Trotz Lockdown: Bernd Giezek, Thomas Eckstein, Marco Horn, Holger Lemp und Christian Berndt (von links oben nach rechts unten) lassen sich ihre wöchentliche Weinprobe nicht nehmen. 	FOTO: LKL
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Trotz Lockdown: Bernd Giezek, Thomas Eckstein, Marco Horn, Holger Lemp und Christian Berndt (von links oben nach rechts unten) lassen sich ihre wöchentliche Weinprobe nicht nehmen. FOTO: LKL

Weinverkostungen trotz Lockdown

Frei nach Schnauze: Pohlheimer Weinrunde bespricht Weine ohne komplizierte Fachsprache

  • vonLena Karber
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Nicht nur das Benennen, auch das Wahrnehmen von Aromen ist Übungssache. Deshalb trifft sich die Pohlheimer Weinrunde »Der große Horn« nun virtuell zu ihren wöchentlichen Verkostungen.

Pflaume und dunkle Beeren sind die ersten Aromen, die Bernd Giezek wahrnimmt. Dann hält er das Glas noch einmal unter seine Nase. »Und ich rieche bei dem Merlot hier gewisse Pattex-Töne«, ergänzt er. Das sei nicht schlimm, sondern lediglich eine Assoziation, die er habe und deshalb auch ausspreche, erklärt Giezek. »Wir sind uns nicht zu fein zu sagen, dass wir bestimmte Dinge riechen, die normalerweise in einer Geschmacksbeschreibung nicht auftauchen würden.«

Es ist etwa Viertel nach acht an einem Montagabend, und wie jede Woche um diese Zeit hat sich die Pohlheimer Weinrunde »Der Große Horn« zu einer Verkostung versammelt - allerdings nicht wie sonst ihn der Gaststätte Loukas in Hausen, sondern vor den Bildschirmen. Um trotzdem für die passende Atmosphäre zu sorgen, zeigt Holger Lemps Hintergrundbild Flaschen. Giezek hat eine Ansicht der Rheinschleife ausgewählt - ein Ausflugsziel, das die Runde bereits gemeinsam besucht hat.

Weg von der unverständlichen Fachsprache: Unkonventionelle Beschreibungen sind in Pohlheim ausdrücklich erwünscht

Für ihre montäglichen Weinverkostungen gibt es immer ein Thema, zu dem die Mitglieder im wöchentlichen Wechsel einen Wein aussuchen. Mit einem Kurzvortrag über die Region und das Weingut stellt der jeweilige Referent den Wein vor. Dann wird über Bouquet, Geschmack und Abgang diskutiert - und zwar frei Schnauze.

»Es hat sich über Generationen eine Wein-Terminologie entwickelt, die jetzt nur noch die Fachleute verstehen«, sagt Thomas Eckstein. Für alles gebe es gut klingende Begriffe, aber das helfe den Verbrauchern nicht weiter. Die Weinrunde setzt daher auf intuitive Beschreibungen, die auch mal unkonventionell sein können. »Wenn das nach Pattex, Katzenscheiße oder Pferdestall riecht, dann ist das halt so«, findet Eckstein.

Übung ist alles: »Man kann nur die Aromen riechen, die man kennt«

Durch die umständlichen Begriffe scheinen die Hürden für Laien, die sich mit dem Thema Wein auseinandersetzen möchten, oftmals zunächst recht hoch. Die Gruppe weiß das aus eigener Erfahrung. Am Anfang sei es ihnen oft schwergefallen, die Aromen, die in den Geschmacksbeschreibungen aufgeführt waren, zu identifizieren, verrät Giezek, der auch eine Erklärung für dieses Problem parat hat: »Man kann eben nur die Aromen schmecken und riechen, die man kennt.«

Um die eigenen Kenntnisse zu verbessern, ist deshalb vor rund 20 Jahren im damaligen »T&B« in Watzenborn-Steinberg »Der große Horn« entstanden. Der Name ist eine Homage an Gründungsmitglied Marco Horn und entstand in Anlehnung an die Wein-Enzyklopädie »Der große Johnson«, die der Runde damals als wichtigste Informationsquelle diente. Heute ist das anders. Für seinen Vortrag zum aktuellen Thema Südafrika konnte Christian Berndt einfach im Internet recherchieren.

»Die Geschichte beginnt 1699 ...«, beginnt er sein Referat über das Weingut Linton Park in Wellington. Er spricht über die Entwicklung des Betriebs und die Besonderheiten der Weine, die er den anderen vorab vorbeigebracht hat. Für die passionierten Rotwein-Trinker Horn und Eckstein gibt es einen Cabernet Sauvignon. Giezek und Lemp, die sonst lieber Weißwein trinken, haben einen milderen Merlot bekommen. Und er selbst trinkt einen Shiraz.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis: Wie viel kostet ein guter Wein?

Der Preis liegt pro Flasche bei 9,99 Euro. »Es reicht nicht, dass der Wein gut ist, es geht auch um das Preis-Leistungs-Verhältnis«, erklärt Giezek die Bewertungskriterien. Insgesamt ist sich die Runde aber einig, dass guter Wein eben ein bisschen etwas kostet. »Es kann Ihnen natürlich auch ein Wein für 2,99 Euro schmecken. So etwas gibt es tatsächlich«, sagt Eckstein. »Aber grundsätzlich hat etwas Teureres eine bessere Qualität.«

Sein Konto plündern muss man für einen guten Wein nach Einschätzung der Gruppe jedoch auch nicht - vor allem nicht als Weißwein-Trinker. Berndt, der seinen Riesling seit Jahren in Johannesberg am Rheingau kauft, meint: »Wenn ich weiß, ob ich einen trockenen, einen halbtrockenen oder einen lieblichen Wein möchte, und acht bis zehn Euro ausgebe, bin ich da ziemlich treffsicher dabei. Schließlich sei es bei den Weißweinen »leichter, einen Geschmackstreffer zu landen als bei den Rotweinen, die viel vielschichtiger sind«.

Tipps für Laien: Plakative Beschriftungen können helfen

Ansonsten lautet der Rat der Runde: Im Restaurant, sofern vorhanden, gerne dem Sommelier vertrauen und sich ansonsten im Fachhandel beraten lassen. Dort sei die Qualität oftmals besser und die Gefahr einer Enttäuschung geringer. Eine Hilfestellung beim Weinkauf können laut Berndt jedoch auch plakative Beschriftungen leisten, wie etwa im Globus Handelshof, wo auf dem Schild die Restsüße des Weins angegeben ist. Ansonsten gilt: lesen. »Die Menschen lesen die Etiketten nicht oder wissen damit nichts anzufangen«, sagt Eckstein. »Das muss man lernen, aber es ist kein Hexenwerk.«

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