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Mit regionalem Obst und Gemüse, das gerade Saison hat, liegt man immer richtig, sagt Thomas Männle.

»Gesundheit hat keine Lobby«

  • vonChristina Jung
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Auf dem Höhepunkt des Fast-Food-Booms suchte sich eine Gruppe junger Ökotrophologen 1981 ein Betätigungsfeld im Bereich Ernährung und gründete die Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) mit Sitz in Wettenberg. Anlässlich des 40-jährigen Bestehens spricht Hauptgeschäftsführer Dr. Thomas Männle über das Problem von schlechtem Essen und warum Regionalität gut für die Gesundheit ist.

Bio- und Öko-Geschäfte kamen in den 1980ern gerade erst auf, galten eher als Anlaufpunkte für Alternative und Körner-Freaks. Waren Sie damals so jemand?

Ich würde mich nicht als solcher bezeichnen.

Warum gründeten Sie eine unabhängige Ernährungsberatung?

Ich war früher in der Jugendarbeit aktiv und dort stellte ich fest, dass aufgrund des damaligen Ernährungstrends immer mehr Kinder übergewichtig wurden und in der Folge mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatten. Außerdem gab es für mich als studierten Ernährungswissenschaftler eigentlich keinen Beruf im klassischen Sinn. Man hatte lediglich die Möglichkeit, als Pharmareferent, in der Ernährungsindustrie oder als Lehrer an der Berufsfachschule zu arbeiten.

Sie schufen sich also quasi ihr eigenes Berufsfeld?

Sozusagen. Gemeinsam mit anderen Ökotrophologen gründete ich den Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung e. V., Ziel war es, Theorie und Praxis zu vernetzen und präventionsbezogene Informationen anzubieten. Auf wissenschaftlicher Grundlage, aber neutral. Gegen den damals einsetzenden Trend in der Ernährungsindustrie, Produkte mit Wissenschaftsdaten zu bewerben, um sie besser zu verkaufen.

Sie meinen eine Irreführung der Verbraucher?

Genau. Das fanden wir nicht gut. Wir wollten unabhängige Informationen liefern, denn eine Lobby für gesunde Ernährung gab es nicht.

Die 80er-Jahre stehen für den Niedergang der Kochkultur in Deutschland. Es ist das Jahrzehnt des FastFood-Booms, von Burgern und Backofen-Pommes. Wie verschafft man sich da als Gesundheitsberatung Gehör?

Das Entscheidende war, dass wir uns von den Fanatikern, den Freaks distanzierten und abhoben. Als Grundlage diente damals unser 1981 erschienenes, fachwissenschaftliches Werk »Vollwert-Ernährung«. Darüber hinaus führten wir Fachkongresse durch, um Informationen zu streuen und gründeten die UGB-Akademie, in der wir Mittler - beispielsweise Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten oder Hauswirtschaftler - aus- und weiterbildeten

Sie organisierten Kanäle, um unabhängige Informationen unters Volk zu bringen?

Ja und das zielgerichtet. Und da wir im universitären Umfeld unterwegs waren, hörte man uns zu. Die Fachwelt geriet unter Druck, und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung modifizierte nach und nach ihre Empfehlungen in Richtung Vollwerternährung.

Gemütliches Einkaufen auf dem Markt und gemeinsames Kochen - mittlerweile ist wieder Slowfood angesagt. Haben wir das Schlimmste aus der Fast-Food-Ära hinter uns?

Sagen wir mal so: Bei der Bildungsschicht ja. Aber bildungsferne Menschen stellen oft keinen Zusammenhang zwischen schlechter Ernährung und Krankheit her. Aber so wie beispielsweise im Handwerk die Ausgangsqualität des Materials die Endqualität des Produkts bestimmt, so verhält es sich auch mit der Nahrung und dem Organismus.

Nur dass eine schlechte Ernährung keine unmittelbarer Konsequenz verursacht.

So ist es. Der Organismus kann Fast Food lange kompensieren und uns Krankheiten vom Leib halten. Aber genau das macht es so schwer zu verstehen.

Das heißt, die bildungsferne Schicht ist heute Ihre Zielgruppe?

Auch. Wobei das nicht ganz einfach ist. Denn Gesundheit wird politisch gesehen nicht grundlegend gefördert. Grund dafür ist, dass das Geld in unserem Land nicht mit der Gesundheit verdient wird, sondern mit der Krankheit. Es gibt keine gesellschaftspolitische Lobby für Gesundheit, nur in der Familie ist man daran interessiert. Deshalb ist es unser Ziel, möglichst von unten her in der Gesellschaft eine gesundheitsförderliche Angebotspalette an Informationen zu ermöglichen. Damit jeder, der sich dafür interessiert, die Chance hat, sie zu bekommen.

Ihr Fokus liegt auf der nachhaltigen Ernährung. Was bedeutet das?

Dahinter steckt eine Ernährungsweise, die auf einer möglichst naturbelassenen, pflanzlichen Lebensmittelauswahl beruht und die nicht nur gesundheitliche Aspekte berücksichtigt, sondern auch ökologische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Kriterien.

Heißt konkret?

Die westlichen Länder verschwenden für die Herstellung von Lebensmitteln zu viel Energie. Der ökologische Fußabdruck ist dadurch zu groß. Die Unterernährung auf der südlichen Halbkugel und die Überernährung im Norden hängen unmittelbar miteinander zusammen. Wir vom UGB stehen für eine Ernährungsweise, die die Weltressourcen fair berücksichtigt und allen Menschen das Überleben auf der Erde ermöglichen soll.

Welche Rolle spielen dabei Regionalität und Saisonalität?

Eine entscheidende. Wenn eine Frucht regional gewachsen ist und verzehrt wird, entstehen keine großen Transportwege und dadurch wenig Emissionen. Der Hauptvorteil ist aber, dass die Frucht in diesem Fall voll ausreifen konnte und dadurch einen hohen Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen aufweist. Nicht nur Aroma und Geschmack sind dann besser, sondern das hat auch einen höheren gesundheitlichen Wert.

Apropos gesundheitlicher Wert. Vielfach wird zu einer fettreduzierten Ernährung geraten. Aber in Low-Fat-Produkten wird dieses meist durch ebenso ungesunden Zucker ersetzt. Wozu raten Sie?

Der Organismus braucht auch Fette; lebensnotwendige Fettsäuren und fettlösliche Vitamine. Wer sie weitgehend einspart und damit auch ihre Wertbestandteile, bekommt langfrisitig Probleme. Man muss kreativ und möglichst erfinderisch sein, um sich über natürliche Lebensmittel vollwertig zu ernähren und nicht über Fertigprodukte.

Schokoriegel, Pudding, Müsli - High-Protein-Produkte sind der neueste Hype der Lebensmittelindustrie. Was halten Sie davon?

Gar nichts. Es handelt sich um isolierte Bestandteile, und ein Isolat ist für den Organismus völlig unbekannt. Bis vor etwa 200 Jahren hat der Mensch gegessen, was in der Natur wuchs, die Grundlebensmittel. Und darauf sind wir genetisch geeicht, weil dort die Substanzen drin sind, die wir brauchen, um sie verarbeiten zu können. Im Gegensatz zum isolierten Protein, da fehlen begleitende Mikronährstoffe.

Seit vier Jahrzehnten arbeiten Sie in Ihrem Fach. Was waren aus Ihrer Sicht die größten Ernährungsmythen?

Oh je. Darüber gibt es ganze Bücher. Ein Beispiel sind Nüsse, die lange Zeit als Dickmacher galten und völlig verpönt waren. Ich habe während des Studiums spaßeshalber zwei Wochen lang jeden Tag zusätzlich zur normalen Ernährung ein Kilogramm Nüsse gegessen - also achttausend Kalorien zusätzlich aufgenommen, insgesamt täglich über 10 000 Kalorien.

Und - wie viele Kilos haben Sie zugelegt?

200 Gramm. Und die fallen unter die üblichen Schwankungen. Heute sind Nüsse wieder völlig rehabilitiert. Das Problem war die damals ausschließlich geltende Kalorienlehre, die in der Fachwelt gelehrt wurde, mittlerweile aber überholt ist, weil der energetische Maßstab nur bei einer Unterernährung nützt. 100 Kalorien Wisky sind nicht vergleichbar mit 100 Kalorien Gemüse. Es gibt inzwischen wichtigere Unterscheidungskriterien, der Energiegehalt ist dabei eher unwichtig, der natürliche Gehalt sekundärer Pflanzenstoffe ist heutzutage wichtiger.

Dr. Thomas Männle

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