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Werden Abluftventilatoren in den Klassenräumen eingerichtet, müssen Kinder und Lehrer künftig nicht mehr in dicken Jacken im Unterricht sitzen.

Frischluft, ohne zu frieren

Mit Abluftventilatoren soll schlechte und virenhaltige Luft schnell, effektiv und vor allem kostengünstig aus Räumen abgesaugt werden. Ein Testlauf an heimischen Schulen und Erfahrungen andernorts zeigen, dass es funktioniert: frische Luft binnen drei Minuten - und das ohne kalte Füße.

Der Vergleich mag nicht schön sein - aber er verdeutlicht auf einfache Weise das Prinzip, wie die Luft in Klassenräumen einfach, effektiv und kostengünstig ausgetauscht werden kann: Ventilatoren, mit denen verbrauchte Luft mitsamt womöglich virenhaltigen Aerosolen quasi aus dem Raum gezogen wird, kennt man schon lange aus dem Einsatz in Raucherlokalen - und in Schweineställen.

Das sorgte für leise Erheiterung im Schulausschuss des Kreistags, der sich am Dienstag unter bewährter Leitung des alten und neuen Vorsitzenden Martin Hanika (CDU) mehr als eine Stunde lang mit der Luft in den Schulen befasste. »Im Sommer kann jeder. Im Winter muss es funktionieren«, erläuterte Prof. Hans-Martin Seipp (THM), der gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Steffens das von ihnen weiterentwickelte System vorstellte. Dass es funktioniert, das haben nicht nur Tests und Versuche in verschieden großen Räumen an der Technischen Hochschule bewiesen, sondern darüber hinaus auch erste Erprobungen in Schulsälen sowie der Mensa an der Gesamtschule Allendorf. Plus die Erfahrungen andernorts: Der nordhessische Werra-Meißner-Kreis hat bereits 830 Klassenräume mit Abluftventilatoren ausgerüstet. Und im westfälischen Münsterland sind schon fast 1000 Schulsäle mit Abluftventilatoren ausgestattet.

Binnen etwa drei Minuten kann mit der vergleichsweise simplen Technik die Luft eines durchschnittlichen Klassenraumes von 50 bis 60 Quadratmetern ausgetauscht werden. die Heizkostenrechnung wird nicht übermäßig belastet.

Das Prinzip ist recht einfach: Der Raum hat idealerweise gegenüberliegende Fenster, die möglichst weit voneinander entfernt sind. Durch ein gekipptes Fenster strömt frische Luft ein, die vom Ventilator am anderen Ende des Raumes angesaugt wird. So entsteht über den Köpfen der Schüler der für den Wechsel nötige Luftstrom.

Nötig wird dies nach Bedarf, in der Regel einmal je Unterrichtsstunde. Wann das ist, das misst der Einfachheit halber ein CO2-Sensor. Schlägt der an, weil die Luft »verbraucht« ist, dann wird automatisch ein Fenster gekippt, und der Ventilator springt an.

Die Kosten sind zudem überschaubar: Die sollen bei rund 4000 Euro je Klassenraum liegen - gegenüber 11 000 bis 19 000 Euro je dezentraler Raumluftfilteranlage. Weiterer Vorteil: Die Ventilatoren sollen deutlich leiser sein als die dauerbrummenden Filtergeräte.

Wo solche Abluftventilatoren bevorzugt eingebaut werden könnten, das erläutert Schuldezernent Christopher Lipp: Mit Priorität sollte in den Grundschulen aufgerüstet werden. An anderen Schulen erst einmal in all jenen Räumen, in denen effektives Querlüften nicht möglich ist. Das sind von den etwa 1000 Schulsälen im Kreis Gießen rund 30 Räume. Plus jene Schulsäle, deren Fenster zu stark befahrenen Straßen hin öffnen, so dass der Unterricht unter Lärm leidet. All diese Räume sollen kurzfristig ausgestattet werden, kündigt Schuldezernent Lipp an. Perspektivisch werden alle anderen Klassensäle in den Blick genommen.

Eine technische Frage aus den Reihen der Ausschusses, die den Professoren mit auf den Weg gegeben wurde: Was ist mit Schulen mit Passivhaus-Standard, bei denen aufgrund zentraler Heizungs- und Lüftungsanlage Fenster geschlossen bleiben sollen? Ob die Abluftventilatoren dort ebenfalls funktionieren, respektive sinnhaft sind, das soll noch geklärt werden. Parallel zur Erprobung der Abluftventilatoren hat sich der Kreis im Sommer bereits erfolgreich um Fördergelder für zentrale und dezentrale Raumluftfilter bemüht: Insgesamt sind Investitionen für 2,2 Millionen Euro auf dem Weg; der Bund steuert über ein Förderprogramm bis zu 80 Prozent der Mittel bei. Eine Zusage über die ersten 500 000 Euro liegt im Kreishaus bereits vor. Lipp: »Alles in allem haben wir jetzt schon Investitionen für 2,9 Millionen Euro eingeplant, und es soll weitergehen.«

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