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Zeitumstellung

In Gießen gehen die Uhren anders

  • vonPatrick Dehnhardt
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"In Gießen gehen die Uhren anders" - das denkt sich mancher im Landkreis Gießen. Tatsächlich hatte die Stadt lange Zeit eine eigene Zeitzone.

Während vielen bereits die Zeitumstellung zweimal im Jahr gehörig auf die Nerven geht, war diese früher bei Überlandreisen eine normale Begleiterscheinung: Im Deutschen Reich existierten zig verschiedene Zeitzonen. In Bayern galt etwa die Münchner Zeit - und die hinkte der in Preußen geltenden Berliner Zeit sieben Minuten hinterher. Böse Zungen und Schalke-Fans behaupten, dass diese wohl noch heute bei Nachspielzeiten in Bundesligaspielen für den FC Bayern München angewandt werde. Dafür standen die Uhrzeiger in Bayern 23 Minuten vor denen im Königreich Württemberg.

Kaum Auswirkungen auf de Alltag

Auf den Alltag hatten die verschiedenen Zeitzonen allerdings nur geringe Auswirkungen: Weite Reisen waren Besonderheiten - und ein Goethe oder Luther brachten dafür sowieso jede Menge Zeit mit.

Mit den modernen Verkehrsmitteln änderte sich dies jedoch: Die Eisenbahn konnte auf einmal lange Distanzen innerhalb weniger Stunden überbrücken - und kreuzte dabei verschiedene innerdeutsche Zeitzonen. So konnte es vorkommen, dass ein Zug um 12 Uhr losfuhr, eine Zonengrenze überquerte und um 11.55 Uhr am Zielort ankam.

Jürgen Röhrig, Eisenbahn-Experte aus Pohlheim-Hausen, hat ein Museumsstück aus dieser Zeit in seinem Bücherregal stehen: ein Fahrplanbuch der Oberhessischen Eisenbahn vom "1. October 1891". Damals wurde der Monat nicht nur mit c geschrieben, sondern waren auch Züge zwischen Hungen und Laubach sowie Nidda und Schotten unterwegs - beides längst aufgegebene Bahnstrecken.

Zeitgesetz tritt in Kraft

Als Vorbemerkung zu den Fahrplänen heißt es: "Die angegebenen Zeiten bedeuten Mittel-Europäische Zeit. M.E.Z. weniger 25 Minuten ist Giessener Zeit." Da gingen doch glatt die Uhren in der Stadt schneller!

Die 25 Minuten Vorsprung gingen am 1. April 1893 verloren: Mit Inkrafttreten des "Zeitgesetzes" galt im ganzen Deutschen Reich die M.E.Z.. Das Uhren umstellen auf längeren Reisen entfiel damit, auch konnte sich ein Berliner mit einem Gießener für 12 Uhr zum Telefonieren verabreden, ohne mühselig auszurechnen, wer um wie viel Uhr anrufen muss. pad/FOTOS: PAD

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