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Gemalt mit Sand aus Stromboli

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Silvia Rudnicki malt mystische Unterwasserwelten, sie modelliert Lampen aus Kaffeepulver und erschafft Kunstwerke aus funkelndem schwarzen Sand. Wie ist das Leben als Künstlerin auf dem Land? "Ich bin eine Einzelkämpferin", sagt sie. In Pohlheim, wo sie lebt und ihr Atelier betreibt, will sie nicht mehr ausstellen.

Holz lodert im Ofen, eine wohlige Wärme zieht durch das von Licht durchflutete Atelier Silvia Rudnickis in Watzenborn-Steinberg. Auf einem Tisch stehen Tassen und Becher voller Pinsel, Tuben mit Farbe, und Sprühflaschen. Rudnicki steckt in einem weißen Kittel, läuft durch den Raum. "Wo ist das Pariser Blau?", fragt sie, während sie ein Regal durchwühlt. "Das dunkelste Blau hinter dem Horizont." An manchen Tagen steht, sitzt und arbeitet sie hier auch mal 15 Stunden lang, bis nachts um 2 Uhr.

Rudnicki ist Künstlerin. Auf die Frage, ob sie davon leben kann, entfährt ihr ein leises, lang gezogenes "Neeeiiin". Die 65 Jahre alte Pohlheimerin ist Rentnerin, die Pädagogin hat beruflich lange mit Jugendlichen gearbeitet. Als Künstlerin auf dem Lande sei sie Einzelkämpferin, sagt sie.

Rudnicki mischt Pariser Blau an, neben Wasser gibt sie auch einen Tropfen Spülmittel dazu. "Damit die Farbe weicher wird", sagt sie. Rudnicki hat sich im Kreis Gießen einen Namen mit ihrer vielseitigen und gleichsam ausdrucksstarken Kunst gemacht, die offen für Experimente ist. "Ich liebe es, neue Dinge zu probieren", erklärt sie. "Alles, was mir in den Kopf kommt." Dann fügt sie hinzu: "Nur mit Acryl oder Pigementen, könnte ich nicht arbeiten."

Kürzlich hat sie begonnen, Lampen aus getrocknetem Kaffeepulver zu modellieren. "Wie ich auf die Idee komme? Weil ich Espresso trinke. Irgendetwas muss ich doch damit anstellen."

In Rudnickis Atelier stehen Arbeiten aus Alabaster und der gehörnte Kopf einer Chimära, einer griechischen Sagengestalt. Und wer die Gemälde der Pohlheimerin genauer in Augenschein nimmt, entdeckt immer wieder ein Funkeln auf der Leinwand. Rudnickis Geheimnis ist schwarzer Sand aus Stromboli. "Freunde bringen mir den Sand aus ihrem Urlaub mit. Es ist der beste Sand, den ich je zwischen den Fingern hatte." Sie kramt wieder in einem Regal, holt eine Dose hervor, schüttet eine Probe des vulkanisierten Sands behutsam in eine Schale. Tatsächlich: Er blitzt und funkelt. Auf das Gemälde trägt sie eine dünne Schicht Kleister auf, dann wirft sie den Sand gezielt wie ein Zauberer auf die Leinwand. "Das ist ein Hingucker", sagt sie. "Wie feiner Sternenstaub."

Rudnicki stammt aus Bayern, ist in der Nähe von Fürstenfeldbrück aufgewachsen. 15 Jahre hat sie in Berlin gelebt, bevor sie Mitte der 90er Jahre in den Kreis Gießen gezogen ist. Der Kunst widmet sie sich voll und ganz seit zehn Jahren. "Jugendarbeit als Pädagogin heißt, vor allem an Wochenenden und abends tätig zu sein. Das will ich nicht mehr."

Rudnicki hat als Künstlerin auf dem Land auch schon frustrierende Momente erlebt. Eine Ausstellung im vergangenen Jahr habe sie als "bösartig" empfunden. Im Pohlheilmer Rathaus habe eines ihrer Gemälde gehangen, auf dem eine Frau und ein Mann aus Ägypten zu sehen sind, mit Kopftuch und Turban. Es ist ein ausdrucksstarkes Werk mit starken farblichen Kontrasten. "Unter dem Bild stand eine Biotonne", erzählt Rudnicki. Das sei gefühllos. "Ich habe überlegt, einen Zettel zum Gemälde zu schreiben: Ist das Müll? Kann das weg?" Sie ergänzt: In Pohlheim werde sie nicht mehr ausstellen. Sie habe sich nun dem Kunst- und Kulturkreis Wettenberg angeschlossen, dort fühle sie sich wohl.

"Kunst ist Leben. Kunst ist Freiheit", sagt Rudnicki. Eine gewisse Bekanntheit im Kreis Gießen erlangte sie in den vergangenen Jahren mit ihren Gipsarbeiten von schwangeren Frauen. Diese trafen sich mit der Künstlerin bisweilen für neun Stunden, um ihre Körper in Gips modellieren zu lassen. Rudnicki bemalte die Skulpturen dann oft mit farbenfrohen Motiven. Dies mache sie heute allerdings nicht mehr, sagt sie. "Ich bin jetzt 65. Aus dem Thema der Schwangerschaft bin ich raus." (Fotos: pm/srs)

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