Leere Schalter am Flughafen: Aktuell werden nur wenige Urlaubsreisen gebucht.
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Leere Schalter am Flughafen: Aktuell werden nur wenige Urlaubsreisen gebucht.

Corona-Krise

Gießen: Anti-Corona-Maßnahmen sorgen für Kritik - Quarantänepflicht wie »Arbeitsverbot« 

  • vonLena Karber
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Berherbergungsverbot, Quarantänepflicht - immer neue Anti-Corona-Maßnahmen sorgen in der Tourismusbranche für große Not. Die Reisebüros im Kreis Gießen schlagen Alarm.

  • Für viele Gießener Fällt der Herbsturlaub aufgrund der Corona-Krise 2020 flach.
  • Reisebüros im Kreis Gießen leiden unter der Situation.
  • Betreiber: »In Griechenland und in Spanien waren die Stände im Sommer fast leer und hier an der Ostsee lagen sie wie die Ölsardinen.«

Gießen – Mal eben nach Ägypten, Gran Canaria oder Griechenland fliegen, um dem tristen Grau entfliehen? Das machen wegen Corona in diesem Jahr nur sehr wenige Leute. Und mit dem Beschluss einer Quarantänepflicht für Reiserückkehrer aus Risikogebieten dürfte sich die Zahl der Reisewilligen noch einmal reduziert haben. Ein Test, um die Quarantänezeit zu verkürzen, ist nun frühestens nach fünf Tagen möglich. Für die ohnehin bereits gebeutelte Tourismusbranche ist das ein erneuter Rückschlag.

»Die wenigsten Leute können nach einer Woche oder zehn Tagen Urlaub noch einmal eine solche Quarantäne anhängen«, sagt Birgit Korditzky vom First Reisebüro in Grünberg. Für Bianca Ludwig von der Reiselounge in Staufenberg entspricht die Maßnahme daher einem »Berufsverbot« für die Branche.

Dabei läuft es ohnehin nicht gut: Seit den Sommerferien habe sie erst eine einzige Reise verkauft, erzählt Ludwig - und das, obwohl alle ihre Kunden, die im Vorfeld gebuchte Reisen trotz der Pandemie angetreten hätten, sehr zufrieden gewesen seien. »Die haben durch die Bank weg gesagt, dass es der beste Urlaub war, den sie bisher hatten«, sagt sie. Der Grund: viel Platz und viel Rücksicht - oftmals mehr als im heimischen Supermarkt. »Wenn jeder auf sich aufpasst, ist reisen kein Problem«, sagt Ludwig. »Und wenn man nicht auf sich aufpasst, kann man auch in Deutschland keinen Urlaub machen.«

Reisebüros in Gießen in der Not: Familienbesuche gefährlicher als Urlaub?

Doch während Urlaub in Deutschland im Sommer boomte, wurden und werden Auslandsreisende oftmals schief angeschaut. Korditzky berichtet sogar von einer Kundin, die von ihren Arbeitskollegen angefeindet wird, weil sie eine Kreuzfahrt gebucht hat. Dabei haben klassische Urlaubsreisen beim Anstieg der Infektionszahlen laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts wohl eine geringere Rolle gespielt als zunächst vermutet. Nur ein relativ kleiner Prozentsatz der positiv getesteten Reiserückkehrer kam aus gängigen Urlaubsländern wie Griechenland, Italien, Frankreich oder Spanien. Deutlich höher war hingegen der Anteil derer, die aus dem Balkan oder der Türkei zurückkehrten - also vermutlich häufig von Familienbesuchen. Nach einer Auswertung der Testfirma Centogene infizierten sich etwa 5,09 Prozent der Menschen, die in den Kosovo fuhren, jedoch nur 0,23 bis 0,49 derer, die nach Portugal, Spanien, Italien, Griechenland oder Ägypten reisten.

Carsten Heinz vom Holiday Land Reisebüro in Pohlheim sieht die Stigmatisierung von Auslandsreisen daher kritisch. »In Griechenland und in Spanien waren die Stände im Sommer fast leer und hier an der Ostsee lagen sie wie die Ölsardinen«, sagt er. »Aber das hat keinen interessiert.«

Reisebüros in Gießen fordern: Corona-Risikogebiete differenzierter ausweisen

Dass Jens Spahn im September noch dazu aufgerufen hatte, den Herbsturlaub in Deutschland zu verbringen, stieß in der Brache entsprechend auf wenig Verständnis. »Spätestens mit der Aussage von Jens Spahn ist die Nachfrage wieder komplett eingebrochen«, sagt Heinz. Ebenso wie seine Kolleginnen aus Staufenberg und Grünberg wünscht sich der Pohlheimer eine stärkere Differenzierung bei der Ausweitung von Auslandsrisikogebieten: Städte und Teilgebiete, statt Regionen und Länder, so die Forderung.

Wohin kann man also noch reisen, das ist die Frage, die derzeit oft gestellt wird. Aufgrund der steigenden Infektionszahlen ist nun auch der innerdeutsche Tourismus stärker in den Fokus gerückt, die Maßnahmen unterscheiden sich jedoch noch immer von den Regeln für den Auslandstourismus. So hat sich am Mittwoch die Mehrheit der Bundesländer für ein Beherbergungsverbot für Reisende aus Corona-Hotspots ausgesprochen, für den umgekehrten Fall, also Rückkehrer aus innerdeutschen Risikogebieten, gibt es allerdings keine Regelungen. Zudem wird es wohl wieder einmal keine einheitliche Lösung geben, denn einige Bundesländer haben bereits beschlossen, nicht mitzuziehen.

Für die Reisebüros sind die dynamischen Infektionszahlen und die ständig neuen Maßnahmen eine Herausforderung und haben die Arbeit grundlegend verändert. Die Beratungsdauer sei noch einmal deutlich gestiegen und man habe das Gefühl, extrem viel zu arbeiten, obwohl man wenig verkaufe, sagt Koditzky.

Auch Gießener in Corona-Krise unsicher: Entschädigung für Lohnausfall?

Da es nur noch wenig sonnige Ziele gibt, die nicht als Risikogebiet ausgewiesen sind, befürchtet Korditzky zunächst einen erneuten Rückgang der Verkaufszahlen. Trotzdem resigniert sie nicht: Auch, wenn der Run wohl nicht so groß werde wie sonst, rechnet sie im Dezember und Januar mit einem Anstieg der Nachfrage nach Sommerurlauben für 2021: »Das ist der einzige Grund, warum ich hier weitermache den ganzen Tag.«

Die Frage, ob Arbeitnehmer im Falle einer selbstverschuldeten Quarantäne weiterhin Geld bekommen, hat zuletzt für zahlreiche Diskussionen gesorgt. Auf GAZ-Anfrage schreibt das Hessische Ministerium für Soziales und Integration zu diesem Thema: »Nach der Rechtsauffassung aller Bundesländer handelt es sich bei der Entschädigung für Verdienstausfall nach § 56 IfSG um eine Billigkeitsentschädigung, die bei mutwilligem Aufenthalt in einem Risikogebiet versagt wird. Entsprechende Anträge werden abgelehnt.« Zudem streben Bund und Länder laut Homepage der Bundesregierung eine Rechtsänderung an mit dem Ziel, »dass bundeseinheitlich eine Entschädigung für den Einkommensausfall dann nicht gewährt wird, wenn eine Quarantäne aufgrund einer vermeidbaren Reise in ein bei Reiseantritt ausgewiesenes Risikogebiet erforderlich wird«. lkl

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