Gemeinsame Aktivitäten spielen in der Tagespflege "Lebensfreude" in Annerod eine große Rolle. Allerdings können wegen der Hygienebeschränkungen zurzeit vor Ort keine aktuellen Bilder gemacht werden. Bei der Illustration handelt es sich um ein Symbolfoto. SYMBOLFOTO: PANTHERMEDIA/ARNE TRAUTMANN
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Gemeinsame Aktivitäten spielen in der Tagespflege "Lebensfreude" in Annerod eine große Rolle. Allerdings können wegen der Hygienebeschränkungen zurzeit vor Ort keine aktuellen Bilder gemacht werden. Bei der Illustration handelt es sich um ein Symbolfoto. SYMBOLFOTO: PANTHERMEDIA/ARNE TRAUTMANN

Das Gefühl von Familie

  • vonred Redaktion
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Jeder Tag verläuft nach einer festen Struktur. Von Corona merken die Gäste der Seniorentagespflege "Lebensfreude" in Annerod nicht viel. Die Betreiber der privaten Einrichtung umso mehr.

Holzgetäfelte Decken, ein Röhrenradio, Spitzendeckchen und Schallplatten mit Schlagern aus den 70ern: Der Klinkerbungalow am Rand von Annerod wirkt nicht nur von außen ein bisschen retro. Das ist kein Zufall. Hier sollen sich Menschen, die vor 40 oder mehr Jahren voll im Leben standen, wohlfühlen. Jetzt sind sie alt und können sich nicht mehr selbstständig versorgen. Deshalb kommen sie in die Tagespflege mit dem schönen Namen "Lebensfreude".

"Tagsüber betreut - abends zu Hause": Unter diesem Motto hat Irmgard Buss 2013 die familiäre Einrichtung gegründet. Zwölf Plätze gab es am Anfang, wegen der großen Nachfrage sind es mittlerweile 16. Ein Gast - so nennt Buss ihre Senioren - ist seit Anfang an dabei.

Aber die Zeiten ändern sich. Corona stellt auch den Alltag in der Tagespflege auf den Kopf, bis auf Weiteres darf nur eine Notbetreuung angeboten werden. Außerdem will die 62-jährige Gründerin ein bisschen kürzer treten. Sie behält die Pflegedienstleitung, hat aber zum 1. Februar die Geschäftsführung abgegeben. Kathrin Diehl und ihr Vater Robert Schäfer haben die "Lebensfreude" übernommen. "Ein tolles Konzept, man muss nichts ändern", sagt Diehl. "Wir führen alles weiter, wie Frau Buss es aufgebaut hat."

Irmgard Buss ist eine Pionierin der privaten Tagespflege im Landkreis Gießen. "Als ich hier aufmachte, war ich die erste", erzählt sie.

Bevor sie sich selbstständig machte, war Buss selbst in der Tagespflege tätig. Schon damals hatte sie ihre eigenen Vorstellungen von Betreuung in familiärer Atmosphäre. "Die Leute sollen nicht merken, dass sie in einer Einrichtung sind", sagt sie. Nachdem sich die Altenpflegerin 2011 für die Pflegedienstleitung und Heimleitung qualifiziert hatte, machte sie sich auf die Suche nach einer passenden Immobilie. Der großzügige und ebenerdige Bungalow in der Industriestraße in Annerod, zuvor das Zuhause einer Familie mit fünf Kindern, passte.

Die Senioren, die vom hauseigenen Fahrdienst aus dem gesamten Landkreis nach Annerod gebracht werden, kommen aus ganz unterschiedlichen Gründen in die Tagespflege. Weil sie zu Hause alleine sind. Weil sie sich nicht mehr selbst versorgen können. Weil die Angehörigen berufstätig sind. Oder weil der Ehepartner einfach mal Entlastung braucht. Manche sind an fünf Tagen da, andere nur an einem, ganz wie es die familiäre und persönliche Situation verlangt.

Die Tage in der "Lebensfreude" haben eine feste Struktur. 9 Uhr Frühstück, 12 Uhr Mittagessen, 14.30 Uhr Kaffeetrinken. Dazwischen gibt es Vorlese- und Gesprächsrunden, Sitzgymnastik, Erinnerungsarbeit, Gedächtnistraining oder Frage- und Antwortspiele. Wer will, kann im Ruheraum ein Nickerchen halten, und bei schönem Wetter trifft man sich auf der Terrasse, vor der zurzeit bunte Wiesenblumen blühen. Der geregelte Tagesablauf ist wichtig, denn die meisten Gäste, die hier von Buss und ihrem siebenköpfigen Team betreut werden, sind an Demenz erkrankt. "Hier sind sie in Gesellschaft unter Menschen, denen es ähnlich geht", sagt die Leiterin. Ganz wichtig seien die Mahlzeiten. In der "Lebensfreude" wird frisch gekocht und gebacken. Nicht nur, weil es besser schmeckt, sondern auch wegen der Gerüche, die durchs Haus ziehen. "Auch wenn die Sprache weg ist, die Sinne sind ja noch da", erläutert Irmgard Buss.

Angehörigen von älteren Menschen empfiehlt sie, sich möglichst früh Hilfe zu holen. "Gleich, wenn man merkt, dass sich die Mutter verändert." Je später die Gäste kommen, desto schwieriger werde die Eingewöhnung. Das gelte für alle Beteiligten. "Auch für uns."

Wie sehr sich die Welt um sie herum verändert hat, merken die Gäste, die zur Notbetreuung in die "Lebensfreude" kommen, kaum. Zwar sind weniger als die Hälfte der Plätze belegt und Abstands- und Hygieneregeln gelten auch hier. Aber am Tagesablauf hat sich nichts geändert.

Zu kämpfen haben die anderen, die gerade nicht kommen können. Immer wieder werde sie von Angehörigen gefragt, wann es denn weitergehe, erzählt Irmgard Buss. "Aber wir haben den Startschuss für den Regelbetrieb noch nicht." Noch nicht mal die Aussicht für einen Termin. Überhaupt gebe es von Seiten der Landesregierung wenig Hilfestellung. Wie kommt’s? "Wir sind eine Nische", sagt Irmgard Buss. Und Kathrin Diehl ergänzt: "Die Nische, die am stärksten betroffen ist."

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