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Der Musikzug Holzheim erhält endlich eine Adresse für das Vereinsheim im Nordosten des Pohlheimer Stadtteils.

Aufruf per Facebook

Namenlose Straße in Pohlheim: So soll die Adresse des Musikzugs Holzheim künftig heißen - Vorschläge waren „Foarzgass“ und „Krachmacherchaussee“

  • VonStefan Schaal
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Die Bläser und Trommler des Musikzugs Holzheim haben ihr Vereinsheim in einer Straße, die seit Jahrzehnten keinen Namen trägt. Vor einem Monat hat der Verein online zu Namensvorschlägen aufgerufen - und landesweit eine Welle an kreativen Ideen ausgelöst.

Originelle Vorschläge, die zum Schmunzeln bringen, gab es zuhauf: »Foarzgass« war einer von ihnen, in Anlehnung an den Klang der Trompeten, Saxofone, Hörner und Posaunen, der bisweilen aus dem Vereinsheim dringt. Auch »Krachmacherchaussee« oder »Zum Trömmelchen« könnte nun die Straße heißen, in der die Bläser und Trommler des Musikzugs Holzheim ihr Domizil haben.

Die Musiker haben sich am Ende auf einen nicht ganz so ausgefallenen Namen geeinigt. Doch ähnlich wie die Vorstandsmitglieder des Vereins formuliert es die elf Jahre alte Lia Marie, die in dem Verein Querflöte spielt. Sie habe »Im Orchestergraben« vorgeschlagen, erzählt sie. »Aber der jetzige Name passt.«

Straße bisher nicht im Kataster der Stadt eingetragen

Endlich, nach Jahrzehnten ohne Anschrift, erhält der Musikzug eine Adresse: Musikantenweg 1. Das Gebäude des Vereins liegt im Nordosten Holzheims am Bettenberg, nahe des Sportplatzes. Eine gepflasterte Straße führt zu dem Vereinsheim, Wagen parken vor dem Haus, ein Straßenschild mahnt dort Autofahrer zu Vorsicht, auf Kinder zu achten. Doch die Straße trägt seit den 90er Jahren keinen Namen mehr. Sie ist bislang nicht einmal im Kataster der Stadt Pohlheim eingetragen.

Als das Vereinsheim Anfang der 80er Jahre gebaut wurde, teilte das Sträßchen zwei Grundstücke, das Vereinsheim war dort das einzige Gebäude. Die Adresse lautete damals Am Festplatz. Doch den Festplatz gibt es inzwischen nicht mehr. Und das Sträßchen wurde namenlos.

»Wenn Leute uns besuchen wollen«, erzählt der Vereinsvorsitzende Dieter Seidler, »irren sie am Bettenberg umher und rufen uns irgendwann an: Wo seid ihr denn?« Mehrfach hat sich der Verein in den vergangenen Jahrzehnten bei der Stadt gemeldet und um Hilfe und einen Straßennamen gebeten, allerdings ohne auf ein größeres Echo zu stoßen.

Aufruf per Facebook

Im Mai dieses Jahres machte der Verein nach Gesprächen von Mitgliedern des Vereinsvorstands mit Bürgermeister Andreas Ruck und dem Ortsbeirat per Facebook auf die Namenssuche aufmerksam. Eine postalische Adresse habe gewisse Vorteile, hieß es in zurückhaltendem Tonfall in dem Aufruf. »Dazu gehört zum Beispiel, dass die Post ankommt.«

Doch der Aufruf setzte eine Welle in Gang. Immer mehr Vorschläge gingen beim Verein ein, bald hatte der Vorstand mehr als 100 Ideen gesammelt. »Ernst-Mosch-Weg«, »Zum Fanfaren-Eckche« und »Dicke-Backe-Gass« zählten zu den Vorschlägen. Ortskundige brachten einen »Richard-Schindler-Weg« ins Spiel, benannt nach dem ersten Ausbilder des 1957 gegründeten Vereins. »Das war wie ein Kieselstein, den man in einen Tümpel wirft und der dann weite Kreise zieht«, erzählt Seidler.

Auch diese Zeitung und die Pohlheimer Nachrichten vermeldeten die Suche. Anfang Juni meldete sich der Hessische Rundfunk beim Verein. Die »Morning Show« des Radiosenders HR3 rief mit einem Augenzwinkern zu einer Art Castingshow auf: PSDS. »Pohlheim sucht den Straßennamen«. Als Moderatorin Tanja Rösner den Namen »Klavierwetterweg« vorschlägt, reagiert Sonja Müller, Schriftführerin des Vereins, im Radiointerview mit Humor. Ja, räumt sie ein. Der Musikzug sorge bei den Zuhörern meistens für Sonnenschein. Doch der Dirigent habe auch schon mal kritisch angemerkt, dass ihm gelegentlich beim Zuhören ein Schauer über den Rücken fahre. »Der Name muss authentisch sein«, betont Müller.

Überwältigende Anteilnahme

Die Anteilnahme und die Masse an Namensvorschlägen sei überwältigend, berichtet Seidler. »Ich glaube, dass in dieser Zeit der Corona-Krise viele Menschen etwas suchen, das ablenkt und mit der Pandemie nichts zu tun hat«, ist ein Erklärungsansatz des Vereinsvorsitzenden für den hohen Anklang.

Die Spieler des Musikzugs haben am Ende abgestimmt und sich für den Musikantenweg entschieden. Die Benennung der Straße ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Die Stadt muss den Weg und den Namen noch im Kataster eintragen. Geplant ist, dass der Ortsbeirat den entsprechenden Antrag im Umlaufverfahren stellt, sodass im Pohlheimer Stadtparlament am 15. Juli darüber entschieden werden kann.

»Wir hoffen, dass der Bürgermeister und die Stadt das schnell hinbekommen«, sagt Seidler. Die Vorfreude auf die nächsten Sommermonate ist unter den Musikern groß. Seit drei Wochen proben sie wieder, an einer Grillhütte vor dem Vereinsheim. In den kommenden Wochen wollen sie in den Stadtteilen draußen kleine Konzerte geben. Nach den langen, nervenzehrenden Monaten des Lockdowns möchten sie wieder Freude mit ihrer Musik verbreiten. Und zeigen, dass es sie noch gibt. »Aber erst, wenn ihr wieder in den Stücken fit seid«, hat der Dirigent vorgegeben.

Im Sommer soll außerdem der neue Straßenname eingeweiht werden, hoffen die Musiker. »Das muss gefeiert werden«, sagt Sonja Müller, die Schriftführerin. »Ein Kind kommt doch auch nicht ohne Namen auf die Welt.«

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