Fleischsalat, Glas, Papier stecken im Restmüll

Gießen (süd). Sechs junge Menschen stehen um einen großen Tisch herum, der voller Müll ist. Entsprechend riecht es hier. Gekleidet in weiße Schutzanzüge, Staubschutzmasken vor Mund und Nase, gelbe Handschuhe, sortieren die Studenten den Müll.

Sie picken Papier heraus, Textilien, Glas, Holz, auch mal Elektrogeräte, häufig Lebensmittel. All diese Wertstoffe gehören nicht in den Restmüll. Stadt und Landkreis untersuchen seit rund vier Monaten in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landschaftökologie und Ressourcenmanagemant der Uni Gießen den Restmüll. Erste Ergebnisse stellten die Verantwortlichen am Donnerstagnachmittag vor.

Der Inhalt der grauen Tonnen wird stichprobenartig in ausgewählten Gebieten in der Stadt und im Landkreis gesondert gesammelt und sortiert, dann analysiert. Dies soll detaillierte Aussagen zulassen, woraus der Restmüll in verschiedenen Wohngebieten besteht, erklärten Dr. Christiane Schmahl als zuständige Dezernentin des Landkreises, Gerda Weigel-Greilich, Bürgermeisterin in Gießen, Prof. Stefan Gäth von der Justus-Liebig-Universität sowie Dr. Gerd Hasselbach, Leiter des Stadtreinigungs- und Fuhramts, auf dem Gelände in der Schlachthofstraße, wo die Studenten den Müll sortieren und auswerten. Ein erstes Zwischenergebnis des Projektes "Wertvoller 2020" liegt vor, mit weiteren Zahlen rechnet Gäth in rund sechs Wochen, politische Folgerungen daraus sind dann noch zu ziehen.

"Anreizsysteme schaffen"

So gibt es nach den vorliegenden Zahlen eine "klare Tendenz": Der Anteil des "echten" Restmülls in der dafür vorgesehenen Tonne liegt bei Einfamilienhäusern in Stadt und Kreis bei nur 50 Prozent, in Mehrfamilienhäusern in der Stadt manchmal unter 25 Prozent. Der Biomüllanteil liegt bei rund 25 Prozent, in Mehrfamilienhäusern bei einem Drittel. Grüner-Punkt-Abfall ist ebenfalls im Restmüll zu finden, zwischen fünf Prozent in Einfamilienhäusern im Kreisgebiet und bis zu 14 Prozent bei Mehrfamilienhäusern in der Stadt. Außerdem liegen Kunststoffe und Metalle, Papier, Textilien, Altglas, Elektro-Abfälle und auch Sondermüll in den grauen Tonnen, ergaben die ersten Auswertungen.

Ziel des Projektes ist es, die Sammlung von Wertstoffen zu optimieren und diese im Wirtschaftskreislauf zu halten. Die Sortierung des Mülls wird in diesen Tagen abgeschlossen. Dann wird noch ausgewertet und bewertet. Die dann vorliegenden Zahlen sollen als Diskussionsgrundlage dienen, wenn Schlussfolgerungen gezogen werden. Zum Beispiel kann die Abfallberatung gezielter intensiviert werden, erklärte Weigel-Greilich – je nachdem, ob die Bürger in Mehrfamilien- oder Einfamilienhäusern wohnen.

Eingewirkt werden könne auch über den Abfuhrrhythmus und die Tonnengröße, ergänzte Schmahl. Denn in kleinen Behältern, die nur alle vier Wochen geleert werden, finden sich weniger Fremdstoffe als in großen Tonnen mit Leerung alle 14 Tage.

Und warum der Aufwand? Die Restmülltonne kommt den Kreis am teuersten, Wertstoffe können dagegen verkauft werden. Eine Lenkung des Verbraucherverhaltens auch über die Müllgebühren gehört zu den Gedankenspielen der Kommunalpolitiker: "Wir müssen Anreizsysteme schaffen." Die gesetzliche Forderung nach Einführung einer weiteren Wertstofftonne für Nicht-Verpackungen aus Kunststoff und Metall (die nicht unter den Grünen-Punkt-Müll fallen) halten Dezernentin und Bürgermeisterin für nicht sinnvoll im Landkreis. Die Anteile dieser Stoffe seien relativ gering, ein weiteres Sammelsystem würde die hohe "Fehlwurfrate" nicht verbessern. Vielmehr soll das Netz der Wertstoffhöfe ausgebaut werden.

Gemeinsames Abfuhrsystem

Für Gäth ist es aber nicht nur die Aufklärung der Bürger, die nötig ist, sondern auch ein generelles Umdenken bei diesen. Er glaubt, auch Bequemlichkeit führe dazu, vieles einfach in den Restmüll zu werfen. Als Beispiel zeigt er die Lebensmittel, die die Studenten aus dem Restmüll gefischt haben. In Deutschland werden rund 50 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr und Erwachsenem weggeworfen. "Wir brauchen Strategien, um diese Menge zu reduzieren." Gäth zeigt auf ein Schälchen mit Fleischsalat. Dieser wird produziert, transportiert, gekühlt und so weiter, bevor er weggeworfen wird. Das ärgere ihn einfach. Mit diesen Lebensmitteln im Restmüll befasst sich im Rahmen des nun laufenden Projektes Frances Vaak mit einer Forschungsarbeit.

Und noch ein Positives könnte das gemeinsame Projekt bewirken: Weigel-Greilich und Schmahl bekräftigten, Stadt und Landkreis wollten sich auf ein Abfuhrsystem einigen.

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