Trotz Sonnenschein herrscht am Montagvormittag vor dem AWO-Pflegeheim in Lollar Leere. FOTO: JWR
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Trotz Sonnenschein herrscht am Montagvormittag vor dem AWO-Pflegeheim in Lollar Leere. FOTO: JWR

Coronavirus

"Gelassenheit ist angesagt": So gehen Menschen im Kreis Gießen mit den Corona-Einschränkungen um

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Auch im Kreis Gießen stellen die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus die Menschen vor Herausforderungen. Wie gehen sie mit Kontaktvermeidung, Kita-Schließungen & Co. um? Größtenteils entspannt, wie ein Besuch in Lollar und Staufenberg zeigt.

Noch vor wenigen Tagen hätte sich wohl kaum jemand vorstellen können, wie stark das öffentliche Leben auch im Kreis Gießen von den Coronavirus-Schutzmaßnahmen beeinflusst wird: Notbetreuung in Kitas, Unterrichtsausfall in Schulen, massenweise abgesagte Veranstaltungen, Arbeitnehmer im Home-Office. Und natürlich: Keine Hände mehr schütteln. Es ist eine neue Erfahrung für die gesamte Gesellschaft. Ein gemeinsamer Kampf gegen einen Gegner, der unsichtbar und geräuschlos ist.

Dass der Alltag nun in vielen Bereichen quasi auf Sparflamme weitergeht, soll die Ausbreitung des Virus verlangsamen. Gerade ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen gilt es zu schützen. Doch wie gelingt das an Orten, wo viele Senioren gemeinsam versorgt werden müssen? Vor dem AWO-Pflegeheim in Lollar ist es am Montagvormittag sehr ruhig. Die Sonne strahlt, der Frühling ruft - doch niemand sitzt auf den Bänken vor dem Gebäude. Eigentlich öffnet sich die Eingangstür von alleine, nun gilt: Erstmal klingeln.

Coronavirus-Schutzmaßnahmen: Besuche eingeschränkt

"Wir haben schon länger darum gebeten, nur Besuche zu machen, die wirklich dringend sind", sagt Heimleiter Daniel Viale. Am Freitagabend ist aus der Bitte eine Verpflichtung geworden: Neben vielen anderen Maßnahmen hat die Landesregierung auch beschlossen, dass Besuche in Pflegeeinrichtungen stark eingeschränkt werden. "Maximal eine Stunde Besuch pro Bewohner - das ist schon ein Einschnitt", sagt Viale. Es habe auch schon Anfragen von Angehörigen gegeben, ob man die Besuche nicht ausweiten könne, "aber das geht natürlich nicht". Von den 99 Bewohnern in Lollar fragten einige nach, seien beunruhigt ob der neuen Lage. Nun müsse man von Tag zu Tag schauen, wie sich die Situation entwickle. Für die Menschen, die hier betreut werden, könnten die kommenden Wochen eine einsamere Zeit als sonst werden.

Bei der Planung bleibe nun "kein Stein auf dem anderen", erläutert Antony Müller, Geschäftsführer der Lollarer Pflegeeinrichtung. Einige Mitarbeiter müssen sich jetzt auch um die Betreuung ihrer Kinder kümmern - denn nur wenn beide Elternteile in sensiblen Berufen tätig seien, würde die Kinder weiter in einer Kita betreut. "Wir versuchen, flexible Lösungen zu finden", sagt Müller - und die wird es auf absehbare Zeit auch brauchen.

Direkt nebenan, am Lollarer Rathaus, steht eine Frau am Vormittag kurzzeitig vor verschlossenen Türen. Eine Mitarbeiterin und Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek kommen heraus, bitten um Verständnis: Gleich findet ein verwaltungsinternes Treffen statt, um sich abzustimmen. Auch im Rathaus ist nun Improvisation gefragt, und bislang läuft es laut Bürgermeister im Rahmen des Möglichen rund. In die Kitas seien morgens längst nicht alle Kinder gekommen, die wegen der Berufe ihrer Eltern einen Anspruch auf Betreuung hätten. "Es gibt auch Eltern, die Angst haben und ihre Kinder deshalb zuhause lassen", sagt Wieczorek. Ob in Kitas oder der Verwaltung - man müsse die Lage nun kontinuierlich neu bewerten.

Coronavirus-Schutzmaßnahmen: Skiurlaub nicht gebucht

Vor dem Rathaus geht ein Vater mit seinem kleinen Sohn spazieren. Er ist Arzt, hat aber gerade Urlaub und ist bislang noch nicht vom Arbeitgeber zurückbeordert worden - "aber wenn es notwendig ist, natürlich". Eigentlich wollte die Familie gerade verreist sein, "aber den Skiurlaub haben wir letzte Woche schon nicht mehr gebucht, weil das absehbar war", sagt er. Überrascht von den nun drastischen Maßnahmen in Deutschland ist der Lollarer nicht, "eher darüber, dass es so lange gedauert hat". Dass der Staat nun auf Nummer sicher geht, findet er richtig. "Was am Ende dabei rauskommt, ist für uns alle nicht richtig abzusehen."

In der Lollarer Ortsmitte herrscht am Montagmittag geschäftiges Treiben. Der Verkehr rollt, nicht wenige Fußgänger sind unterwegs. Doch es gibt Orte, wo die Corona-Krise sichtbar wird: Ein älterer Mann steigt neben der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) gerade aus seinem Auto aus, er wohnt hier. Dass der Hof einer der größten weiterführenden Schulen im Landkreis so ruhig und menschenleer ist, erlebt er sonst nur in den Ferien.

Der Senior lädt seine Einkäufe aus. "Ich war gerade einer von Hunderten, die Wasser gekauft haben", sagt er, wobei seine Ausbeute noch überschaubar ist. "Die Leute stürzen sich darauf wie verrückt, die Hamster-Mentalität scheint sehr ausgeprägt zu sein."

Auch diesen Lollarer scheinen die jüngsten Maßnahmen nicht wirklich überrascht zu haben. Doch die Auswirkungen der Einschnitte im öffentlichen Leben sind auch in seiner Familie angekommen: Seine Schwiegertochter ist Lehrerin, da stelle sich natürlich die Frage nach der Betreuung der eigenen Kinder. "Wir stehen Gewehr bei Fuß - aber nur als Notnagel", sagt der Großvater. Auch das gehört zu den neuen Regeln: Gerade Omas und Opas, die Eltern junger Kinder sonst teils aus der Patsche helfen können, wenn es an Betreuung hakt, sollen nun Kontakte vermeiden.

Coronavirus-Schutzmaßnahmen: Positiv denken

Zwar hätte auch der Lollarer Senior gern Veranstaltungen besucht, die nun ausfallen. Doch er versucht, weiter positiv zu denken. Nun habe er auch etwas mehr Freizeit. "Wenn man ein Haus mit Garten und Fahrräder hat, dann bieten sich Möglichkeiten ohne Ende." Es entstünden zudem auch neue Kontakte, man helfe sich bei Bedarf in der Nachbarschaft aus. Um das Einkommen müsse er sich ja auch nicht sorgen, "die Rente kommt noch aufs Konto", bemerkt er lächelnd. Natürlich werde auch er die neuen, noch ungewohnten Regeln des Zusammenlebens beachten, etwa zu anderen auf Abstand bleiben. Doch wenn er manchen mit Mundschutz auf der Straße sehe, sei das doch übertrieben. Sein Credo: "Gelassenheit ist angesagt, dann kann man alles packen."

In diesem Lollarer Supermarkt sind Hygieneartikel nun Mangelware. FOTO: JWR

Während der Mann seine Einkäufe ins Haus trägt, sitzt in der CBES gegenüber Marie-Luise Schirra in ihrem Büro zwischen leeren Gängen. Sie leitet hier das sprachlich-musische Aufgabenfeld. "Wir sind ganz gut vorbereitet", sagt sie. Schon am Freitag hatte die Schulleitung Vorkehrungen für einen Unterrichtsausfall getroffen, das mache sich nun bezahlt.

Auch die Pädagogin hat eine solche Situation noch nicht erlebt. Wie andere Kollegen hat auch sie Materialien für die Schüler im Online-Lernportal zusammengestellt. Nun gelte es, die Motivation für die Schüler hochzuhalten, häppchenweise wird sie ihnen Feedback geben.

Von der Betreuung für die fünfte und sechste Klasse habe am Montag kein Kind Gebrauch gemacht, sagt Schirra. Trotz Unterrichtsfall hatte sie am Morgen aber Besuch von ihrem Leistungskurs: "Ich hatte gestern Geburtstag und sie haben mir gratuliert." Wer weiß, wann sie sich wieder treffen.

Coronavirus-Schutzmaßnahmen: Teils volle Einkaufswagen

Von Panik im öffentlichen Raum kann auch in Staufenberg keine Rede sein. Auf den ersten Blick scheint an diesem frühlingshaften Mittag alles seinen gewohnten Lauf zu nehmen: Menschen gehen spazieren, kommen auf der Straße hier und da ins Gespräch, kaufen ein - und das nicht zu knapp: In der "Vitalen Mitte", dem zentral gelegenen Gewerbegebiet mit viel Einzelhandel, schiebt auf dem Parkplatz mancher einen prall gefüllten Einkaufskorb vor sich her. Und dass so viele gleichzeitig große Mengen Wasser kaufen, wäre an einem ganz normalen Montag doch sehr unwahrscheinlich.

In Daubringen dreht der Eiswagen aus Lollar gerade seine Runde. Als er in der Friedhofstraße hält, kommt niemand vorbei. Das sei aber um diese Zeit nicht ungewöhnlich, sagt der Eismann, "ganz normal". Er gibt sich - wenn man es wohlwollend interpretieren möchte - sehr entspannt. "Für mich ist das alles nur Panik." sagt er, fügt aber noch an: "Hoffentlich ist es in ein paar Wochen vorbei. Aber schauen wir mal, was passiert." Das weiß in diesen Zeiten keiner.

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