+
Ein großer Spaziergänger war Sebastian Lotz vor der Corona-Krise nicht. Jetzt macht er es beinahe jeden Tag, um den Kopf frei zu bekommen. FOTO: KGE

Millenials und Corona

Generation Krisenfrei: Drei junge Kreis-Gießener über dem Umgang mit der Pandemie

  • schließen

Menschen, die gerade in ihren 20ern oder 30ern sind, sind die erste Generation ohne Krisenerfahrung. Wie nehmen sie die Corona-Pandemie wahr?

Die Erde unter Sebastian Lotzs Füßen ist so trocken, als wäre es Hochsommer. Er fährt kurz mit der Sohle seiner Sneaker darüber und blickt dann in den stahlend blauen Himmel. "Wahrscheinlich wäre es besser, wenn da mal ein bisschen Nass runterkäme", sagt der 30-Jährige aus Lich. Er hält kurz inne und schaut nachdenklich in die Ferne. "Aber ganz ehrlich", sagt er, "wenn es in dieser Situation auch noch ausschließlich regnen würde, dann wäre ich schon längst depressiv."

Eine Krise wie die aktuelle Pandemie haben die meisten Menschen, die jetzt in ihren 20ern oder 30ern sind, die sogenannten Millenials, hierzulande noch nie erlebt. Zumindest nicht bewusst. Als etwa am 11. September 2001 Flugzeuge in das World Trade Center donnerten, war Lotz 11 Jahre alt. Er kann sich an diesen Tag erinnern, wenn auch nur ganz dunkel. Dasselbe gilt für den Krieg in Afghanistan und im Irak sowie die Tsunami-Katastrophe 2004 - lediglich verblasste Erinnerungen. Nichts hat ihn wirklich selbst betroffen - bis jetzt. Viel tun, um die derzeitige Lage zu ändern, kann er nicht. Den besten Beitrag leistet Lotz momentan, in dem er einfach zu Hause auf der Couch bleibt. "Schon komisch", sagt er fast verlegen, "das sollte eigentlich nicht so schwer sein."

Millenials: Stillstand in Phase des Neuanfangs

Gerade den Millenials ist es zuzutrauen, eine Krise wie die aktuelle im wahrsten Sinne des Wortes auszusitzen. Sie sind mit der Digitalisierung aufgewachsen, und diese bietet unzählige Möglichkeiten, das Haus gar nicht mehr verlassen zu müssen. Die Maßnahmen rund um das Virus scheinen ihrem Lebensentwurf sehr nahezukommen, doch so einfach ist es nicht. Gerade diese Generation befindet sich in einer Lebensphase, die geprägt ist von Neuanfängen, vom Aufbruch und gleichzeitigem Ankommen. Die Krise bedeutet für sie vor allem eins: Stillstand.

Lotz beispielsweise hätte nun viel Zeit, seine Masterarbeit zu beenden. Doch dazu braucht er Material, an das er gerade nicht so einfach kommt, weil die Bibliotheken geschlossen sind. Zudem wurde seine Nebentätigkeit in einem Frankfurter Museum auf ein Minimum reduziert. Ähnlich geht es seiner jüngeren Schwester Corinna. Die 22-jährige aus Lich kann ihr Studium nicht wie geplant fortführen und auch ihr Nebenjob in der Kinder- und Jugendbetreuung liegt gerade auf Eis. Weil keiner der beiden noch bei den Eltern lebt, ist das auch ein finanzielles Problem.

Soziologe: Fehlende Perspektiven verursachen Stress

"Junge Menschen sind der Ungewissheit, die die Krise für ihre Lebensentwürfe mit sich bringt, besonders stark ausgesetzt", sagt Professor Andreas Langenohl. Der in Lollar-Odenhausen aufgewachsene Soziologe arbeitet an der Frage, welche gesellschaftlichen Folgen die derzeitigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens haben. Junge Menschen befänden sich häufig noch im Findungsprozess und seien auch auf dem Arbeitsmarkt noch nicht vollends angekommen. Nun fehlten vielen erst einmal die Perspektiven, "es ist klar, dass das Stress verursacht".

Er könne sich eigentlich nicht beschweren, sagt Sebastian Lotz immer wieder und auch seine Schwester äußert Ähnliches: "Mir geht es ja gut." Immerhin müssten sie keine Nachtschichten im Krankenhaus einlegen oder neben einem Vollzeitjob im Homeoffice noch Kinder betreuen. Dennoch kämpfen beide mit einem Gefühl, das sie weder benennen noch zulassen wollen, weil sie es für ein Luxusproblem halten: Langeweile.

Millenials: Selbstoptimierung in Selbstisolation?

Wie die Geschwister Lotz sahen viele andere kinderlose Millenials den Beginn von Shutdown und Social distancing vor allem als Chance: Endlich Zeit für die vielen Dinge, die sie schon lange tun wollten. Dieses Bild ergibt sich zumindest aus Social Media, wo unter dem Hashtag "StayTheFuckHome" in zahlreichen bunten Bildern die Selbstisolation als Phase der Selbstoptimierung gefeiert wird.

Lisa Kühtz ging es ähnlich. Die 28-Jährige aus Pohlheim hatte klare Vorstellungen davon, wie sie das Plus an freier Zeit möglichst sinnvoll nutzt: Etwa ein Fotobuch erstellen und wieder mehr Keyboard spielen. Mittlerweile hat sie aber gemerkt, dass das Schönste an der neu gewonnenen Freizeit die Zeit selbst ist. "Ich genieße es gerade, einfach mal nichts zu tun", sagt sie, "das entschleunigt und man merkt, wie viel Stress man sich sonst eigentlich macht."

Millenials: Corona-To-Dos als Kompensator

Doch nicht alle können den unfreiwilligen Leerlauf genießen wie Kühtz. Sebastian und Corinna Lotz etwa fehlen ihre gewohnten Strukturen sehr. "Ich bringe die Tage rum", sagt der 30-Jährige, "aber oft nur mit unbefriedigenden Beschäftigungen." Unterm Strich wirken die Corona-To-Dos der Millenials, die vielen guten Pläne und Vorsätze, lediglich wie ein Kompensator. Denn zumindest die drei Kreis-Gießener können mit allen Freizeitbeschäftigungen nicht das ersetzen, was sie am meisten vermissen: soziale Kontakte.

Die beiden Frauen wohnen zwar mit ihrem Partner zusammen und Lotz mit drei Mitbewohnern, doch was fehlt, sind die kleinen zwischenmenschlichen Begegnungen des Alltags. Kühtz etwa kommt generell gut mit dem Homeoffice klar, vermisst aber ihre Kollegin. "Die Tür zwischen unseren Büros ist immer offen", erzählt sie, "wenn mal eine lustige Mail kommt, rufen wir uns das zu und lachen gemeinsam." Das ginge zwar auch per Mail oder Telefon, aber so oft greife man dann doch nicht zum Hörer.

Millenials: Das Schlimmste ist die Einsamkeit

"Das Schlimmste ist die Einsamkeit", sagt Corinna Lotz. Nicht das Alleinsein an sich, sondern die fehlende Aussicht auf ein baldiges Ende. Wenn die Krise ausgestanden ist, wollen alle drei zuerst Freunde und Familie besuchen. "Ich denke, vielen geht es so. Vielen fehlt das Zwischenmenschliche", sagt Kühtz.

Sie sagt aber auch, dass durch die gemeinsam erlebte Krisensituation viele flüchtige Begegnungen auf der Straße wertvoller geworden sind. "Viel mehr Menschen, die sich eigentlich nicht kennen, grüßen sich plötzlich", sagt sie, "es wäre schön, wenn das auch nach der Krise anhält. Ein bisschen mehr Wärme. Ein bisschen mehr sozialer Zusammenhalt."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare