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Seit 2016 lebt Zabihullah Ahmadi mit seiner Frau und acht Kindern im Kreis Gießen.

Kreis Gießen

Renommierter Kardiologe darf nicht arbeiten: Seit Jahren zum Nichtstun gezwungen

  • VonStefan Schaal
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Der in Linden lebende Zabihullah Ahmadi ist Kardiologe, in seiner Heimat in Afghanistan hat er bei Patienten Herzschrittmacher eingesetzt, er hat medizinische Fachbücher geschrieben und ist im Fernsehen als Experte aufgetreten. Hier muss er sich allerdings in Geduld üben, bis er als Arzt arbeiten darf. Seit inzwischen fünf Jahren ist er zur Untätigkeit verurteilt.

Linden – Jede Handbewegung entscheidet über Menschenleben: Als Kardiologe hat Zabihullah Ahmadi in seiner Heimat in Afghanistan in einem der sensibelsten Bereiche der Medizin gearbeitet. Er hat Herzschrittmacher eingesetzt und Stents gelegt.

Der 54 Jahre alte Arzt hat medizinische Fachbücher veröffentlicht, vor Studenten hat er Vorlesungen als Dozent geleitet, in Kabul ist er als Experte im Regionalfernsehen und im Radio aufgetreten. Nun will der Lindener nach der Flucht seiner Familie aus Afghanistan auch hier in Deutschland als Mediziner arbeiten. Doch aufgrund bürokratischer Hürden muss er warten.

Ahmadi sitzt an einem Küchentisch in Leihgestern. Mit leiser Stimme erzählt er von seiner Odyssee und dem Sammeln von Unterlagen in den vergangenen Jahren. Wenn er zu Hause in Linden bei seiner Familie sei, »schäme ich mich«, sagt er. Dass er seit fünf Jahren nicht in seinem Beruf arbeiten dürfe, treffe ihn. Es gehe nicht nur darum, seine Familie, seine Frau und seine acht Kinder zwischen fünf und 21 Jahren zu ernähren. »Ich möchte einfach kranken, armen Menschen helfen«, sagt der Kardiologe.

Kardiologe aus Linden (Kreis Gießen): „Muss um Geduld bitten“

Die in den vergangenen Jahren zusammengetragenen Unterlagen, die unter anderem sein Medizinstudium zwischen 1988 und 1995 in Kabul und Stellen als Assistenzarzt in Afghanistan, ein Stipendium in Tokio und seine noch nicht vollständig abgeschlossene, in Istanbul begonnene Doktorarbeit dokumentieren, habe er mitterweile seit Februar dieses Jahres beim Landesprüfungsamt im Gesundheitswesen in Frankfurt abgegeben, berichtet Ahmadi.

»Seitdem habe ich keine Antwort bekommen«, sagt er und zeigt das Antwortschreiben des Prüfungsamts vom Februar. Die Unterlagen seien eingegangen, heißt es in der Mail. Sie befinden sich nun in Prüfung. »Ich muss sie um ein wenig Geduld bitten.«

Zweifellos gibt es berechtigte Gründe dafür, dass die Anerkennung der Zulassung eines Arztes gründlich überprüft werden muss. Bei Medizinern aus Staaten außerhalb der Europäischen Union gestaltet sich der erforderliche Nachweis der Gleichwertigkeit der Ausbildung ohnehin häufig schwierig, die Ärzte müssen in aller Regel eine Eignungsprüfung ablegen. Der Verwaltungsgerichtshof Kassel hat 2013 in einem Urteil hervorgehoben, dass in Afghanistan im medizinischen Bereich oft Dokumente unwahren Inhalts ausgestellt würden. Dies stellt die Überprüfung vor zusätzliche Herausforderungen.

Kreis Gießen: „Ein Jammer“, dass Kardiologe aus Linden nicht arbeitet darf

Gleichzeitig sei es »ein Jammer«, betont die ehrenamtliche Kreisbeigordnete Silva Lübbers (SPD), »dass jemand mit diesen beruflichen Kenntnissen hier seit fünf Jahren nur herumsitzt.« Lübbers verweist auf den Fachkräftemangel. »Wir haben solche kompetenten Wissenschaftler. Und nutzen sie nicht.« Nicht einmal bei simplen Behandlungen wie bei den Corona-Schutzimpfungen habe man Ahmadi einsetzen können, weil ihm die Approbation fehlt, sagt sie kopfschüttelnd.

Die ebenfalls in Leihgestern lebende Lübbers unterstützt Ahmadi, hat Kontakte beispielsweise zum Uniklinikum und zum Jobcenter hergestellt.

Es sei bedauerlich, »dass es nicht so etwas wie einen Coach gibt, der Mediziner wie ihn an die Hand nimmt und weiß, welche Wege man für eine Anerkennung gehen muss«, erklärt sie. Dass vor dem Hintergrund der langen Prüfung der Unterlagen der Verdacht im Raum stehe, dass afghanische Mediziner wie Ahmadi gefälschte Unterlagen einreichen, »finde ich mehr als ärgerlich«, sagt die SPD-Politikerin.

Ahmadi bereitet sich unterdessen seit Jahren auf seine Eignungsprüfung vor. Er hat Deutschkurse bis zum fortgeschrittenen Sprachniveau C1 abgeschlossen. Um nicht den Anschluss zu verlieren, hat er medizinische Vorlesungen an der Uni Gießen besucht. Online tauscht er sich regelmäßig mit anderen ausländischen Ärzten aus und diskutiert mit ihnen medizinische Themen. Die praktische Erfahrung als Arzt, betont er, fehle ihm aber. »Ich habe mehr als 20 Jahre gearbeitet«, sagt er. In seiner Zeit als Assistenzarzt in der Kardiologie der Uniklinik in Istanbul habe er täglich 80 Patienten betreut. »Und jetzt ist alles auf Pause.« Ahmadi hebt hervor: »Medizin ist ein praktisches Fach. Ich habe Angst, dass ich Wissen verliere, wenn ich noch länger untätig warten muss.«

Kreis Gießen: Aufenthalt hängt für Arzt aus Linden an Job

An der Anerkennung seiner Qualifikation als Arzt hängt viel. Auch die Frage, ob er mit seiner Familie weiter in Deutschland leben kann, die Duldung gilt bis 2023. Immer wieder denke er an sein großes, an einen Fluss grenzendes Haus mit einem riesigen Garten in der afghanischen Heimat zurück. Eine Rückkehr sei derzeit aber ausgeschlossen. Er habe für das afghanische Parlament kandidieren wollen, erzählt Ahmadi. »Taliban haben mir und meiner Familie mit dem Tod gedroht.« 2016 seien er und die Familie dann geflüchtet.

In emotionalen Worten hat er dem Landesprüfungsamt geschrieben, warum ihm der medizinische Beruf am Herzen liegt. »Die Kriege haben unsere wissenschaftliche Kraft zerstört, und unsere Jugend ist im Krieg aufgewachsen«, hat Ahmadi formuliert. »Aufgrund des Mangels an qualifiziertem akademischem Personal habe ich versucht, mehr zu tun.«

Er sei ein dynamischer Mensch, der einen großen Wunsch hat: »Der Menschheit zu dienen.« Schließlich fordert er das Amt auf: »Sie können mein Wissen und meine Erfahrung durch die Prüfung testen.«

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