1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen

»Geboren durch Corona«

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Manfred Henss

Kommentare

_1KREISGIESSEN401-B_1643_4c
In der Vorbereitung von »Pohlheim macht auf« sei ihm aufgefallen, dass in den Stadtteilen wie in Watzenborn-Steinberg allein die Gespräche und Treffen unter den Vereinen dazu beigetragen haben, dass das Miteinander wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt sei, sagt Christian Görlach. © Manfred Henss

214 Veranstaltungen und 150 Gastgeber in sämtlichen sechs Stadtteilen: Auf Initiative von vier Ehrenamtlichen stellen die Pohlheimer am kommenden Wochenende ein riesiges Fest auf die Beine. Das Ziel von »Pohlheim macht auf« ist eine möglichst coronakonforme Veranstaltung. »Ich rechne mit 10 000 Besuchern«, sagt Christian Görlach. »Es wird sich aber nicht so anfühlen.

«

Am kommenden Wochenende steigt in Pohlheim ein Fest, das es in dieser Form im Kreis Gießen noch nicht gegeben hat. 10 000 Menschen werden voraussichtlich auf den Beinen sein, allerdings nicht an einem zentralen Ort. Mehr als 150 Vereine, Kirchen, Schulen, Unternehmen, Ladengeschäfte, Künstler und Einzelpersonen empfangen am Samstag und am Sonntag in allen sechs Stadtteilen zu eigenen Tagen der offenen Tür.

Mit dem Konzept wollen die Veranstalter unter dem Namen »Pohlheim macht auf« ein Fest ins Leben rufen, das sich an den Gegebenheiten der Pandemie orientiert. »Die Idee ist durch Corona geboren«, sagt einer von ihnen, Christian Görlach.

Ein Spaziergang um fünf Uhr am Morgen zum Ober-steinberg, Schritt für Schritt der Sonne entgegen, wird die Veranstaltung am Samstag eröffnen. »Wir laufen langsam, möglichst ohne zu reden«, kündigt Barbara Wolters an. Anschließend werden sich Besucher in Hausen im Axtwerfen probieren, auf dem Segelflugplatz werden sie in die Luft abheben und in Hubschraubern über die Stadt fliegen. Sie werden Live-Bands und einem Poetry Slam lauschen und in Grüningen mit einer Schwarzbrille vor den Augen durch die Werkstatt des blinden Künstlers Achim Kraft gehen, um seine von ihm gestalteten Holzskulpturen und Lampen ertasten.

214 Veranstaltungen wird es am Wochenende in Pohlheim geben. »Das hätten wir nie erwartet«, sagt Görlach, der das Fest auf ehrenamtlicher Ebene gemeinsam mit Eva Saarbourg, Günther Dickel und dem Gewerbevereinsvorsitzenden Reimar Stenzel, unterstützt von der Stadt, auf die Beine gestellt hat. »Wir sind komplett überrollt worden.«

Er gehe von insgesamt 10 000 Besuchern aus. »Durch den dezentralen Charakter wird es sich aber nicht so anfühlen«, sagt Görlach.

Tausend E-Mails habe er in den vergangenen Wochen verschickt und erhalten, Hunderte Telefongespräche geführt. Die Organisatoren haben einen Katalog erstellt, der das gesamte Programm aufführt, sie haben ihn in den Briefkästen Pohlheims verteilt. Eigens für das Fest haben sie Ortseingangsschilder gestaltet. Gespräche mit der GEMA gestalten sich kompliziert, »weil wir als Veranstaltung in keine richtige Kategorie passen«.

Busse werden die Besucher zwischen den Stadtteilen verbinden. »Der normale Rundverkehr fährt wie an jedem Wochenende«, berichtet Görlach. »Zusätzlich fahren zwei Busse, die eine andere Strecke nehmen.« Der Aufwand, fügt er hinzu, sei »riesig«.

Wer einen Blick ins Programm wirft, entdeckt recht wenige Auftritte von Gesangvereinen und Chören in der singenden Stadt. »Mehrere sind von Corona beeinträchtigt und haben erst dieses Frühjahr nach langer Pause wieder angefangen, zu proben«, sagt Görlach.

In der Vorbereitung sei ihm aufgefallen, dass in den jeweiligen Stadtteilen allein die Gespräche und Treffen unter den Vereinen dazu beigetragen haben, dass beim Plausch in der Gaststätte das Miteinander wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt sei.

Rund 300 zum großen Teil aktive Vereine existieren in Pohlheim. Mehr als 150 nehmen an »Pohlheim macht auf« teil. Die hohe Zahl und die Vielfalt seien beeindruckend, sagt Görlach. Gleichzeitig nehme er allerdings wahr: »Fast alle haben Probleme.« Es sind bekannte Schwierigkeiten, der Nachwuchs fehlt.

»Ein paar Sportvereine, zum Beispiel beim Tennis, haben noch viele Jugendliche und Kinder.« Doch bei sehr vielen sei es »nur noch eine Rumpfmannschaft, ein paar Leute, die den Verein am Leben halten«.

Sicher sei das bekannt, sagt Görlach. Aber im Vorfeld des Fests sei ihm dies besonders aufgefallen. »Es wird immer Vereine geben. Aber es flacht ab.« Auch in der Frage, wie »Pohlheim macht auf« im Fall einer Wiederholung organisiert und gestaltet werden könnte, mache man sich darüber Gedanken. »Wir sollten schauen, dass wir nicht nur die Vereinsmeier, sondern noch mehr Pohlheimer stärker einbinden können.«

Auch interessant

Kommentare