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Gerade ist für die meisten Schüler im Landkreis mal wieder Distanzlernen angesagt. Für die Klassen sieben bis elf entwickelt sich diese Situation gar zum Dauerzustand. Schon länger schlagen Experten mit Blick auf die psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen Alarm. Auch an den Schulen ist man in Sorge.

Gefährliche Kontaktarmut

  • vonChristina Jung
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Freunde treffen? Fehlanzeige. Vereinssport? Gerade nicht möglich. Schulunterricht? Mal wieder auf Distanz. Auch Kinder und Jugendliche sind gezwungen ihre Kontakte coronabedingt einzuschränken. Mit erheblichen Folgen für die psychische Gesundheit.

Sich mit Freunden treffen und abhängen. Zocken, shoppen, Sport oder Musik machen. Das Leben genießen. Sich ausprobieren und seinen eigenen Weg finden. All das und noch viel mehr prägt das Leben von Jugendlichen. Schule spielt darin eine wichtige Rolle, denn hier beginnen schon früh morgens die sozialen Kontakte. Für viele wichtiger als der Unterricht selbst.

Corona allerdings hat diesen Alltag auf den Kopf gestellt. Mit Kontaktbeschränkungen, Aktivitätsverboten oder der Aussetzung des Präsenzunterrichtes. Die Folge: Der seelische Druck bei jungen Menschen steigt. Fast jedes dritte Kind im Alter zwischen 7 und 17 Jahren zeige inzwischen psychische Auffälligkeiten, heißt es beispielsweise in der Hamburger Copsy-Studie. Therapeuten, Fach- sowie Kinder- und Jugendärzte schlagen Alarm. Und auch an den Schulen wächst hierzulande die Sorge, vor allem mit Blick auf die Jahrgänge sieben bis elf, die - Abschlussklassen ausgenommen - in Hessen seit Mitte Dezember keinen Klassenraum mehr von innen gesehen haben.

Andrej Keller, Leiter der Clemens-Brentano-Europa-Schule (CBES) in Lollar, hatte sich dazu bereits vergangene Woche am Rande eines GAZ-Gesprächs geäußert und wird auf erneute Nachfrage nach demWarum konkret: »Weil ihnen die sozialen Kontakte fehlen. Weil sie keine sportliche Aktivitäten ausüben dürfen. Weil viele zu Hause häufig alleine sitzen«, sorgt sich Keller um diese Jugendlichen. Gerade in »dieser wichtigen Phase« bräuchten sie ihre »Peergroup«, den Input von Gleichaltrigen. Stattdessen seien sie nur von Geschwistern und Eltern umgeben.

»Dass Teenager, die pubertieren, wochenlang nur zu Hause sind, das geht gar nicht«, findet auch Jörg Keller, Leiter der Theo-Koch-Schule (TKS) in Grünberg. Auf der Suche nach ihrer Rolle und Identität lebten sie vom sozialen Miteinander ihresgleichen. Dass dieses seit Dezember quasi nicht vorhanden ist und auch in den Monaten zuvor mitunter stark eingeschränkt war, wird nach Kellers Auffassung nicht folgenlos bleiben. Er schätzt, dass die seelischen Auswirkungen mittelfristig sehr groß seien und die Gesellschaft noch lange beschäftigen werden.

Auch von Schülervertretern (siehe Kasten) und Politikern werden dieser Tage mit Blick auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen kritische Stimmen laut. In einer Pressemitteilung fordert etwa die SPD-Fraktion im hessischen Landtag ein konsequentes Wechselmodell mit ein bis zwei Präsenztagen für alle Schüler. Die Nachfrage nach Beratung und Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche sei um rund 60 Prozent gestiegen, heißt es in dem Schreiben mit Verweis auf die hessische Psychotherapeutenkammer und den Berufsverband hessischer Schulpsychologen. Bei 20 bis 25 Prozent der Schüler bestehe akuter Handlungsbedarf, weil sich psychische und soziale Probleme manifestierten. Ein weiteres Drittel empfinde die Situation als Belastung.

Und je länger die Pandemie dauert, desto größer wird sie. Das weiß man auch beim Staatlichen Schulamt Gießen. Vor allem die soziale Isolation und der Mangel an Sport, Hobbys und anderen Freizeitaktivitäten machten den Kindern und Jugendlichen zu schaffen, sagt die dort tätige Schulpsychologin Petra Haunert-Imschweiler. Besonders leiden nach ihrer Einschätzung die Schüler aus prekären Verhältnissen wie Armut, engen Wohnsituationen, körperlicher und/oder psychischer Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch in der Familie und Vernachlässigungen. Haunert-Imschweiler: »Solche Kinder sind zur Zeit besonders gefährdet«, weil ihnen der Freiraum und die Unterstützung in der Schule fehlten. Aber: Auch die Gruppe der Pubertierenden gelte es im Blick zu behalten. Da sie in der aktuellen Situation anfälliger dafür seien, Suchtmittel auszuprobieren oder depressive Stimmungen und Ängste zu entwickeln.

Schulpsychologische Hilfe wird laut Haunert-Imschweiler beim Staatlichen Schulamt seit Beginn der Pandemie häufiger in Anspruch genommen. Die Expertin spricht von einem »leichten Anstieg« der Anmeldungen. Dies betreffe alle Altersgruppen, der Schwerpunkt liege aber im Bereich der Grundschüler. Vornehmlich gehe es bei den Anfragen der Eltern und Lehrer um seelische Unterstützung, Vorbeugung psychischer Störungen, Prävention von Angststörungen, aber auch konkret um Wochenstrukturierungen und Beratung der häufig überforderten Mütter und Väter, sagt die Schulpsychologin. Auch wenn sie der Auffassung ist, dass die Familien diese Situation so lange durchhalten werden, »wie es von Seiten der Bedrohung durch die Pandemie notwendig ist« - die Hoffnung auf Normalität treibt viele um. Das weiß auch Peter Blasini, Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich. »Früher waren die Schüler froh, wenn der Unterricht ausgefallen ist«, sagt er. »Heute wünschen sie sich, dass es möglichst bald wieder losgeht.«

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