Eine Frau aus dem Landkreis wurde mehr als 20 Jahre lang von ihren Eltern sexuell missbraucht. Die Folgen sind psychische Probleme. Mit ihrer Geschichte will sie für mehr Transparenz sorgen. (Symbolfoto: dpa)

Sexueller Missbrauch

20 Jahre lang sexuell missbraucht: Eine Frau aus dem Landkreis Gießen erzählt ihre Geschichte

Opfer sexuellen Missbrauchs haben oft ihr Leben lang mit den Folgen der Übergriffe zu kämpfen. Eine Frau aus dem Landkreis Gießen will mit ihrer Geschichte für mehr Transparenz sorgen.

Als sie 18 Jahre alt war, fing alles an. Erst kam der Alkohol, dann die Verhaltensauffälligkeiten, später die Diagnose Borderline. Es folgten erste Behandlungen und Aufenthalte in einer Klinik. Wieso sich die Frau aus dem Süden des Landkreises selbst verletzte, zu viel Alkohol trank und immer wieder behandelt werden musste - das konnte sie sich selbst nie erklären. Erst mit 41 Jahren, nach dem Tod ihres Vaters, kamen die Erinnerungen zurück: Mehr als 20 Jahre lang wurde die heute 49-Jährige sexuell missbraucht. Von ihren Eltern - ihrem Vater und ihrer Mutter. Und von Menschen, an die ihre Eltern sie für eine Gegenleistung verkauften. Die Erlebnisse prägen noch heute das Leben der Frau.

"Es wird nie ein Ende haben. Ich muss mich durch jede Woche kämpfen", erzählt sie. Jahrelang hat sie den sexuellen und emotionalen Missbrauch durch ihre Eltern verdrängt. "Wenn es um meine Kindheit ging, war da immer eine Leere."

Beweise für den Missbrauch habe sie nicht, sagt sie. Aber es sind die Erinnerungen, die wie Filme immer wieder vor ihrem inneren Auge ablaufen und ein normales Leben für sie nicht möglich machen. Mit ihrem Vater kann sie nicht mehr über den Missbrauch sprechen, er starb vor neun Jahren. Zu ihrer Mutter hat die Frau seit 20 Jahren keinen Kontakt mehr.

Sexueller Missbrauch im Kreis Gießen: Frau will anderen Betroffenen Mut machen

Nach außen funktioniert die 49-Jährige. Die Frau ist gefasst und spricht von dem Erlebten, als wäre es einem anderen Menschen geschehen. Tief in ihrem Inneren sieht es aber ganz anders aus: Die 49-Jährige hat nach eigenen Angaben mit schweren Depressionen zu kämpfen. Sie verletzt sich selbst. Sie leidet unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung - und verliert immer wieder die Kontrolle über ihr Denken, Fühlen und Handeln. Seit neun Jahren besucht sie inzwischen wieder regelmäßig Therapiestunden und die Treffen einer Selbsthilfegruppe. Die Folgen des Missbrauchs äußern sich aber nicht nur psychisch. Oft habe sie starke körperliche Schmerzen.

Mit ihrer Geschichte will die Frau aus dem Landkreis anderen Betroffenen Mut machen, sie will für Transparenz sorgen und aufrütteln. Denn noch immer würden psychische Erkrankungen stigmatisiert, berichtet die 49-Jährige. Nur weil etwas vorbei ist, bedeute es nicht, dass es den Opfern gut geht, sagt sie. "Man sieht mir nicht an, dass ich betroffen bin. Aber das Opfer kämpft lebenslang mit den Schäden."

Sexueller Missbrauch im Kreis Gießen: "Ich werde nie mehr gesund sein, es geht nur ums Überleben"

Von ihrer Familie erhalte die 49-Jährige viel Unterstützung, ihr Ehemann und die Kinder geben ihr Stabilität. Ihr Mann arbeite Vollzeit und kümmere sich nach Feierabend um den Haushalt. Mit ihren Kindern habe sie Strategien entwickelt, um Dinge nicht zu vergessen, wenn eine ihrer anderen Persönlichkeiten wieder ihr Denken und Handeln übernimmt. So werden beispielsweise wichtige Vereinbarungen direkt aufgeschrieben. Erinnern kann sich die Frau daran später nämlich nicht mehr. "Für meine Familie ist das belastend", erzählt sie.

Wenn die Depressionen wieder zu schwer werden, wenn es ihr so schlecht geht, dass sie nicht mehr Leben möchte, dann setzt die 49-Jährige Übungen um, die ihr durch die schwere Phase helfen. "Es gibt ein Gerüst, das mich hält", erzählt sie. Diese Übungen hat sie mit ihrem Therapeuten erarbeitet. Sie sieht ihn als ihren Coach. Er hilft ihr, die Erinnerungen zu verarbeiten.

Dennoch sei es mühselig, sich immer wieder Hilfe zu suchen. "Ich werde nie mehr gesund sein, es geht nur ums Überleben", berichtet sie.

Das schafft die 49-Jährige inzwischen wieder so gut, dass sie ihren Alltag alleine bewältigen könne. Dennoch gebe es einige Probleme, bei denen sie noch Unterstützung bräuchte. So würde es ihr helfen, einmal wöchentlich zu Hause Hilfestellungen eines Pflegers zu erhalten. "Dann hätte ich auch einen Grund, mich aufzuraffen", erzählt sie.

Einen Grund sich aufzuraffen, hat sie aber schon jetzt: Ihr Ziel ist es, anderen zu zeigen, dass sie trotz ihrer Krankheit ein Mensch mit vielen Facetten ist. Deshalb gehe sie so offen mit dem Erlebten um. "Man ist nicht selbst schuld daran. Das muss man akzeptieren."

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