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Heuchelheimer spielt in „Jaguar“ mit – Neue Netflix-Serie startet heute

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Von: Stefan Schaal

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»Ich habe ja schon ein markantes Gesicht, wenn ich mich zurecht mache«, sagt Stefan Woelk. © Anne Fleischer

Der Heuchelheimer Schauspieler Stefan Woelk ist auf Bösewichte abonniert. Ab kommenden Mittwoch ist er in der Netflix-Serie »Jaguar« als Nazi zu sehen. Seine Rollen ergattert der 42 Jahre alte Woelk vor allem durch Online-Castings und über internationale Agenturen. Für zukünftige Jobs hat er einen Wunsch.

Heuchelheim – Stefan Woelk singt. Es sind Zeilen aus dem verbotenen Horst-Wessel-Lied, die Parteihymne der NSDAP. Spätestens in diesem Moment der Netflix-Serie »Jaguar« weiß der Zuschauer: Woelks Figur gehört zu den Bösen.

Der Heuchelheimer Schauspieler lacht auf, als er von seiner Rolle erzählt. Er spielt einen Bösewicht. Wieder einmal. In mehreren russischen Kinofilmen hat er bereits NS-Verbrecher verköpert. Nazis, die auf Panzern sitzen. Nazis, die durch Wälder rennen. Nazis, die töten, fluchen und schreien. Dieses Jahr war er an der Seite von Lars Eidinger im Streifen »Nahschuss« zu sehen - ausnahmsweise nicht als Nazi, sondern als Stasi-Beamter. »Mund halten, mitkommen«, befiehlt er Eidinger, bevor er ihn abführt. Nun spielt er auf Netflix erneut einen Nazi. »Wir sind wieder in meinem Genre«, sagt Woelk lachend.

Der Heuchelheimer sitzt in einer Bäckerei an der Marburger Straße in Gießen. Seine kantigen Gesichtszüge fallen ins Auge. Sie dürften maßgeblich dazu beigetragen haben, dass er auf die Rollen von Bösewichten abonniert ist. »Ich habe ja schon ein markantes Gesicht, wenn ich mich zurechtmache«, sagt er, während er mit einer Gabel einen Windbeutel zerkleinert. Er sei dankbar für die Rollen und seinen Einstieg in die internationale Filmbranche: »Das ist eine Nische für mich.«

„Jaguar“ auf Netflix: Stefan Woelk spielt - einmal mehr - einen Nazi

Woelk erzählt von seinem ungewöhnlichen Weg in den Schauspielerberuf. Der Heuchelheimer bewirbt sich weltweit per Faceboook, über Online-Castings und durch Agenturen für Filme und ergattert immer wieder kleinere Rollen. »Weil ich seit 2006 semiprofessionell als Model arbeite, hatte ich von Anfang an gute Bilder. Das hat mir geholfen.«

Vor gut sieben Jahren hat Woelk in Karelien nahe der russisch-finnischen Grenze seinen ersten Kinostreifen gedreht. »Im Morgengrauen ist es noch still«, die actionreiche Neuverfilmung eines Klassikers der 70er Jahre. Er spielt darin einen deutschen Fallschirmspringer, der eine russische Einheit von Frauen bekämpft. Dass derartige Filme, in denen er den Nazi verkörpert, darauf abzielen, die russische Patriotenseele zu stärken, sei ihm durchaus bewusst, sagt er.

Woelk hat seine Kindheit in Biebertal verbracht. Die Mutter war Krankenschwester, der Vater Vertriebler. Nach dem Abi an der Herderschule in Gießen Ende der 90er Jahre studierte er Facility Management an der Technischen Hochschule. Doch früh wusste er, dass er niemals Gebäude verwalten würde. Er jobbte, fuhr Pizza aus, arbeitete im Tierheim und kellnerte in Kneipen.

Woelk aus dem Kreis Gießen: Über MMA zu Netflix und ins Kino

Irgendwann stieß er im Internet auf Videos von brachial wirkenden Kämpfen in Käfigen. Er entdeckte die Sportart Mixed Martial Arts. Gleich beim ersten Training in Wetzlar brach er sich zwei Rippen. Doch er trainierte weiter, träumte von einer Karriere in der Sportart. Sieben Kämpfe bestritt er, nach dem letzten musste er k. o. aus dem Ring getragen werden. Der Traum war bald vorbei. »Aber ich habe Disziplin gelernt«, sagt er. »Und was es bedeutet, Schmerzen zu ertragen.«

In sozialen Netzwerken findet er damals kleine Jobs als Model, posiert für Fotografen. Und er entdeckt die Schauspielerei für sich. In Frankfurt absolviert er in Teilzeit eine drei Jahre lange Schauspielausbildung an einer privaten Akademie.

Dass er damals mit Ende 30 ein Quereinsteiger ist, sieht Woelk als einen Vorteil. In der Branche werde viel geblendet und viel gelogen, sagt er. Man müsse mit leeren Versprechungen leben. Dank seiner Lebenserfahrung könne er damit aber gut umgehen.

Auf der Suche nach der großen Filmrolle bewirbt sich Woelk in der ganzen Welt. Er arbeitet mit Agenturen in Portugal und Spanien sowie in London, Istanbul, Moskau und Kapstadt zusammen. Kürzlich hat er online für einen indischen Film vorgesprochen. Eine Agentur in Mumbai, bei der er unter Vertrag ist, hat ihm das Casting verschafft.

Panikausbrüche kurz vor Drehbeginn für Netflix-Serie „Jaguar“

Auch in der Netflix-Serie, in der Woelk nun ab Mittwoch (22.09.2021) zu sehen ist, spielt der Heuchelheimer wohlgemerkt eine kleine Nebenrolle. »Ich bin einer, der eins auf den Deckel kriegt«, beschreibt er seine Figur in einem Satz. »Ich habe mit der Hauptdarstellerin Blanca Suárez vor der Kamera gestanden«, erzählt Woelk. In einer Szene liefert er sich ein Blickduell mit dem Schauspieler Stefan Weinert.

Vier Drehtage hatte Woelk in Madrid. Kurz vor Beginn im Sommer vergangenen Jahres melden sich allerdings die Produzenten bei ihm. Ob er denn die aktualisierte Version des Drehbuchs bekommen habe, wollen sie wissen. Ja, antwortet er, schaut hinein - und entdeckt zu seinem Entsetzen, dass er seine Rolle nicht mehr wie geplant auf Deutsch, sondern in spanischer Sprache spielen musste. »Ich hatte Panikausbrüche«, erzählt Woelk. »Ich hatte solche Angst, dass ich Mist gebaut und das übersehen hatte.«

Die Produzenten erklären ihm, dass sie sich kurzfristig umentschieden hätten. »Halb so schlimm«, sagen sie und bieten ihm einen Sprachkurs an, um seine Sätze auf Spanisch einzuüben. Woelk nimmt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, heute blickt er auf die Anekdote mit Humor: »That’s show business.«

Das Horst-Wessel-Lied singt Woelk in der Serie indes auf Deutsch. Das Lied habe er vorher nicht gekannt, sagt er.

Schauspieler aus Heuchelheim (Kreis Gießen): „Im Ausland bin ich der Exot“

Woelk träumt weiter von der großen Hauptrolle. Mit kleineren Jobs in internationalen Filmen verdiene man durchaus Geld. Allein davon leben könne er aber nicht. Seine Brötchen verdient er mit Werbe- und Imagefilmen. So stand er für ein Schulungsvideo einer Apotheken-App vor der Kamera. Er hat angefangen, Schauspielern Coaching-Seminare zu geben, die wie er internationale Rollen ergattern wollen. Um für sich und seine Familie etwas hinzuzuverdienen, vermietet Woelk zudem inzwischen Ferienapartments. Der Heuchelheimer hat eine zwei Jahre alte Tochter.

Seine Jobs in internationalen Filmen betrachtet Woelk als Privileg. Er sei dadurch auch weltoffener geworden, sagt er. Er hofft auf Aufträge in China und Indien. »In Deutschland ist es schwieriger, Rollen zu bekommen. »Im Ausland bin ich der Exot.« Nur einen Wunsch habe er für zukünftige Rollen. »Ich wünsche mir schon, etwas anderes als einen Nazi zu spielen.« (Stefan Schaal)

Ebenfalls auf Netflix startet bald die dritte Staffel der Serie „You – Du wirst mich lieben“. Der neue Trailer ist nichts für schwache Nerven.

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