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Freizeit mit Mehrwert

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Im Corona-Jahr reifte vielerorts die Erkenntnis, dass so manche Freizeitperle vor der Haustür liegt. In Laubach hat man sich das bereits in den vergangenen Monaten zunutze gemacht und will nun eine spezielle Markenbildung vorantreiben.

Nicht einfach nur Trend sagt Markus Stiehl zu dem, was da im vergangenen Sommer abging, er nennt es gleich "Megatrend". Und das jener "Megatrend Deutschlandtourismus" noch lange nicht zu Ende sei. Stiehl (52) ist Prokurist der Laubacher Tourismus- und Service GmbH. Und so wie alle, die mit Kultur, Freizeit und Tourismus zu tun haben, hat Corona auch Stiehl und dessen Team vor etliche Herausforderungen gestellt.

All die publikumsträchtigen Hochkaräter, das Festival "Blues, Schmus und Apfelmus", das Lichterfest, "Villa Cotta", "Herbst-" und "Winterzauber" und die Konzertreihe "Mixtur" wurden abgesagt. "Im Frühjahr war uns schon relativ bald klar: Da geht nichts", erzählt der 52-Jährige. Was das für die Kommune bedeutet, verdeutlichen ein paar Zahlen. Normalerweise verzeichnen sie in der Residenzstadt rund 60 000 Übernachtungen pro Saison. Spielt das Wetter mit, locken allein die Garten-Events im Schlosspark bis zu 15 000 Besucher an. Es sind Frequenzbringer, die in ihrer Wirkung für die Wirtschaftskraft Laubachs nicht zu unterschätzen sind: "Die touristische Wertschöpfungskette reicht vom Bäcker bis zum Betreiber einer Ferienwohnung über den Taxifahrer bis zur alleinerziehenden Mutter, die im Hotel die Betten macht", sagt Stiehl.

Und dennoch sprechen die Laubacher Touristiker nicht von einem verlorenen Jahr. Sie mussten umdenken, in gewisser Weise sich neu erfinden. Sie haben ihr Portfolio um das Thema Wald als prägendes Element dieser Gegend erweitert. Bei Kursen wie Waldbaden waren die Laubacher gar Vorreiter im Gießener Land. Hinzu kamen Angebote wie meditatives Bogenschießen oder Waldyoga. Kurzum: die Laubacher taten viel, um im Gespräch zu bleiben. "Wenn das nicht funktioniert, bist du schnell raus aus dem schnelllebigen Geschäft", sagt Stiehl.

Und so verbuchte Laubach in gewisser Hinsicht einen Bilderbuchsommer und -herbst. "Bei gutem Wetter war die Stadt bis oben voll mit Wanderern und Radfahrern."

Doch allein auf die "märchenhaften Wälder, lieblichen Hügel und abwechslungsreiche Kulturlandschaften" - so die Eigenwerbung im städtischen Tourismusprospekt - wollte man sich nicht verlassen. In einer stetigen Symbiose zwischen dem Tourismusbüro und zumeist örtlichen Anbietern gelang es in den Folgemonaten, ein Angebot zu entwickeln, mit dem angesichts der positiven Entwicklung auch in unmittelbarer Zukunft spezielle Markenbildung für Laubach betrieben werden soll.

Ohnehin schon gut nachgefragt, stießen vor allem die Stadtführungen vermehrt auf Interesse - auch außerhalb des Landkreises, dank punktueller Werbeaktionen bis in das Rhein-Main-Gebiet.

Stiehl erkannte das Potenzial der coronabedingten "Landflucht", arbeitete mit seinem Team an weiteren Formaten. Beliebte historische Stadt- und Erlebnisführungen wie die "Laubacher Weibergeschichten" mit Fabrikantenwitwe Elisabetha Buderus und Haushälterin Anna wurden ergänzt. So kam etwa die Tour mit Stadtschreiber Philipp Konrad Both und seinem Weib zu Orten der unheimlichen Legenden und Sagen hinzu. Das Schlossmuseum wurde "reaktiviert", drei neue Mitstreiter für Kostümführungen gewonnen. "Essbare Kräuter am Wegesrand" und eine neue Pilzführung ergänzten das Angebot - letztere musste wegen enormer Nachfrage achtmal wiederholt werden. Im Tourismusbüro vermochten sie ihr Glück kaum fassen. "Alles, was wir angeboten haben, ist uns aus den Händen gerissen worden", sagt Stiehl.

Auch der erst 2019 eingerichtetet "MüllerWeg" war in dieser Wandersaison stark nachgefragt. "Man muss Geschichten erzählen. ›Storytelling‹ kommt an", sagt Stiehl. Rundwege sollten nicht länger als neun bis zwölf Kilometer sein, denn "dann können sie locker auch von Ungeübten bewältigt werden".

Der E-Bike-Boom spielte den Laubachern zusätzlich in die Karten. Allein die moderaten Ausleihgebühren der Elektroräder spülten 1000 Euro mehr als 2019 in die Kasse. "Mit einer Akkuladung kommt man locker auf den Hoherodskopf und zurück". Ein Umstand, der nicht nur bei Tagestouristen, sondern auch bei Ortsansässigen zieht, um sich etwa vor dem Kauf eines eigenen E-Bike mit der Materie vertraut zu machen. Und das auch gern am Wochenende - weshalb das Tourismusbüro im Sommer seine Öffnungszeiten auf die Samstagvormittage ausdehnte.

Tourismus, sagt Stiehl, verstehe er als Standortwerbung. Er vermisst aber bisweilen das politische Bewusstsein, dass Laubach mit einer eigenen touristischen Marke noch viel mehr erreichen könnte. Stichwort "Megatrend Deutschlandtourismus".

Wie alle in der Kultur-. Tourismus- und Freizeitbranche hofft Stiehl nun, dass 2021 auch größere Veranstaltungen wieder stattfinden können. In Sachen Kultur jedenfalls sind die Weichen gestellt. Zum Hessischen Bluesfestival haben 95 Prozent der Künstler, die ursprünglich für "Blues Schmus, Apfelmus 2020" gebucht waren, bereits zugesagt. Vom 20. bis 22. August 2021 soll ihre Bühne im Laubacher Schlosspark stehen.

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