Auch in Corona-Zeiten ist es wichtig, in Kontakt zu bleiben. SYMBOLFOTO: DPA
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Auch in Corona-Zeiten ist es wichtig, in Kontakt zu bleiben. SYMBOLFOTO: DPA

Gemeinsam gegen die Demenz

  • vonLena Karber
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Eine Pille, die Demenz besiegt, gibt es nicht. Doch durch Bewegung, soziale Kontakte und vor allem Alltagstraining lässt sich der Verlust kognitiver und motorischer Fähigkeiten aufschieben. Demenzberaterin Heidi Harbusch aus Lich sagt, dass Erkrankte so sogar noch einige Jahre lang ein gutes Leben führen können - und auch präventiv gebe es einiges zu beachten.

Wenn Opa sich auf dem Weg zum langjährigen Hausarzt verirrt oder Oma plötzlich das eigene Badezimmer nicht mehr findet, ist der Schock meist groß: Oftmals wollen weder die Betroffenen noch ihre Angehörigen wahrhaben, was geschieht. Dabei ist Demenz weit verbreitet. Laut Alzheimer’s Disease International (ADI), einer internationalen Dachorganisation von Alzheimer-Gesellschaften, treten weltweit jedes Jahr mehr als 300 000 Neuerkrankungen auf - in der Regel im Alter. In Deutschland sind etwa zehn Prozent der über 65-Jährigen betroffen.

Trotzdem bedeutet die Diagnose Demenz für Familien oftmals eine Extremsituation. Gerade zu Beginn merken die Betroffenen meist sehr deutlich, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, und schämen sich dafür, sagt die Licher Demenzberaterin Heidi Harbusch. Die Folge sei der Rückzug aus dem sozialen Umfeld. "Diese Phase ist die schlimmste."

Doch auch Angehörigen fällt es häufig schwer, die Diagnose zu akzeptieren. "Wenn ein Familienmitglied praktisch langsam wieder zum Kind wird, bedeutet das oftmals eine Rollenverschiebung innerhalb der Familie", erklärt sie. Zudem sei Demenz in der Gesellschaft noch immer ein Tabuthema. Bis jemand - in der Regel ein Angehöriger - den Hörer in die Hand nehme und sich Hilfe von außen suche, dauere es daher oftmals eine Weile. "Viele kommen erst, wenn die Not ganz groß ist", sagt sie. Und selbst dann würden einige die Hintertür bevorzugen, um nicht gesehen zu werden.

Dabei ist das Zögern fatal. Denn man kann Demenz zwar nicht heilen, aber man kann die Symptome beeinflussen. Harbusch, die bereits seit vielen Jahren in der Demenzberatung tätig ist, weiß: gerade im Bereich der nichtmedikamentösen Therapie hat sich in den vergangenen Jahren viel getan.

So haben Forscher mehrere Faktoren identifiziert, die den Ausbruch der Krankheit begünstigen sollen: Schwerhörigkeit, ein niedriger Bildungsstand, Rauchen, ein Mangel an sozialen Kontakten, Depressionen und psychischer Stress, Bluthochdruck, Übergewicht, Bewegungsmangel, Diabetes mellitus sowie Kopfverletzungen, Luftverschmutzung und übermäßiger Alkoholkonsum. Würde man all diese Faktoren minimieren, könnten laut dem aktuellen "Report of the Lancet Commission 2020", der kürzlich vorgestellt wurde, 40 Prozent aller Demenzfälle verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert werden.

Erkenntnisse dieser Art macht sich die Demenztherapie zunehmend zunutze. So hat das Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen ein Konzept erprobt, bei dem Demenzerkrankte in Gruppensitzungen durch Beschäftigungsangebote wie Bewegungsspiele und Gedächtnisübungen fit gehalten werden sollen. Laut der begleitenden Studie nahmen im Rahmen dieser sogenannten MAKS-Therapie nicht nur depressive Symptome und aggressives Verhalten ab, sondern es konnten auch alltagspraktische und kognitive Fähigkeiten erhalten werden - und zwar über die Versuchsdauer von sechs Monaten.

Obwohl die Methode auf bereits bekannten Elementen basiere, hält Harbusch ihre Zusammenführung in einem studienbegleiteten Gesamtkonzept für eine "total gute Sache", deren Umsetzung in allen Pflegeheimen sinnvoll wäre. "Ich bin fest davon überzeugt, dass für die Betroffenen so ein ganz anderes Leben möglich ist", sagt sie. "Ein Leben, das viel, viel positiver ist." Allerdings, auch das betont Harbusch, ist es für Demenzerkrankte am besten, möglichst lange zu Hause im bekannten Umfeld bleiben zu können.

Angehörige sollten sich deshalb informieren und frühzeitig Beratungsangebote, Gesprächskreise oder Kurse besuchen. Denn während eine gesunde Ernährung, frische Luft, Bewegung und soziale Kontakte dazu führen, dass die Demenzerkrankten fröhlicher ins Bett gehen, besser schlafen und insgesamt ein besseres Leben haben, gibt es auch einige No-Gos. Etwa das Korrigieren und Diskutieren, das Abfragen von Wissen, die Konfrontation mit Fehlern und Momente des Bloßstellens sowie Einsamkeit.

Gerade Letztere sei im Zuge der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr ein Problem gewesen, meint Harbusch. Sie glaubt, dass sich so einige Krankheitsverläufe beschleunigt haben. Demenzerkrankte würden sich in der Isolation häufig eine eigene Welt aufbauen oder gar die Lust am Leben verlieren, sagt sie. "Isolation ist etwas ganz Schlimmes."

Als Demenzberaterin hat Harbusch während der Corona-Krise die Verzweiflung vieler Angehöriger erlebt - aber auch deren Kreativität. So hätten manche Fotos der Enkel übermittelt, telefoniert, während sie vor der Scheibe standen, oder auch durch das Fenster mit Bewegungen gezeigt, dass sie die Oma in den Arm nehmen wollen - Tipps, die auch im Falle einer erneuten Kontaktbeschränkung Sinn ergeben können. "Es ist wichtig, zu wissen", sagt Harbusch, "dass es immer Hilfsmöglichkeiten und Ideen gibt".

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