Dadurch, dass wir mit Menschen arbeiten, sind wir ein Stück weit erpressbar.
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Dadurch, dass wir mit Menschen arbeiten, sind wir ein Stück weit erpressbar. «, sagt Martina Klenk. FOTO: DPA

Alarmierende Studie

Gravierender Hebammen-Mangel in Hessen: Wie ist die Lage im Kreis Gießen?

  • vonLena Karber
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Ein Gutachten zur Hebammenversorgung in Hessen bietet Grund zur Besorgnis. Martina Klenk, die Landesvorsitzende des Hebammen-Verbandes, verrät, wie die Situation im Kreis Gießen ist.

  • In Hessen gibt es einen Mangel an Hebammen für die Wochenbettbetreuung und Hausgeburten.
  • Für außerklinische Geburten gibt es im Kreis Gießen lediglich ein Geburtshaus.
  • Dafür ist vor allem die Gesundheitswirtschaft verantwortlich – Geburtshilfe ist nicht ökonomisch.

Frau Klenk, im Durchschnitt kontaktiert eine Frau sieben Hebammen bis sie fündig wird. Ist der Mangel an Hebammen in Hessen so gravierend?

Wir haben zumindest einen Mangel an Hebammen-Leistungen. Gerade für die Wochenbettbetreuung oder für Hausgeburten ist es schwierig, eine Hebamme zu finden.

Und wie sieht es im Kreis Gießen aus?

Die Situation ist hier noch nicht so dramatisch wie beispielsweise in Frankfurt. Das liegt unter anderem daran, dass wir in Gießen und Marburg zwei Hebammenschulen haben und die Hälfte der hier ausgebildeten Hebammen in der Region verbleibt. Andererseits müssen Frauen auch hier häufig mehrere Hebammen kontaktieren, um eine Betreuung zu finden. Für außerklinische Geburten gibt es im Kreis Gießen auch nur noch ein Geburtshaus: in Holzheim. Das Geburtshaus in Hüttenberg macht nur noch Schwangerenvorsorge und Wochenbettbetreuung, weil sich die Geburtshilfe ökonomisch nicht lohnt.

Mangel an Hebammen in Gießen: Zu wenige Geburtshilfeeinrichtungen

Wieso lässt sich mit Geburten so schlecht Geld verdienen?

Wir haben seit Jahren ein Fallpauschalensystem, das nach Eingriffen und Handlungen vergütet. Die Kunst in der Geburtshilfe ist es jedoch, wenig zu tun. Je mehr man in den Geburtsverlauf eingreift, umso störungsanfälliger wird dieser Prozess. Für eine Optimalversorgung sollte eine Hebamme für eine Gebärende zuständig sein, und jede Geburt braucht ihre Zeit - aber es heißt ja immer, Zeit ist Geld. Da unser Gesundheitswesen voll auf Gesundheitswirtschaft umgestellt wurde, werden viele geburtshilfliche Abteilungen geschlossen, wie zuletzt Marburg-Wehrda und Ehringshausen.

Sie sagen, eine Eins-zu-eins-Betreuung wäre optimal. Wie sieht es denn in der Praxis aus?

Vor allem angestellte Hebammen betreuen auf jeden Fall zwei bis drei Frauen gleichzeitig, manchmal sogar bis zu fünf. Dabei steht sogar im hessischen Koalitionsvertrag, dass sich die Landesregierung für eine Eins-zu-eins-Betreuung einsetzen möchte. Dort steht auch, dass aufbauend auf dem Gutachten beraten werden soll, wie die Versorgung mit wohnortnahen Geburtshilfeeinrichtungen optimiert werden kann. Über die Formulierung habe ich ein bisschen geschmunzelt: Man kann nur etwas optimieren, was gut ist - und gut ist es überhaupt nicht. Im Vogelsberg gibt es keine einzige Geburtshilfe mehr. Und dadurch, dass zum Beispiel in Marburg oder in Lich die jährlich etwa 600 Geburten aus Wehrda mitversorgt werden müssen, kommt es auch mal zu Versorgungsengpässen.

Erhöht das auch die Fehlerquote?

Ja, wenn man Abweichungen im physiologischen Verlauf erkennen will, muss man dabei sein. Außerdem erhöhen Arbeitsverdichtung und Stress die Fehleranfälligkeit, was vor allem im Hebammen-Beruf natürlich auf keinen Fall passieren darf. Die Kolleginnen stehen unter einem enormen Druck und einer hohen persönlichen Verantwortung.

Hebammen in Gießen: Die hochschulische Ausbildung muss noch verbessert werden

Seit diesem Jahr erfolgt die Hebammenausbildung an Hochschulen. Macht das den Beruf für junge Leute attraktiver?

Dafür haben wir 30 Jahre lang gestritten, aber es ist noch viel Luft nach oben, was die Umsetzung der hochschulischen Ausbildung angeht. Fulda alleine wird nicht reichen, wir brauchen mindestens noch zwei bis drei Studienstandorte in Hessen. Vielleicht wäre es günstig, die THM mit ins Boot zu holen, denn die hat ja Standorte in Friedberg, Gießen und Kassel. Dann wären hessenweit alle Himmelsrichtungen abgedeckt. An den Studienplätzen besteht ein hohes Interesse. Das zeigt, dass der Beruf noch attraktiv ist.

Aber wieso hat dann gut die Hälfte der Einrichtungen offene Stellen für fest angestellte Hebammen?

Das ist ein Problem, das wir speziell in der Geburtshilfe haben. Dort leiden die freiberuflichen Kolleginnen sehr unter den hohen Haftpflichtprämien. Obwohl die Geburtshilfe unser Herzstück ist, ziehen sich viele aus ihr zurück, weil ihnen die Arbeit unter diesen Bedingungen zu gefährlich ist. Einige Kolleginnen machen deshalb nur noch Geburtsvorbereitungskurse, Wochenbettbetreuung und Schwangerenvorsorge. In gewisser Weise ist das ein Teufelskreis, Gesundheitsminister Jens Spahn will ja mehr Planstellen in den Kreißsälen schaffen, aber zunächst müssten sich die Rahmenbedingungen ändern, damit die Hebammen bereit sind, dorthin zurückzukehren.

Was müsste denn konkret verändert werden?

Die Vergütung muss exorbitant steigen, das Haftpflichtproblem muss gelöst werden, die Arbeitsverdichtung muss aufgehoben werden und wir müssen eine Eins-zu-eins-Betreuung in den Kreißsälen gewährleisten können. Außerdem brauchen wir in Deutschland dringend eine andere Fehlerkultur. Es ist ein absolutes Desaster für jede Hebamme, wenn tatsächlich ein Fehler passiert und sie vor Gericht steht. Die meisten Kolleginnen sind danach arbeitsunfähig, weil das so belastend ist.

Mangel an Hebammen in Gießen: Hebammenkreißsaal ist ein gutes Konzept

Was ist wichtiger: die Bezahlung oder die Arbeitsbedingungen?

Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist alles nichts. Es wundert mich, dass nur 30 Prozent der Kliniken überlegen, den Hebammen mehr zu zahlen. Aber es geht auch um andere Faktoren. Schichtdienst ist für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erschwerend und gesundheitlich belastend. Deshalb forderte ich schon seit langem, dass für Nachtdienste zusätzliche freie Tage vom Arbeitgeber bereitgestellt und finanziert werden, damit eine wirkliche Regeneration möglich ist. Stattdessen werden die Leute aufgefordert, im Krankenhaus irgendwelche Fitnessübungen zu machen. Aber wenn ich mir acht Stunden im Dienst die Füße plattgelaufen habe, gehe ich anschließend nicht noch turnen, um das mal ein bisschen flapsig zu formulieren.

Gibt es anderenorts Konzepte, die Sie überzeugen?

In Hessen gibt es in Bad Nauheim und in Heppenheim ein Konzept, das sich Hebammenkreißsaal nennt. Dort muss bei einer normalen Geburt kein Arzt hinzugezogen werden. Dadurch sparen die Kassen Geld. Es ist ein tolles Konzept, das wir in Hessen gerne flächendeckend bewerben wollen. Allerdings kriechen die Kolleginnen in den Kreißsälen ja sowieso schon auf dem Zahnfleisch und können nicht noch Projektarbeit machen, um ein neues geburtshilfliches Konzept zu implementieren. Das heißt, wir brauchen Gelder, um eine Projektleitung zu finanzieren und zusätzliches Personal einzustellen.

Würde das die Hebammen nicht noch mehr belasten?

Per Gesetz dürfen wir Hebammen Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen autonom betreuen. In den Krankenhäusern ist es jedoch häufig so, dass zur Geburt ein Arzt hinzugeholt wird, während Hebammen berufsfremde Tätigkeiten übernehmen müssen. Hebammen putzen in den Kliniken. Sie sind für die Kliniken so billig, dass diese Hebammen für Putzdienste heranziehen statt Reinigungskräfte einzustellen. Das ist ein Skandal. Dafür sind wir nicht qualifiziert. In diesen Bereichen wäre es wichtig, eine Entlastung zu haben: Reinigungskräfte rund um die Uhr, Entlastung bei der Bürokratie und beim Bestellwesen.

Hebammen in Gießen: Wenn Glücksfaktor nicht wäre, würden viele aussteigen

Trotz Überstunden und starker Belastung sind die Zufriedenheitswerte relativ hoch. Wie erklären Sie sich das?

Wenn Teams gut zusammenarbeiten, haben die Kolleginnen auch eine hohe Arbeitszufriedenheit. Allein, dass man bei der Geburt eines Menschen dabei sein kann, ist etwas Wundervolles. Immer wieder. Wenn man diesen Glücksfaktor nicht hätte, würden noch viel mehr Kolleginnen aussteigen. Außerdem wird man Hebamme, weil man sich als Anwältin und Begleiterin der Frau in einer vulnerablen Lebensphase versteht. Viele Kolleginnen gehen über ihre Grenzen, weil sie sich verantwortlich fühlen. Dadurch, dass wir mit Menschen arbeiten, sind wir ein Stück weit erpressbar.

88 Prozent der Einrichtungen rechnen in den kommenden Jahren mit einem Mehrbedarf an Hebammen. Spitz sich die Situation weiter zu oder glauben Sie, dass sich politisch etwas ändern wird?

Ich habe mit den sozialpolitischen Sprechern sämtlicher Fraktionen - außer der AfD - gesprochen und die sind alle voller Sorge und suchen nach Lösungen. Die Handlungsempfehlungen sind noch in der Diskussion, aber das Land ist durchaus bereit, Geld in die Hand zu nehmen - zum Beispiel, indem Gründungszuschüsse bereitgestellt werden. Wie sich der Verkauf der Uniklinik von Rhön an Asklepios auf die geburtshilfliche Situation im Kreis Gießen auswirken wird, muss man sehen. Ich hoffe, dass die Versorgung nicht noch schlechter wird, weil Asklepios ja sehr auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist und ganz, ganz schlechte Gehälter zahlt.

Zur Person

Die Lindenerin legte 1994 ihr Hebammenexamen ab. Anschließend war sie an der Frauenklinik der Justus-Liebig-Universität Gießen tätig, bevor sie 2005 zum Deutschen Hebammenverband wechselte. Von 2009 bis 2017 war Klenk Präsidentin des Bundesverbandes. Seit Oktober 2018 ist die 59-Jährige Vorsitzende des Landesverbandes.

Die Corona-Pandemie hat sich auch auf den Ablauf von Geburten ausgewirkt. Eine Hebamme aus Bad Vilbel gibt Einblicke in ihren Beruf während Corona.

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