießen geschickt hat.

Auch studentische Mitarbeiter tragen in der Behörde zurzeit große Verantwortung: "Wir müssen entscheiden, wie lange die Quarantäne anhält", sagt Moll. Von amtlich verordnetem Hausarrest war sicher nicht jeder Betroffene begeistert. Trotzdem habe er in den vergangenen vier Wochen am Telefon "erstaunlich viel Verständnis erlebt", sagt Moll.

Während die Fall-Verfolger bei Infizierten und möglichen Kontaktpersonen anrufen, gehen an anderen Arbeitsplätzen im Gesundheitsamt Anrufe ein: Im Obergeschoss sitzen drei Studenten in einem Büro. Sie sind in der Hotline eingesetzt, stehen für Fragen rund um das Coronavirus zur Verfügung. Und davon gibt es seit Wochen eine Menge. Anfangs, berichten die Mitarbeiter, habe es vor allem Fragen nach Covid-19-Symptomen gegeben, auch von Reise-Rückkehrern.

Corona-Alltag im Gesundheitsamt: Praktische Hinweise sind gefragt

Inzwischen gehe es vor allem um praktische Hinweise für den Alltag: Anrufer erkundigen sich nach Details der Maskenpflicht oder dem Risiko von Frisörbesuchen, Unternehmer fragen nach aktuellen Regelungen. "Einige beschweren sich, wenn irgendwo die Maskenpflicht nicht eingehalten wird. Manche wollen auch einfach ein bisschen reden", verrät eine Studentin im Callcenter.

Auch mit kuriosen Fragen wurde sie schon konfrontiert: "Ich wurde von einer Waldkita angerufen und gefragt: ›Ist für die Kinder Seife nötig oder reicht Lava-Erde?‹ Und gestern kam die Frage, ob Erotik-Massage zurzeit möglich ist. Das wurde dann noch mal abgeklärt: So lange es mit Mundschutz gemacht wird, ist es legitim." Nicht alles kann direkt an der Hotline beantwortet werden, doch die Mitarbeiter hier müssen sich ständig über die neuesten Corona-Regeln informieren.

Im Vergleich zu anderen Regionen ist der Kreis Gießen bislang relativ glimpflich davongekommen. Gezählt werden 226 Infizierte und drei Todesfälle (Stand Mittwochmittag) im Zusammenhang mit Covid-19. "Zum Glück hatten wir noch keinen Ausbruch in Heimen oder Krankenhäusern, da gibt es oft schwere Verläufe", sagt Teamleiterin Hauri. Allerdings ist, wie allenthalben betont wird, die Corona-Pandemie längst nicht überstanden. Momentan scheint das Gesundheitsamt die Lage im Griff zu haben.

Wäre die Behörde, deren Leitung seit einiger Zeit vakant ist, auch für eine "zweite Welle" gewappnet? "Wir sind auf jeden Fall deutlich besser aufgestellt als am Anfang", sagt Interims-Verwaltungsleiter Schütte. Man werde sechs weitere Vollzeit-Fachkräfte im Hygienebereich einstellen. Letzlich komme es erneut auch auf die Bevölkerung an, findet Hauri: "Jeder mit entsprechenden Symptomen sollte sich melden und testen lassen. Es geht um Eigen- und Fremdverantwortung."

Zusatzinfo: Zahl der Getesteten bleibt unklar

Während bekannt ist, wie viele Menschen aus dem Landkreis bislang insgesamt positiv auf das Coronavirus getestet wurden, ist die Zahl der getesteten Kreisbewohner unklar. Seit dem Umzug des Testcenters von Lich nach Gießen (1. April) habe man dort 1029 Abstriche genommen, teilt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen auf Anfrage mit. Zu weiteren Tests, etwa bei Hausärzten, könne man nichts sagen. Kreis-Sozialdezernent Hans-Peter Stock spricht von "bis zu 50 Tests", die dort zurzeit täglich erfolgten, genauere Zahlen habe der Kreis nicht. jwr

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