Die Gastronomie zählt zu den Branchen, die am härtesten von der Pandemie betroffen sind. Hessens Hotel- und Gaststättenverband bittet das Land nun um weitere Hilfen. FOTO: DPA
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Die Gastronomie zählt zu den Branchen, die am härtesten von der Pandemie betroffen sind. Hessens Hotel- und Gaststättenverband bittet das Land nun um weitere Hilfen. FOTO: DPA

Coronakrise

Gastwirte und Hoteliers in Angst vor dem Winter

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Voll besetzte Tische vor Restaurants und in Biergärten. "Das Bild täuscht", mahnt der Hotel- und Gaststättenverband bei einer Tagung auf Burg Gleiberg. Und stellt Forderungen an die Politik.

Ihre Probleme sind auch unsere" - mit einer Solidaritätsadresse begrüßte Gerhard Schmidt, Wettenbergs Ehrenbürgermeister und Vorstand des Gleibergvereins, die 50 Teilnehmer eines Treffens des Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) im Rittersaal der Gleiberg-Gastronomie. Betrieben wird die von Axel Horn, der gemeinsam mit dem Gleiberg-Verein als "Burgherr" nicht zuletzt mit Kulturevents der Corona-Krise getrotzt hat - und sich ei- ner Pachtminderung erfreute. Schmidt: "Die Gastronomie ist da, aber bleibt sie auch über den Herbst und Winter?"

Es ist die zentrale Frage des Treffens, bei dem gleich mehrere Gastronomen und Hoteliers berichten, dass schon heute Stornierungen, etwa von großen Weihnachts- und Familienfeiern, eingingen. Trotz aller Sofort- und Überbrückungshilfen drohe ihnen das Aus.

Michaela Richter, Hotelbesitzerin aus Marburg: "Unsere ganz große Sorge ist der Winter. Geschäftsreisende sind noch nicht alle an Bord. Touristen haben uns bisher gerettet, aber was ist, wenn es keine Veranstaltungen, keine Weihnachtsmärkte gibt? Dann helfen auch keine Überbrückungsgelder mehr."

Von der Psychologie des Gastes - oder Vertrauen schaffen ist Trumpf

Damit nicht genug, so ein Kollege, sei nicht abzusehen, ob der Gast bei Meldungen über steigende Infektionszahlen nicht vor einem Restaurantbesuch zurückschrecke. Vertrauen schaffen, indem man Hygiene- und Präventivmaßnahmen kompromisslos einhalte, lautete da der Rat von Julius Wagner, Hauptgeschäftsführer DEHOGA Hessen.

Ein Punkt, der Anlass für kritische Anmerkungen aus der Runde war: "Muss das denn sein?", bekomme man des Öfteren von Gästen zu hören, die auf andere Betriebe verwiesen, ihrem Ärger über die Hygieneauflagen mit einer schlechten Bewertung im Internet Luft machten. "Gerade in Gießen wird gemacht, was man will." Von Schwarzen Schafen war da die Rede, die dem Image der Branche schadeten, zu wenig kontrolliert würden.

Dass bei Umsatzverlusten von 60 und 75 Prozent im April und Mai, wie ein Heuchelheimer berichtete, kein Polster mehr vorhanden ist, liegt auf der Hand.

Zumal wenn man andere Erfahrungen als Axel Horn gemacht hat: Wie ein Gießener beklagte, habe er auf die Frage nach einer Pachtminderung vom Eigentümer zu hören bekommen: "Kein Handlungspielraum, seht, wie ihr klarkommt."

Julius Wagner kennt solche Klagen, kennt die Existenzängste der Kollegen und warnte vor den Folgen einer Pleitewelle: "Viele Fußgängerzonen sind jetzt schon halb tot." Die Gastronomie aber sei nun mal das A und O einer lebendigen Innenstadt, dessen sollte die Politik gewahr sein.

In einer gestern unterzeichneten Resolution wünschen die DEHOGA-Mitglieder daher Hilfe aus Wiesbaden. Dass es dafür positive Signale gebe, sowohl was die Steuerfrage als auch weitere finanzielle Unterstützung angehe, konnte Verbandsfunktionär Wagner den Kollegen mit auf den Weg geben.

Vorweggeschickt wird in der Entschließung, dass die sehr wohl notwendigen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung von den Gastronomen strikt eingehalten würden. Gleichwohl aber belasteten und schmälerten sie nun mal die Umsätze enorm. "Es ist ein Spagat unter schwierigsten Bedingungen - Gastlichkeit, Service und Präventionsmaßnahmen zu vereinen."

DEHOGA Hessen: "Der Winter wird eine echte Herausforderung"

Wie es weiter heißt, begrüße man die Unterstützung der Politik. Doch reichten geplante und bereits umgesetzte Maßnahmen nicht aus, halte doch Corona die Branche weiter im Griff. "Der Winter wird eine echte Herausforderung, die sonst ertragreiche Weihnachtszeit wirft ihre Schatten voraus, viele Feiern sind und werden noch abgesagt oder erst gar nicht mehr gebucht. Die traditionell schwachen Monate Januar bis März werden ihr Übriges tun, um das Ergebnis zu schmälern. Einige Betriebe sind schon vom Netz gegangen, weitere werden folgen. Eine gastronomische Einheit die jetzt schließen muss, wird so schnell nicht mehr öffnen können - wenn überhaupt." Die Forderungen an die Politik im Einzelnen:

Überbrückungshilfen über das Jahr 2020 hinaus.

gesetzliche geminderte Mehrwertsteuer für Gastgewerbe/Hotellerie auf Dauer.

weitere Unterstützung der Ausbildungsförderung. Einmalzahlungen reichen in der ertragsschwachen Zeit nicht aus, um das Gehalt der Azubis zu decken. Der Fachkräfte-nachwuchs wird durch die Pandemie weiter geschwächt.

steuerliche Entlastung der unteren Lohngruppen. Ein höherer Mindestlohn wäre ein falsches Signal. Dennoch braucht es Lohnanreize, um überhaupt noch Personal halten zu können.

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