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Rund 120 Bürger informieren sich in der Lumdatalhalle über die Finanzmisere der Gemeinde.

"Für Rentner schon ein Wort"

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Rabenau(tb). Die Bürger Rabenaus müssen sich auf die Folgen einer "Rosskur" ihrer Gemeinde einstellen, heute Abend soll das Parlament entscheiden. Wahrscheinlich ist ein Anstieg der Grundsteuern auf den kreisweiten Spitzensatz von 750 Prozent sowie der Wasser- und Abwassergebühren. Sicher aber ist: Den 5000 Einwohnern der Lumdatalgemeinde geht’s an den Geldbeutel. Auch Bürgermeister Langecker, dessen Steuerschuld für ein Dreifamilienhaus nach eigenen Worten um 320 Euro steigt.

Angesichts der erhöhten Rechnungen aus dem Rathaus verlief jüngste Bürgerversammlung erstaunlich unaufgeregt. Freilich machten mehrere Redner deutlich, dass vergleichsweise hohe Steuern bei wenig attraktiver Infrastruktur einen erheblichen Standortnachteil bedeuteten. So sei dem zwar nur leichten Bevölkerungsrückgang nicht zu begegnen.

Steuerplus von rund 143 000 Euro

Und sinngemäß: Für Rentner und Geringverdiener seien 800 Prozent Grundsteuer (Rathausvorlage) schon ein Wort, eine hohe Belastung. Im Übrigen aber folgte das Publikum der Verwaltung, wonach viele Ursachen der Misere - ein Besucher sprach gar von "Misswirtschaft" - in der Vergangenheit lägen.

"Der Prophet", so Langecker an die Adresse der 120 Besucher, "gilt ja im eigenen Land wenig". Und so übernahm Karl-Heinz Weicker - bis 2018 Kämmerer in Laubach, seit Juni in Rabenau - die Erklärung der Haushaltskrise eines Ortes, dem als "Kleinzentrum" kaum Entwicklungschancen erlaubt sind. Als erstes nannte er den Verstoß von Bund und Land gegen das Konnexitätsprinzip ("Wer bestellt, bezahlt"). Ein Beispiel seien die erhöhten Standards der Kinderbetreuung. "Seit 2013 stieg hier das Defizit von 600 000 auf 1,4 Millionen." Nicht anders sehe es bei der Feuerwehr aus: "Die Fahrzeuge passen nicht mehr in die Garagen, da müssen wir neu bauen."

Sodann aber legte er den Finger in die Wunde, nannte hausgemachte Ursachen: So sei 2007 bei der Ertüchtigung der Kläranlage ein Beitrag von 4 Euro/qm kalkuliert, vom Parlament aber 1,90 Euro beschlossen worden. Weicker mit Blick aufs Publikum: "Da haben Sie zwei Millionen gespart." Und eine weitere Million, da in Rabenau bis 2018 die Grundsteuern unterm Kreisdurchschnitt lagen.

Das Geld fehle nun, damals aufgenommene Kredite seien heute kaum mehr zu bedienen. Heuer sei so ein Fehlbetrag von 2,9 Millionen aufgelaufen, habe man keinen Pfennig investieren können. Jedoch: Das Prinzip "Verschiebebahnhof" komme am Ende viel teurer.

Fazit der Verwaltung: Ohne rigide Sanierung geht’s nicht, ist nicht mal die Vorgabe "Tilgung aus laufendem Geschäft" zu erfüllen, gibt es keinen genehmigungsfähigen Etat. Nur wenn diese Hausaufgabe aber gemacht sei, könne man beim Land um Schuldenerlass, Sonderzuweisungen oder Stundung der Raten für die Hessenkasse bitten, betonte Langecker.

Das Rezept der Verwaltung für 2020 ist bekannt: Immobilienverkauf (Erlös von 2,9 Millionen für Schuldenabbau und Investitionen nutzen), höhere Grundsteuern A und B (bei 750 Prozent 143 000 Euro plus), höhere Wasser- und Kanalgebühren (135 000 Euro plus), Minderung der Tilgung um 350 000 Euro (Gespräche mit Banken laufen). Mittelfristig gelte es, die Schulden von 14,5 auf 10 Millionen und mithin den Abtrag auf erträgliche 900 000 Euro zu reduzieren, um so überhaupt die Investitionen - bis 2030 auf 28 Millionen Euro geschätzt - finanzieren zu können. FOTO: TB

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