Julian Klötzl
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Julian Klötzl

REGISTRIERUNG BEI DER DKMS

Das Gefühl, Leben zu retten

  • vonLena Karber
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Julian Klötzl hat kürzlich Knochenmark gespendet. Anschließend erhielt der Azubi der Gemeinde Biebertal die emotionale Nachricht, dass seine Spende an einen italienisches Schulkind ging. Mit seiner Geschichte möchte er jeden, der noch nicht bei der DKMS registriert ist, dazu ermutigen, sich typisieren zu lassen.

Am vergangenen Wochenende hat sich Julian Klötzl hingesetzt und das Wörterbuch rausgeholt. "Ich habe mich an einem italienischen Brief versucht", erzählt der 23-Jährige, für den diese Sprache ein gänzlich neues Terrain ist. "Ich habe meine Gefühle aufgeschrieben und erzählt, wie es dazu kam." Bestimmt ist der Brief für einen Menschen, den Klötzl nicht kennt, dessen Gewebemerkmale jedoch zu 98 Prozent mit seinen eigenen übereinstimmen - Klötzl hat ihm kürzlich Knochenmark gespendet.

Vor fünf Jahren hatte sich der damalige Schüler im Rahmen einer Informationsveranstaltung der Knochenmarkspenderdatei (DKMS) an seiner Schule in Weilburg typisieren lassen. "Ich habe gedacht: Wieso sollte man das nicht tun, wenn man vielleicht wirklich mal jemandem helfen kann?" Allerdings, räumt Klötzl, ein, habe er nicht damit gerechnet, tatsächlich jemals Spender zu werden. Kein Wunder: Laut DKMS liegt die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zehn Jahren als Spender helfen zu können, nur bei höchstens fünf Prozent.

Umso größer war die Überraschung, als Klötzl, der aktuell eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Gemeinde Biebertal macht, im Februar eine E-Mail von der DKMS erhielt, in der ihm mitgeteilt wurde, dass er als potenzieller Spender infrage komme. Nach einer Blutprobe beim Hausarzt, die im DKMS-Labor untersucht wurde, war klar, dass die Gewebemerkmale tatsächlich zu fast 100 Prozent übereinstimmen und es zwei Möglichkeiten der Spende gibt: die periphere Stammzellspende, bei der Zellen ambulant aus dem Blut des Spenders gewonnen werden, und die Knochenmarkspende, bei der dem Spender mit einer Punktionsnadel Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen wird. Letzteres muss stationär gemacht werden. Klötzl erklärte, dass er zu beiden Varianten bereit sei.

Obwohl laut DKMS in 80 Prozent der Fälle eine Stammzellenspende über das Blut erfolgt, war in diesem Fall die Entnahme von Knochenmark erforderlich, um dem Patienten zu helfen. Für Klötzl bedeutete das zunächst eine ausgiebige Voruntersuchung und anschließend einen Aufenthalt in einem Kölner Krankenhaus mit zwei Übernachtungen Anfang April.

Um bis dahin die Gefahr einer Infektion, etwa mit dem Coronavirus, zu minimieren, bat Klötzl seinen Arbeitgeber, die Gemeinde Biebertal, in den zwei Wochen zuvor im Homeoffice arbeiten zu dürfen. "Das war kein Problem", sagt er rückblickend. "Bürgermeisterin Frau Ortmann war begeistert, dass ich helfe, Leben zu retten."

Trotz verschärfter Sicherheitsvorkehrungen wegen des Coronavirus - Tests auf Krankheitssymptome, Einzelzimmer, keine Begleitperson - empfand Klötzl den Aufenthalt im Krankenhaus ebenso wie das ganze Prozedere drum herum als gut organisiert. Es sei eher wie in einem Hotel gewesen, erzählt er. "Auch beim Arztgespräch hatte ich nicht das Gefühl, dass alles auf Zeit gemünzt ist, wie es sonst oft der Fall ist." Ausgiebig habe der Arzt ihm alles erklärt und Fragen beantwortet.

Die Operation, die unter Vollnarkose stattfand, dauerte nur 45 Minuten. Zurück auf dem Zimmer hieß es für Klötzl, zwei, drei Stunden auf Sandsäcken liegen, damit sich die Wunde verschließt und es nicht zu Blutungen kommt.

Am Nachmittag konnte er schon wieder aufstehen. Und auch die weiteren Tage gestalteten sich unkompliziert. "Es gab ein, zwei Nachmittage, an denen ich sehr müde wurde und mich hinlegen musste", sagt er. "Aber das war es dann auch."

Für viele Menschen in seinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis sei seine Spende eine Inspiration gewesen, sagt Klötzl. Wer noch nicht registriert gewesen sei, habe das nun nachgeholt. "Sogar mein Bruder, der eher kritisch war, hat sich dadurch ermutigen lassen", sagt er. Und ein älterer Mann aus seinem Wohnort Löhnberg, der an einer chronischen obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) erkrankt sei, habe ihm sogar eine Karte geschrieben. Anderen zu helfen sei so wichtig, hat er geschrieben.

Ein besonderer Moment war für Klötzl zudem der Anruf bei der DKMS nach der Operation. Während der Spender zuvor nichts über den Empfänger weiß, kann er nach dem Eingriff zumindest drei Faktoren erfragen: Land, Geschlecht und ungefähres Alter. In Klötzls Fall: Italien, männlich und zwischen sechs und zwölf Jahren. "Das zu erfahren, war total emotional, denn einem Kind zu helfen ist natürlich etwas ganz Besonderes", erzählt der Biebertaler Azubi. "Ich habe die ein oder andere Träne verdrückt, weil dieser Junge durch die Spende vielleicht die Chance hat, noch 60, 70 oder 80 Jahre zu leben."

Während in Deutschland nach zwei Jahren prinzipiell auch Treffen zwischen Spender und Empfänger möglich sind, erlaubt die italienische Regelung dies nicht. Kontakt ist hier nur anonym über die DKMS möglich. Klötzl hofft, auf diesem Weg zumindest die Geschichte seines genetischen Zwillings zu erfahren. "Ich möchte wissen, wie es dazu kam und wie es ihm geht", sagt er.

Da es eine Zeit dauern kann, bis der Körper eine Spende annimmt, hat er nach dem Eingriff erst einmal ein paar Wochen die Füße still gehalten. "Ich wollte abwarten bis der Empfänger hoffentlich auf dem Weg der Besserung ist", sagt er. Anschließend habe er dann mit seinem italienischen Brief begonnen. "Ich hoffe, dass seine Familie sich bei mir meldet", sagt er. "Oder er selbst, wenn er schon schreiben kann."

Jeder gesunde Mensch, der zwischen 17 und 55 Jahren alt ist und nicht bereits bei der DKMS oder einer anderen Datei registriert ist, kann Stammzellenspender werden. Auf der Internetseite der DKMS kann man dazu ein Registrierungs-Seit anfordern, das einem dann per Post zugesendet wird. Mit diesem macht man einen Wangenabstrich und sendet ihn gemeinsam mit den beiliegenden Unterlagen an die DKMS. Deren Labor bestimmt dann die Gewebemerkmale und kontaktiert einen, falls man als Spender für einen Blutkrebspatienten in Frage kommt. Alternativ werden oftmals regionale Typisierungsaktionen angeboten,

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