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Arbeiten wider das Vergessen: Werner Trampisch, Erika Weimer, Klaus Kreutz, Friedel Will, Horst Mandler, Armin Stroh und Rolf Henrich. Weitere Interessierte sind willkommen.

Gedächtnis des Dorfes

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"Wenn auch die Jahre enteilen, so bleibt die Erinnerung doch." Rolf Henrich liebt es, diese Zeilen aus Paul Linckes Operette "Im Reiche des Indra" anzustimmen. Der Wißmarer Sangesfreund, der am Freitag seinen 83. Geburtstag feiert, arbeitet mit einigen anderen an einer Art "Gedächtnis des Dorfes".

Wu eas dann Kreutze Klaus?" - "Vielleicht hott ers vergeasse. Er is ja auch nit mehr de Jüngste." Hat er aber nicht. Eine Minute später komplettiert der rüstige Senior die Runde in der alten Post beim Wißmarer Heimatmuseum.

Vergessen aber ist das richtige Stichwort: Friedel Will, Rolf Henrich, Erika Weimer und einige andere ältere Wißmarer sind zusammengekommen, um Informationen zusammenzutragen, die ansonsten verloren gehen. "Wir haben schlicht das Problem, dass Menschen wegsterben, ohne dass deren Wissen bewahrt worden ist", sagt Professor Werner Trampisch, der Leiter der Heimatvereinigung Wißmar.

Erika Weimer kann ein Lied davon singen. Vor bald sechs Jahren hat sie sich auf den Weg gemacht und Zeitzeugen zu deren Erinnerungen an den Einmarsch der Amerikaner in Wißmar im März 1945 befragt. Sie hat vieles davon fein säuberlich dokumentiert. Das mündete im Frühling 2015 in eine bewegende Gedenkveranstaltung und ein Buch. Doch schon heute, nur vier Jahre später, ist schon mehr als die Hälfte der Zeitzeugen, die zu Wort kamen, gestorben. Insofern war es höchste Zeit gewesen, deren Erinnerungen zu sichern.

Sie sind alle über 70, die da am Montag zur Vorbesprechung im Postzimmer zusammengekommen sind, um in lockerer Runde ihre Ideen zu entwickeln. Friedel Will, der alte Schuster, ist gar 85. Aber sie sind alle fit: Es stehen gleich vier E-Bikes vor der Tür. Und Will witzelt: "Ich habe mir gerade noch ’nen neuen Akku gekauft. Wenn der wieder so lange hält wie der letzte, dann ist’s gut. Sechs Jahre..."

Was wollen sie überhaupt sammeln und bewahren? Begebenheiten, Geschichten und Besonderheiten aus dem Leben der Menschen im Dorf, sagt Rolf Henrich, der pensionierte Schulmeister.

Wenige Jahre nachdem die Amerikaner kamen, also nach dem Kriegsende, begann ein neues Kapitel der Dorfgeschichte mit der Ankunft der Flüchtlinge: Wie war das damals eigentlich, als in das kleine, eher abgelegene protestantisch geprägte Dorf katholische Flüchtlinge au dem Osten, aus Ungarn zugewiesen wurden? Wo kamen sie unter, nachdem sie erst einmal alle in Wolfs Saal versammelt worden waren? "Es war nicht so, dass sie immer mit offenen Armen empfangen worden sind", weiß noch einer aus der Runde.

Ein Wort ergibt schnell das andere. Von den Flüchtlingen kommt man zu Straßennamen: Wo lag damals "Dreihausen"? Warum heißt die Schulstraße an ihrem westlichen Ende "Schlink"? Und welche Ecke im Dorf ist die "Bornhell"?

Solche Informationen will man zusammentragen und dokumentieren: Das kann klassisch in Schriftform sein. Aber Werner Trampisch hat auch ein paar Diktiergeräte mitgebracht, um Gespräche mit älteren Mitbürgern oder auch das eigene Wissen aufzuzeichnen. Und ja: Auch Menschen, die auf die 80 zugehen, wissen sehr wohl mit der Aufnahmefunktion ihres Smartphones umzugehen.

Das nächste Treffen ist bereits ins Auge gefasst: Am 11. September kommt die seniore Runde wieder zusammen. Für dieses und mindestens ein weiteres Treffen ist bereits ein thematischer Schwerpunkt gesetzt: Wißmarer Originale. Menschen eben, die einst das Geschehen im Dorf prägten. Episoden aus deren Leben will man zusammentragen. Etwa vom Dorf-Gendarm Ferdinand Wagner, dem Flurschütz Eduard Mandler oder dem Hausmetzger Heinrich Speier. Aber auch ein Kurt Stroh, in Erinnerung als das Kurtchen aus dem Kiosk, kann dazugehören. Von Hausmetzger Speier ist übrigens der Ausspruch überliefert: "Das Bier ist zu kalt, vom Schnaps wird man so schnell besoffen. Gebt mir lieber einen Apfel."

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