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Ob Pauke, Marimba oder Vibraphon - sie liebt das klassische Schlagzeug. Am Sonntag tritt Vivi Vassileva gemeinsam mit Gitarrist Lucas Campara Diniz beim Konzert auf der Hessenbrückenmühle auf.

"Es gibt so wenig Grenzen"

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Ihr Orchesterdebüt gab sie mit 13 Jahren. Vielfach wurde sie für ihr musikalisches Können ausgezeichnet. Heute zählt Vivi Vassileva zu den besten Schlagzeugerinnen, die Deutschland zu bieten hat. Ihre Leidenschaft für die Trommeln entdeckte sie als Kind an einem Strand. Am Sonntag gibt Vassileva in Laubach ein Konzert auf der Hessenbrückenmühle.

Sie sind in einer Musikerfamilie aufgewachsen. Ein ideales Umfeld für jemanden, der Schlagzeugerin werden will. Haben Sie je über einen anderen Beruf nachgedacht?

Vivi Vassileva:Ja. Bis ich 14 war, habe ich mir verschiedene Sachen durch den Kopf gehen lassen. Eine ganze Zeit wollte ich Schriftstellerin oder Journalistin werden. Denn als Kind habe ich viele Geschichten geschrieben, und aus einigen ist sogar ein kleines Buch geworden.

Um was ging es da?

Vassileva:Es waren Spukgeschichten, eigentlich zuerst nur eine, die ich im Rahmen einer Schularbeit geschrieben hatte. Weil meine Lehrerin den Text so toll fand, hat sie ihn vor der ganzen Klasse vorgelesen. Das hat mich motiviert, weitere Geschichten zu schreiben. Irgendwann ist daraus ein kleines Buch entstanden.

Spielten Sie zu dieser Zeit schon Schlagzeug?

Vassileva:Nein. Ich habe zuerst Geige spielen gelernt, weil alle meine älteren Geschwister das auch taten. Da war ich wohl so vier oder fünf. Allerdings war die große Leidenschaft für dieses Instrument bei mir nie wirklich da. Das Spiel kam nicht von innen.

Und beim Schlagzeug ist das anders?

Vassileva:Definitiv.

Ihr Kick-off-Erlebnis hatten Sie während eines Sommerurlaubes in Bulgarien, der Heimat Ihrer Eltern. Erzählen Sie davon.

Vassileva:Es war an einem der letzten unberührten Strände im Land. Wir verbrachten früher unsere Ferien dort. Gemeinsam mit Freunden und Bekannten. Am Wasser trafen sich immer alle. Jeder hatte irgendwelche Instrumente dabei - Handtrommeln, Flöten, alles Mögliche eben. In einem Jahr hatte sich jemand ein Drum-Set aus Holz und Plastikflaschen gebaut und spielte darauf. Das hat mich total fasziniert. Ich ging nicht mehr baden, ich wollte nur noch mitspielen.

Und von da an war Schluss mit Geige?

Vassileva:Nicht ganz. Aber ich habe meinen Vater so lange genervt, bis ich zu einem Schlagzeuglehrer gehen durfte. Mit neun Jahren war ich wohl so richtig hartnäckig. Als ich zehn wurde, hat es dann endlich geklappt.

Schlagzeug wird ja überwiegend von Männern gespielt. Warum entschieden Sie sich für dieses Instrument

Vassileva:Weil seine Vielfalt mich begeistert. Wenn man Geige spielt, spielt man immer wieder die Geige. Beim Schlagzeug hat man die kleinen Trommeln, die Marimba, das Vibraphon, die Pauke, und, und, und. All diese Instrumente lassen so viel Raum für immer neue Entdeckungen. Es gibt so wenig Grenzen.

Auch was die Musikrichtungen angeht?

Vassileva:Natürlich. Es gehört dazu, dass man verschiedene Musikrichtungen spielt, weil verschiedene Schlagzeuginstrumente verschiedene Ursprünge haben. Das fasziniert mich bis heute immer wieder.

Ihr Orchesterdebüt gaben Sie im Alter von 13 Jahren als Solistin mit den Hofer Symphonikern, die vermutlich allesamt mindestens doppelt so alt waren wie Sie. Was war das für ein Gefühl?

Vassileva:Es war sehr schön. Ich habe mich sehr zu Hause gefühlt.

Bei Ihrem ersten großen Auftritt, wie das?

Vassileva:Mein Vater war Geiger dort, seine Kollegen waren regelmäßig bei uns zu Hause. Ich kannte sie. Außerdem spielte meine Mutter gerade das Piano und mein Schlagzeuglehrer die Pauke.

Bereits als 15-Jährige nahmen Sie Ihre erste CD auf und gewannen internationale Wettbewerbe. Ist Ihnen der Erfolg zu Kopf gestiegen?

Vassileva:Nein, überhaupt nicht. Wenn man einen Traum hat und der einfach noch viel größer ist, als das, was man erreicht hat, dann kann das nicht passieren. Weil man immer weiter arbeiten muss, um dorthin zu kommen.

Und wovon träumen Sie?

Vassileva:Davon, einfach immer mehr zu erreichen. Besser zu werden. Mehr zu entdecken. Die Musik auszudrücken, ihre Geschichten. Dafür bin ich die ganze Zeit auf der Suche, als Solo-Künstlerin und gemeinsam mit anderen Musikern in verschiedenen Projekten.

Wie wird man so erfolgreich wie Sie?

Vassileva:Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch eine Leidenschaft hat. Wenn er die verfolgt, dann hat er auch die Motivation, hart dafür zu arbeiten. Und dann wird diese Arbeit irgendwann Früchte tragen.

Beim Konzert auf der Hessenbrückenmühle am Sonntag spielen Sie unter anderem Werke von Bach und Debussy. Passt das Schlagzeug überhaupt zur Klassik?

Vassileva:Natürlich. Ein Orchester ohne Schlagzeug wäre undenkbar. Wenn in einer Beethoven-Symphonie die Pauken fehlten, gäbe es ja gar keinen Höhepunkt. Mit meiner Musik möchte ich zeigen, dass Schlagzeug mehr kann als Rhythmus, dass man Harmonien und Melodien spielen kann, und dafür probiere ich alles Mögliche aus. Außerdem wünscht man sich auch als Schlagzeuger, in den Genuss der großen Meister zu kommen.

Hören beziehungsweise spielen Sie auch Rock und Pop?

Vassileva:Nein. Dann müsste ich Drum Set spielen, aber das ist nicht die Welt, die mich interessiert. Ich liebe das klassische Schlagwerk. Die Kombination aus den verschiedenen Klängen verschiedener Instrumente wie Pauke, Becken, Marimba oder Vibraphon. Das voranzubringen, Neuentdeckungen zu machen. Dafür arbeite ich. Instrumente, Technik und Literatur sind sehr, sehr vielfältig. Man muss viel Zeit investieren.

Wie lange üben Sie am Tag?

Vassileva:So acht, neun Stunden.

Und wie viele Konzerte spielen Sie im Jahr?

Vassileva:Im Durchschnitt 20 bis 30, aber ich will in Zukunft mehr machen. Weil es noch so viele Dinge gibt, die mich interessieren.

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