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Die Flure sind verwaist, die Senioren bleiben zum großen Teil auf ihren Zimmern. FOTO: DPA

"Es geht ums nackte Überleben"

So äußern sich Heimleiter zur bedrohlichen Situation für Seniorenzentren - "Schutzmasken kosten plötzlich 13 Euro statt 45 Cent"

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Pfleger sind verunsichert, Senioren haben Angst. Nach 27 Todesfällen in Pflegezentren in Wolfsburg und Würzburg durch das Coronavirus machen sich auch in Heimen im Kreis Gießen Sorgen breit. In mehreren Pflegezentren muss ohnehin improvisiert werden, wenn Masken, Schutzanzüge und Desinfektionsmittel ausgehen.

Es sind eigentümliche und gleichsam berührende Szenen, die sich derzeit in der Burgresidenz Luitgard in Staufenberg immer wieder abspielen. Bewohner des Seniorenheims stehen drinnen vor dem geschlossenen Fenster und winken nach draußen, verteilen Handküsse an ihre Kinder und Enkel. Näher können die Senioren ihren Familien momentan nicht kommen, selbst wenn sie Geburtstag feiern - wegen des Besuchsverbots in Pflegezentren.

Der Ausbruch des Coronavirus in Heimen in Wolfsburg und Würzburg, wo in den vergangenen Tagen 27 Menschen gestorben sind, macht deutlich, welche dramatischen Folgen die Ausbreitung des Virus in Seniorenzentren haben kann.

"Bei einem Coronafall wäre es aus räumlichen Gründen schwierig, eine Isolierstation einzurichten"

Im Kreisgebiet wurde glücklicherweise noch kein Coronafall in einem Pflegeheim vermeldet. Die Sorge in den Einrichtungen allerdings ist groß.

"Bei einem Coronafall wäre es aus räumlichen Gründen schwierig, eine Isolierstation einzurichten. Unsere Heime sind voll belegt", erklärt Bernd Klein, Leiter des Oberhessischen Diakoniezentrums, das drei Seniorenzentren mit 237 Bewohnern in Lich, Hungen und Laubach betreibt.

"Schutzmasken kosten jetzt plötzlich 13 Euro pro Stück statt 45 Cent"

Pflegekräfte seien durchaus verunsichert, berichtet Klein Sorgen könne er vor dem Hintergrund der Fälle in Wolfsburg und Würzburg nachvollziehen. Es gelte allerdings, ohne Panik weiter zu arbeiten. "Ein Bewohner ist nicht gleich mit dem Coronavirus infiziert, wenn er hustet."

Klein ärgert sich unterdessen über Geschäftemacher. "Schutzmasken kosten jetzt plötzlich 13 Euro pro Stück statt 45 Cent." Es gehöre sich nicht, auf diese Weise von der Coronakrise profitieren zu wollen. Hier müsse die Politik einschreiten, fordert Klein. "Da sollte es nicht ums Geldverdienen gehen. Es geht ums nackte Überleben."

Lätzchen statt Masken: Pflegeheime müssen improvisieren

Die Flure sind verwaist, die Senioren bleiben zum großen Teil auf ihren Zimmern. Mitte März bereits haben die Pflegeheime Besuche rigoros eingeschränkt, um besonders gefährdete Gruppen wie kranke, pflegebedürftige und ältere Menschen vor der Ausbreitung des Coronavirus zu schützen. Auch hausinterne Veranstaltungen wie Gymnastik und Singstunden fallen in den Heimen aus. Persönliche Gespräche zwischen Pflegekräften und Bewohnern sowie soziale Betreuung gebe es aber weiterhin, erklärt Lara Flohrschütz vom Seniorenzentrum Gleiberger Land in Wettenberg. "Nur nicht in Gruppen."

Die Einrichtung von Isolierstationen in voll belegten Heimen sei ein Problem, bestätigt Flohrschütz. Ihr Seniorenzentrum könnte aber im Notfall reagieren, weil man in Hungen gerade ein Schwesternheim gebaut hat, das noch nicht bezogen worden ist.

Die Coronakrise verlangt den Seniorenzentren einiges an Improvisationstalent ab - auch bei der Beschaffung von Schutzmasken. Während eine Familie aus Krofdorf mehr als 60 Masken für das Seniorenheim Gleiberger Land genäht hat, ist die Burgresidenz in Staufenberg zeitweise auf Lätzchen ausgewichen. Engpässe gebe es derzeit bei den Schutzanzügen für die Pflegekräfte, berichtet die Leiterin des Heims, Bianca Krell. "Wir haben keine wasserabweisenden Kittel mehr." Die Mitarbeiter tragen daher momentan Schutzanzüge für den einmaligen Gebrauch. Masken und Handschuhe reichen noch für die nächsten zwei Wochen.

"Wir genießen das Leben"

Eine Flasche Cola und mehrere Packungen Süßigkeiten lagen kürzlich vor dem Eingang des Staufenberger Pflegezentrums. Ein kleines Geburtstagsgeschenk von Angehörigen einer Seniorin, das Mitarbeiter zunächst desinfizierten und dann einer Bewohnerin übergaben.

Trotz aller Angst und trotz der Besuchsverboten lassen sich zahlreiche Senioren nicht unterkriegen - wie ein Beispiel aus Buseck zeigt. Die Bewohner des Johanniter-Stifts haben ihre Familien per Fotogruß überrascht. Mit einem Glas Aperol in der Hand und mit zwei Sätzen: "Wir halten durch für euch. Wir genießen das Leben."

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