Verlassen und vergessen? Nicht ganz! Das ehemalige Steinbruchgelände nahe des Lutherberges ist heute Rückzugsort für eine Familie aus Bayern. FOTOS: TI, PM
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Verlassen und vergessen? Nicht ganz! Das ehemalige Steinbruchgelände nahe des Lutherberges ist heute Rückzugsort für eine Familie aus Bayern. FOTOS: TI, PM

Früher Heim, heute Rückzugsort

  • vonChristina Jung
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Vor rund 100 Jahren wurde hier Basalt abgebaut. Später diente das alte Steinbruchgelände nahe des Steinbacher Lutherbergs zwei Vertriebenenfamilien als Heimstatt. Heute scheint es ein verlassener Ort zu sein. Doch für eine Familie aus dem Oberbayrischen ist das Areal viel mehr.

Das Thermometer zeigt minus vier Grad. Bäume, Sträucher und Gräser sind mit winzigen Eiskristallen überzogen. Der Himmel erstrahlt in sattem Blau, die Luft ist klar. Es ist kalt an diesem letzten Tag im November. In den Wiesen und Feldern nahe des Steinbacher Lutherberges noch frostiger als unten im Dorf. Hans Franke kennt solche Tage. Hier oben, auf dem Gelände des alten Steinbruchs, hat der Garbenteicher rund zehn Jahre seiner Kindheit verbracht. In einer ehemaligen Lkw-Doppelgarage, vielleicht 20 Quadratmeter groß. Dort lebte er mit seinen Eltern und zunächst sechs später dreizehn Geschwistern, bevor die Familie 1956 ins Eigenheim in der Jahnstraße zog.

Mit dreieinhalb Jahren gelangte Franke mit seiner Mutter und sechs Geschwistern - der Vater befand sich noch in Gefangenschaft - im Mai 1946 aus dem Sudetenland nach Mittelhessen, vertrieben aus Obermohrau, einem 1200-Seelendorf im Kreis Römerstadt. "Wir kamen mit dem Zug über Bayern und wurden von Gießen aus verteilt", erinnert sich der heute 78-Jährige. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Universitätsstadt verschlug es die Frankes zunächst nach Allendorf/Lumda, bevor sie 1947 auf dem Gelände des stillgelegten Steinbruchs nahe Steinbach unterkamen. Das Gebäude - daneben gab es auf dem Areal noch eine alte Maschinenhalle, in der später eine andere Vertriebenenfamilie Zuflucht fand und eine Scheune - hatte ihnen der Arbeitgeber von Frankes Vater zur Verfügung gestellt, Heinrich Launspach. Der Unternehmer ließ dort allerdings schon lange keinen Basalt mehr abbauen. Er hatte seinen Betrieb auf die Hochwart verlegt, wo Männer wie Wilhelm Franke arbeiteten. "Wir Kinder sind nach der Schule oft dorthin gelaufen und haben dem Vater das Essen gebracht", erinnert sich Franke.

Rund 450 Vertriebene kamen 1946 nach Steinbach, wie Heimatforscher Hanno Müller in seiner "Steinbacher Chronik 1932 bis 1946" schreibt. Es begann im April mit 43 Personen aus dem Sudetenland. Höhepunkt sei der Juni gewesen, in dem mindestens 234 Menschen aus der Batschka (Ungarn/Jugoslawien) in Steinbach mit Obdach und dem Nötigsten versorgt werden mussten.

Untergebracht wurden die sogenannten Volksdeutschen zwangsweise und zwar auf Grundlage des Gesetzes zur Wohnraumbewirtschaftung. Eine Wohnungskommission befand damals darüber, welche ihrer Räumlichkeiten die Einheimischen an die Vertriebenen abzugeben hatten. Sämtliche verfügbaren Zimmer wurden belegt. Wohnstuben, Küchen oder Aborte fortan gemeinsam benutzt, wie Müller in seiner Veröffentlichung "Stoabach froijer" anhand von Beispielen eindrucksvoll darstellt. Die Folge: Die Menschen in Steinbach und anderswo mussten enger zusammenrücken, um Platz zu machen für die "Bittschöns", wie die Flüchtlinge laut Müller abfällig genannt wurden.

Dass man sie nicht willkommen hieß, spürte auch Hans Franke. Täglich waren er und seine Geschwister mit der Antipathie der Ortsansässigen konfrontiert, die ihre Abneigung gegen die Neubürger laut äußerten. "Wir mussten ihre Demütigungen ertragen, wurden als Zigeunerpack beschimpft", erzählt er - noch heute sichtlich bewegt.

Und das, wo ihr Leben ohnehin schon von Entbehrung gekennzeichnet war. Von Strom konnten sie in ihrem neuen Zuhause nur träumen, Wasser musste aus dem knapp 100 Meter entfernten Steinbruch geholt werden. Das Geld, das der Vater auf der Hochwart verdiente, reichte hinten und vorne nicht. "Jeden Sonntagmorgen wurden wir zum Betteln auf die Ortschaften geschickt", berichtet Franke. "Und wenn wir Zeit hatten, sind wir nachmittags nach Gießen gelaufen, um an den Straßenrändern nach Brotkrusten zu suchen, die andere weggeworfen hatten. Die Licher Straße links runter und rechts wieder rauf."

Wenn Melanie und Markus Lindner heute von Zeit zu Zeit ihre Wochenenden auf dem alten Steinbruchgelände verbringen, stehen dort zwar noch die Gebäude, in denen die Vertriebenen damals lebten. Ansonsten erinnert aber nichts mehr an diese harte, entbehrungsreiche Zeit. Der Vater von Melanie Lindner, Heinz Krapf, hatte das rund 10 000 Quadratmeter große Areal in den 1980er Jahren von den Launspachs gepachtet, es bewirtschaftet, Schafe und andere Tiere gezüchtet. Melanie Lindner hat "auf der Ranch" quasi ihre Kindheit verbracht. "Mein Vater hat immer davon geträumt, das Gelände irgendwann zu kaufen", erinnert sich die gebürtige Steinbacherin, die mittlerweile im Bayrischen zu Hause ist. Kurz bevor Heinz Krapf starb, wurde sein Traum 2015 Wirklichkeit.

Heute kümmern sich Melanie Lindner und ihr Mann Markus um das Areal. Alle vier bis sechs Wochen kommen sie aus der Oberpfalz nach Steinbach. Unterstützt werden sie von einem Verwalter, der vor Ort lebt. Lindner: "Papa wollte da oben alles wieder herrichten, die Gebäude instand setzen und das Gelände bewirtschaften. Jetzt führen wir seinen Traum fort."

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