Lange Schlange vor dem Impfbus in Langgöns.
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Lange Schlange vor dem Impfbus in Langgöns.

Pandemie

Das denkwürdige Impfjahr 2021 im Kreis Gießen: Flaute im Sommer, Ansturm im Winter

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Die vierte und die bevorstehende fünfte Corona-Welle haben uns soeben Weihnachten vermiest. Aber in der Pandemie gibt es noch eine andere Wellenbewegung: beim Impfen. Rückblick auf eine wechselvolle Geschichte, die heute vor genau einem Jahr in drei Altenheimen begonnen hat.

27. Dezember 2020: Erste Impfungen im Landkreis Gießen. Drei mobile Teams immunisieren im Seniorenheim Lumdatal in Rabenau, im Haus Wiesecktal in Reiskirchen und im Johannesstift in Gießen 135 hochbetagte Bewohner.

13. Januar 2021: Weil das Impfportal des Landes in der Anlaufphase gerne überlastet und das digitale Procedere nicht für jeden zu handhaben ist, richtet der Landkreis Anlaufstellen in allen Kommunen ein. Dort stehen älteren Menschen bis Ende April Impflotsen bei der Anmeldung für einen Termin zur Seite.

19. Januar . Um 7 Uhr eröffnet in Heuchelheimer Gewerbegebiet im Obergeschoss des Roller-Möbelmarktes das Impfzentrum des Landkreises Gießen. Es nimmt als eines von zunächst sechs Zentren in ganz Hessen eine Vorreiterstellung ein. Auch Menschen aus den Nachbarkreisen erhalten hier ihre Impfung. Noch ist Impfstoff ein rares Gut. Zunächst sind die über 80-Jährigen an der Reihe. In der ersten Woche erhalten 3635 Impflinge ihren »Piks«.

Der 88-jährige Wilhelm Uhe bekam im Seniorenhaus Lumdatal in Londorf als eine der ersten Personen im Landkreis Gießen die Impfung gegen SARS-CoV-2.

16. Februar: Der Landkreis ruft einen Impfbeirat ins Leben. Das Gremium soll für Transparenz sorgen. Hintergrund sind Nachrichten über vermeintliche »Vordrängler«. Die geltende Priorisierung wird von verschiedener Seite in Frage gestellt. So fordern Hausärzte eine rasche Immunisierung für sich und ihre Teams.

Corona-Impfungen im Landkreis Gießen: Anfang April greifen die Hausärzte ein

Ende Februar: Im Impfzentrum wird nun auch das Vakzin von AstraZeneca eingesetzt. Es wird zu diesem Zeitpunkt ausschließlich für Personen unter 65 empfohlen und deshalb in den kommenden Wochen bevorzugt dem Personal von Krankenhäusern und Arztpraxen, Schulen und Kitas angeboten.

13. März: Seit Beginn der Impfkampagne warten sehr alte und sehr kranke Menschen, die nicht selbst ins Impfzentrum kommen können, auf den Besuch eines mobilen Impfteams. Landesweit haben sich 57 000 Menschen für diesen Service beim Innenministerium in Wiesbaden angemeldet. Doch sie warten vergebens. Deshalb schickt der Landkreis nun von sich aus mobile Teams auf die Reise.

Mitte März: Weil AstraZeneca seine Liefermengen drosselt, werden Mitte März im Heuchelheimer Impfzentrum 1770 Termine aus. Gleichzeitig gerät das Vakzin aus Oxford bei vielen Menschen in Verruf. Es wird seit dem 1. April wegen seltener Nebenwirkungen, die vorwiegend bei jungen Frauen auftreten, von der Ständigen Impfkommission nur noch für Menschen über 60 Jahren empfohlen. Zwischen dem 1. und 10. April lassen 519 Personen, die für eine Impfung angemeldet waren, ihren Termin im Impfzentrum sausen. Der Kreis reagiert und gibt »Astra« für über 60-Jährige frei. 480 Impftermine sind am 11. April binnen weniger Minuten ausgebucht

7. April: Die Hausärzte steigen in die Impfkampagne ein. Einige Pilotpraxen starten schon Ende März. So auch die Gemeinschaftspraxis von Johannes Maykemper, Dr. Uwe Speier und Andreas Bitterlich in Lollar. Die ersten Dosen werden bei Hausbesuchen verimpft.

Corona-Impfungen im Kreis Gießen: Interesse lässt im Sommer 2021 nach

7. Juni: Je mehr Vakzin auf den Markt kommt, desto mehr Menschen können sich für eine Impfung anmelden. Am 7. Juni endet in Hessen die Priorisierung; nun können alle, die wollen, sich für eine Impfung anmelden. Die Hausärzte ächzen unter dem Ansturm der Impfwilligen

17. Juni: Die Urlaubszeit rück näher. Viele Menschen wollen mit vollem Impfschutz verreisen und das auch dokumentieren können. Dabei helfen die Impfnachweise, die man sich in Apotheken ausstellen lassen kann. Der Service wird so stark nachgefragt, dass teilweise die Computer abstürzen. Allein die Herde-Apotheke in Lich stellt an den ersten beiden Tagen rund 400 Impfzertifikate aus.

Ein Schild, das den Weg zum ehemaligen Impfzentrum des Landkreises Gießen weist.

6. Juli: Ab sofort können alle, die ihre Erstimpfung mit dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca erhalten haben, im Heuchelheimer Impfzentrum für die zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wählen. Eine solche Kreuzimpfung soll besser gegen die neue Delta-Variante schützen. Diese Mutation ist im Landkreis Gießen am 16. Juni erstmals festgestellt worden. Obwohl Wissenschaftler schon zu diesem Zeitpunkt vor einer vierten Welle warnen und auf die Notwendigkeit von Booster-Impfungen für Ältere und Menschen mit schwachem Immunsystem hinweisen, werden bis zu 40 Prozent der Termine im Impfzentrum abgesagt.

28. Juli: Der Kreis reagiert auf das nachlassende Interesse an den Impfungen. Der »Piks« wird jetzt auch von mobilen Teams ohne Termin angeboten: beim Shopping im Seltersweg, bei den Kulturoasen im Licher Bürgerpark, beim Baden am Wißmarer See oder beim Bummel auf dem Flohmarkt in Watzenborn--Steinberg. Das Impfzentrum verwaist zunehmend. Die Tageskapazität von 1350 Impfungen wird schon längst nicht mehr ausgeschöpft. Manchmal kommen 300 Leute, manchmal nur 180. In Anbetracht solcher Zahlen ist die »Impfnacht« am 4. August geradezu ein Erfolg: 282 Menschen lassen sich zwischen 22 Uhr und Mitternacht bei Musik und Gratis-Cocktails die Spritze setzen. Wer solche Chancen nicht nutzt, spürt die Folgen vier Monate später: Da stehen die Menschen bei winterlichen drei Grad und Nieselregen stundenlang vorm Impfbus Schlange.

Kreis Gießen: Impfzentrum schließt nach über 200 000 Corona-Impfungen

13. August: Die Tage des Impfzentrums sind gezählt. Es wird laut Beschluss des Landes Ende September schließen. Mitte August liegt die Quote er Zweitgeimpften im Landkreis Gießen bei etwa 52 Prozent. »Wir haben noch nicht erreicht, was wir gerne erreichen würden«, sagt Landrätin Anita Schneider.

Ende August: Mit Ende der Sommerferien werden für Jugendliche ab zwölf Jahren Impftermine an Schulen angeboten. Am 8. September kommt es bei dieser Gelegenheit an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich erstmals zu einem Aufmarsch von Impfgegnern.

8. September: Das Impfzentrum bietet nun auch Auffrischungsimpfungen an, allerdings nur für besonders gefährdete Gruppen. Als die Bund-Länder-Konferenz zwei Monate später angesichts Infektionszahlen den Booster für alle ab 18 empfiehlt und ein neuer Run auf die Impfungen einsetzt, gibt es die zentrale Einrichtung in Heuchelheim nicht mehr.

2. Oktober: Das Impfzentrum in Heuchelheim schließt nach 224 000 Impfungen. Jetzt wird dezentral geimpft: zunächst im Impfbus und in kleineren Impfambulanzen und natürlich bei den Hausärzten. Noch sind die Allgemeinmediziner zuversichtlich. Der aktuelle Bedarf sei »locker zu schaffen«. Doch der Bedarf steigt und steigt, genauso wie die Inzidenz. Sie liegt am 18. November bei 144,7. Zu diesem Zeitpunkt sind alle Termine in der Impfambulanz im Schiffenberger Tal bis Jahresende ausgebucht. Auch die Hausarztpraxen können sich vor dem Ansturm kaum noch retten.

Corona-Impfungen im Kreis Gießen: Jeder will den Booster

21. November: Es gibt Menschen, die nehmen die Welt anders wahr als der Rest: Vor der Asklepios-Klinik protestieren rund 150 Menschen bei einem nicht angemeldeten Aufmarsch gegen die Corona-Maßnahmen. Weitere Aktionen gibt es in den Tagen danach vor der Dietrich-Bonhoeffer-Schule und vor der Fernwaldhalle in Steinbach. Dort trifft sich angesichts schärferer Restriktionen für Ungeimpfte eine wachsende Zahl von Impfgegnern jeden Montag zum »Bürgeraustausch«. Zur selben Zeit kämpfen Patienten auf der Intensivstation der Gießener Uni-Klinik um ihr Leben. Tobias Buß hat es geschafft und macht seine Geschichte öffentlich. »Ich habe mit dem Impfen zu lange gewartet«, sagt der 40-Jährige rückblickend und appelliert: »Macht nicht die gleiche Dummheit wie ich.«

Impfgegener demonstrieren vor der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Lich.

1. Dezember: Der Landkreis eröffnet ein neues, kleineres Impfzentrum im Obergeschoss der Galerie »Neustädter Tor« in Gießen. Es ist auf 3500 Impfungen pro Woche ausgelegt. Auch die Hausärzte impfen, was das Zeug hält, allein in der 48. Kalenderwoche verabreichen sie laut Kassenärztlicher Vereinigung 12 131 Dosen.

18. Dezember: Im Kinderimpfhaus im Seltersweg in Gießen können nun auch Fünf- bis Elfjährige aus Risikogruppen geimpft werden.

27. Dezember: Ein Jahr ist seit dem Start der Impfkampagne im Landkreis Gießen vergangen. Laut Hessischem Sozialministerium haben allein die Allgemein- und Fachärzte 219 922 Impfungen vorgenommen. (Stand: 18. Dezember). Unter Regie des Öffentlichen Gesundheitsdienstes sind bis Anfang Dezember rund 263 000 Dosen verimpft worden, aktuellere Gesamtzahlen liegen nicht vor. Die Bemühungen werden auch im neuen Jahr weitergehen müssen. Kurz vor Weihnachten wurden auch im Landkreis Gießen die ersten Infektionen mit der Omikron-Variante festgestellt. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. (Ursula Sommerlad)

Wie geht es 2022 mit der Impfkampagne im Landkreis Gießen weiter? Einen ersten Ausblick der Verantwortlichen finden Sie hier.

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