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Mundschutz am laufenden Band: Wie viele Ehrenamtliche hierzulande näht Annemarie Mahlke-Wissner in Allendorf/Lumda derzeit Masken aus bunten Baumwollstoffen. FOTO: TI

Corona

Gefragt wie kaum ein anderes Produkt: Mundschutz Marke Eigenbau

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Sie sind derzeit so gefragt, wie kaum ein anderes Produkt. Vielfach gibt es aber bereits Schwierigkeiten bei der Beschaffung. Ehrenamtliche nähen Schutzmasken deshalb jetzt selbst.

Sonnenlicht fällt durch das Fenster in den kleinen Raum. Es erhellt zwei Tische, auf denen es nach jeder Menge Arbeit aussieht. Eine Kiste mit Nähgarnen steht dort, in einer anderen sind Gummis und Bänder. Stoffe liegen herum, außerdem Scheren, Nadeln und andere Utensilien. Es ist das Reich von Annemarie Mahlke-Wissner. Gerade schiebt sie ein lilafarbenes, in Falten gelegtes Stoffteil unter dem Fuß der Nähmaschine hindurch und fasst die floral-gemusterte Baumwolle mit türkisfarbenem Schrägband ein. Wenn das Teil fertig ist, wird es das wohl derzeit begehrteste Accessoire sein. Denn die Allendorferin produziert Schutzmasken. Drei verschiedene Modelle, alle für den privaten Gebrauch. Die Anleitungen dafür hat sie aus dem Internet, wo diese gerade haufenweise zu finden sind. Um Medizinprodukte handelt es sich bei ihren Kreationen allerdings nicht, sagt die 68-Jährige.

Kann es auch nicht, denn für die braucht es eine spezielle Zertifizierung, weiß Irene Wille, Hygiene-Beauftragte an der Asklepios-Klinik in Lich. Dort werden, wie an anderen Krankenhäusern, vor allem drei verschiedene Schutzmasken verwendet. Am häufigsten die Mund-Nasen-Schutzmasken (MNS), auch OP-Masken genannt.

Medizinische Masken sind zertifiziert

Im Umgang mit hochinfektiösen Patienten, wie beispielsweise jenen, die an Covid 19 erkrankt sind, kommen allerdings die sogenannten FFP-Masken der Schutzklassen 2 und 3 zum Einsatz. Sie bestehen aus gehärtetem Papier oder Stoff, sind mehrlagig und verfügen in der Regel über einen Filter. Sie sitzen mit etwas Abstand über Mund und Nase, liegen aber an den Wangen eng an. "Nur diese sind für medizinisches Personal im Umgang mit dem Coronavirus zertifiziert", sagt Wille.

Für Seniorenheime und Praxen

Dennoch produzieren gerade landauf landab Ehrenamtliche wie Mahlke-Wissner Schutzmasken und geben sie an Privatpersonen, therapeutische Praxen oder Altenheime ab. So auch die Nähgruppe der Busecker Generationenwerkstatt. Seit einer guten Woche zaubert das Team um Brigitte Volk aus Stoffspenden die teils kunterbunten Masken. Ob gelb, pink, türkis oder grau, unifarben, mit Streifen, Punkten oder floralem Muster - Abnehmer sind die Seniorenresidenz Haus Wiesecktal in Reiskirchen und die Sozialstation der Johanniter in Großen-Buseck, berichtet Volk.

Andere nicht anstecken

In Reiskirchen zählt man auf die Handmade-Masken, Zertifizierung hin oder her. "Sie schützen die Träger natürlich nicht vor dem Virus", sagt Markus Raab, Leiter der Seniorenresidenz. Aber sie verhinderten das unkontrollierte Verteilen von möglicherweise virenbelasteten Tröpfchen und reduzierten damit das Risiko, andere anzustecken. Damit hält es Raab mit Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité und derzeit einer der gefragtesten Männer im Land. Der Experte hatte diese Art des Fremdschutzes als sinnvoll bezeichnet, um das unbewusste Anstecken anderer zu vermeiden.

Desinfektion in der Waschmaschine

Im Haus Wiesecktal stehen jedem Mitarbeiter, der direkten Kontakt zu den Bewohnern hat, mindestens zwei dieser Schutzmasken zur Verfügung. "Nach der Schicht kommen sie in einen separaten Beutel und dann zur Desinfektion in die Waschmaschine", so Raab. Deshalb wird von den Ehrenamtlichen der Generationenwerkstatt ausschließlich reine Baumwolle für den Mundschutz verwendet. "So können die Masken bei 60 Grad gewaschen werden", sagt Volk.

Rüsten für den Ernstfall

Auch bei der Sozialstation der Johanniter in Großen-Buseck sind die Masken der Generationenwerkstatt gefragt. Als Vorbereitung für den äußersten Notfall sozusagen, wie Leiterin Marlies Brück sagt. Jenen Tag, an dem ihr und ihren 32 Pflegekräften vielleicht der medizinische Mundschutz ausgeht. "Derzeit sind wir aber noch versorgt", betont Brück.

Annemarie Mahlke-Wissner näht momentan nur für den Freundes- und Bekanntenkreis, aus dem vor zwei Wochen die erste Anfrage an sie herangetragen wurde. "Früher habe ich vor allem Patchwork genäht und bin damit auf Märkte und Ausstellungen gefahren, um es zu verkaufen", erzählt die Allendorferin, die aus dieser Zeit noch auf einen großen Stofffundus zurückgreifen kann. In den vergangenen Jahren habe sie vor allem alte Jeans zu Taschen oder Kinderhosen umgearbeitet. Upcyling, sozusagen.

Als man nun wegen des Mundschutzes auf sie zukam, setzte sie sich gleich an die Nähmaschine. Unentgeltlich selbstverständlich, ebenso wie die Damen der Generationenwerkstatt. Wissner: "Ich will daran nichts verdienen. Das fände ich in dieser Situation schäbig." Für Sozialstation oder Seniorenheime zu nähen, hält auch die Allendorferin für eine gute Idee und will demnächst in der Umgebung anfragen, wer an Handmade-Masken Bedarf hat.

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