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Thomas Brückner vor der Silhouette Grünbergs. Hier lebt und arbeitet er.

Ganz im Osten

  • Burkhard Bräuning
    VonBurkhard Bräuning
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Thomas Brückner ist unser Mann weit im Osten des Landkreises Gießen. Seit rund 35 Jahren berichtet er aus Grünberg, Laubach und der Rabenau

An einem grauen Tag im Juli treffen wir uns an der Sportschule Grünberg. Die kennt in der Region fast jedes Kind - und jeder Fußballfan. Wir haben auch Sportliches vor. Wir wandern!

Thomas lebt in Grünberg. Ein Heimspiel also. In der Stadt hat er Freunde, da fühlt er sich wohl. Wenn von Grünberg die Rede ist, denken viele an die bereits erwähnte Sportschule. Dort parken wir, ziehen die Wanderschuhe an und starten unsere Tour: Von Grünberg nach Laubach. Das Ziel: der Markplatz in Laubach.

Kein Tagesmarsch, aber wir sind lange genug unterwegs, damit Thomas erzählen kann von alldem, was so war in 35 Jahren. Er erzählt nicht distanziert, von außen betrachtet, sondern wie einer, der dazugehört, was er ja auch tut. Den Marktplatz, Grünberges »gut Stubb«, lassen wir heute links, besser rechts von uns liegen und laufen von der Sportschule aus in südwestlicher Richtung. Er kennt in der Stadt so gut wie jeden Winkel. Und er weiß sogar, wo die Mack’schen Teiche liegen. Muss man auch, wenn man hin will, denn die liegen versteckt, abseits der üblichen Wanderwege. Und so richtig groß ist dieses wertvolle Biotop auch nicht.

Aber erst mal genießen wir den freien Blick auf die Kernstadt und das Neubaugebiet Baumgartenfeld. Eigentlich ein tolles Fotomotiv, aber der Regen und die Wolken färben alles grau. Wir ändern kurz die Richtung, laufen über eine Wiese nach Osten, gehen ein paar Schritte in den Wald vor uns - und schon sind wir da: Die Mack’schen Teiche sind der Lieblingsplatz von »tb« in der Großgemeinde. Seine ganze Schönheit entfalten die heute allerdings nicht für uns, wirken eher wie ein Drehort für einen düsteren Edgar-Wallace-Film.

Wir gehen weiter. Thomas erzählt von seinen ersten Jahren in Grünberg. Das war Mitte der 1980er Jahre. Damals war die Altstadtsanierung das große Thema. »Grundsätzlich waren ja fast alle dafür, aber es gab trotzdem Projekte, über die bitter gestritten wurde. Lange wurde über ein Parkdeck am Diebsturm diskutiert. Nun, es wurde nicht gebaut, und heute ist der Parkraum auch kein ernsthaftes Thema mehr.« Wenn man Grünberg beschreibt, kommt man an dem Wort Fachwerk nicht vorbei. Wer mag sie nicht, diese alten Häuser, die damals aus ihrem Dornröschenschlaf erweckt wurden. »Die Altstadtsanierung ist eine Erfolgsgeschichte«, sagt Thomas. Als das Projekt sich dem Ende zuneigte, wurde die Höfetränke an der B49 umgestaltet. Waschkiesbauten und »Kaufhaus für alle« wurden abgerissen. Auf dem Gelände sollte auch eine öffentliche Toilette gebaut werden. Doch den »Mercedes unter den Klohäuschen«, wie ein Parlamentarier das ausgesuchte Modell bezeichnete, wollten die Verantwortlichen nicht bezahlen. Thomas titelte seinen Aufmacher am Folgetag mit zwei Wörtern: »Pissoir passé!«. Typisch Thomas!

Für Gesprächsstoff sorgen heute ganz andere Themen: Windräder zum Beispiel. Die nächsten zwei werden gebaut. Zuletzt, kurz nach der Wahl im März, tauchte wie aus dem Nichts eine Art Kenia-Koalition auf: Schwarze, Rote und Grüne überraschten die Freien Wähler bei der Magistratswahl im Parlament mit einer gemeinsamen Liste und holten sich damit den Posten des Ersten Stadtrates.

Wir laufen durch hohes und leider sehr nasses Gras. »Da hinten wird es hell« - das war der Running Gag des Abends.

In Grünberg wird viel gebaut (Baumgartenfeld), die Stadt hat drei Bahnhöfe und die B49 zerschneidet die Innenstadt in zwei Teile. Das ist auch der Grund, weshalb das Thema Umgehung schon auf der Tagesordnung stand, als »tb« vor 35 Jahren begann, aus Grünberg zu berichten. Er selbst ist eigentlich eher selten Thema in der Zeitung. Manchmal auf der Leserbriefseite, wenn er gelobt wird.

Thomas lebt in der Stadt, aber er hält Distanz - vor allem zu den Mandatsträgern. Siegbert Damaschke war »sein« erster Bürgermeister. Thomas: »Ein sturer Ostpreuße, so nannte er sich selbst.«

Thomas kommentiert auch mal scharf, aber er kann auch loben: »Grünberg hat sich in den 35 Jahren sehr gut entwickelt. Eine tolle Kleinstadt mit Dörfern drumherum, die liebens- und lebenswert sind.«

In allen Stadtteilen gibt es Vereine. Denen geht es zum Teil nicht mehr so gut wie noch vor 35 Jahren, aber fast alle sind noch da. Und es sind sogar neue hinzugekommen

Es ist so gut wie alles da, was der Mensch im Laufe seines Lebens braucht: Kindergärten, Schulen, (Fach-)Ärzte, Altenheime, Arbeitsplätze, Freizeiteinrichtungen, Feuerwehr und THW, Geschäfte von A wie Apotheke bis Z wie Zweirad-Service. Die Innenstadt lebt, auch wenn es immer wieder Leerstand gibt.

»Die Zahl der Kindergartenplätze wurde zuletzt wieder dem Bedarf angepasst, das kostet viel Geld. Aber wer junge Familien haben will, der kommt daran nicht vorbei«, sagt der Kollege.

Wir überschreiten die Grenze nach Laubach. Neue Stadt, neue Themen. Am Wetter ändert sich nichts.

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