Nur fürs Foto: Heike Sauerbier entzündet eine der Frostkerzen. FOTOs: TB/PM
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Nur fürs Foto: Heike Sauerbier entzündet eine der Frostkerzen. FOTOs: TB/PM

Feuer unterm Hintern der "Kalten Sophie"

  • Thomas Brückner
    vonThomas Brückner
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Vor Nachtfrost bist du sicher nicht, bevor Sophie vorüber ist" - diese alte Bauernregel hatte auch in diesem Jahr ihre Berechtigung. Rund um die Eisheiligen, der Hundertjährige Kalender datiert sie auf die Zeit vom 11. bis 15. Mai, rutschten die Temperaturen auch hierzulande in den Keller. Nicht gar so tief auf einer Anhöhe unweit von Grünberg: In neun, meist sternenklaren Mai-Nächten wurde dort der "Kalten Sophie" und ihren eisigen Brüdern Feuer unterm Hintern gemacht. Rund 500 Frostkerzen loderten stundenlang auf dem Warthof.

Klimawandel schlägt durch

"Eine Notmaßnahme, zum Schutz unserer Apfelbäume", erklärt Heike Sauerbier dem Besucher. 2016 hat sie den Aussiedlerhof vom Vater übernommen, bewirtschaftet ihn seither mit Schwester Annemarie im Vollerwerb. Neben Getreide und Feldfutter für die Milchkühe wachsen auf fünf der 60 Hektar Land Sonderkulturen - das Gros macht dabei die Apfelplantage aus.

Die Frostkerzen sind ein Novum im Kreis Gießen. Was vor allem daran liegt, dass es hier - mit Ausnahme der Sauerbiers - keine gewerbsmäßig betriebene Obstplantagen und schon gar nicht Weinberge gibt, wo Frostschutz für Früchte Standard ist. Freilich in einer anderen Art und Weise: Dort werden die Pflanzen beregnet, sodass bei Minusgraden ein schützender Eismantel Blüten, Knospen oder junge Früchte bedeckt. "Geht bei uns nicht", sagt Sauerbier, "uns fehlt dafür das Wasser".

In den eher südlichen Obst- und Weinbaugebieten ist der Bedarf an Schutzmaßnahmen seit jeher größer: Die Natur ist hier weiter, die Bäume blühen früher, ein Kälteeinbruch stellt eine größere Gefahr dar.

Feuerwehr informiert

Im Vogelsberg setzt dagegen die Vegetationsperiode früher ein. Zumindest bislang, denn der Klimawandel schlägt auch hier durch: "In den letzten zwei, drei Jahren hatten wir schon im Februar oder März relativ hohe Temperaturen", weiß die 29-Jährige, die vor der Betriebsübernahme ihren Meister im Obstbau gemacht hatte. Im Wissen um die somit steigende Bedrohung ihrer Äpfelbäume - die junge Frucht verträgt übrigens weniger den Frost als eine Blüte - wurden daher erstmals Frostkerzen geordert, um Ertrags- und Qualitätsverluste zu vermeiden.

Von Anfang Mai an stand die Temperaturanzeige dann unter ständiger Beobachtung. Mehrfach fiel das Quecksilber auf drei Grad unter Null. In neun Nächten, meist ab halb zwei Uhr in der Früh, mussten die Bäuerin und ihr Vater Heinrich raus und die Dochte der rund 500 mit Wachs gefüllten Eimer entzünden. Ein Bunsenbrenner tat da gute Dienste.

Alle fünf bis zehn Meter wurde ein Flammentopf platziert, erzählt Heike Sauerbier beim Gang durch die sonnendurchfluteten Apfelalleen. Und erklärt, dass je 100 Stück auf einen Hektar die Temperatur um etwa ein Grad erhöhen würden. Dafür aber loderten auf dem Warthof bis zu zehn Stunden die Flammen zwischen den Baumreihen. Weithin sichtbar. "Klar", sagt die Pomologin, "die Feuerwehr war informiert".

Beim gestrigen Ortstermin auf der Obstplantage zieht sie eine erste positive Bilanz. Ersten Eindrücken zufolge hätten die Äpfel die Frostnächte gut überstanden. Allerdings: "Schalenschäden, meist in Form sogenannter Berostungen, können auch später noch sichtbar werden." Bleibt daher abzuwarten, ob sich die "Kalte Sophie" von der "Wärmekur" hat beeindrucken lassen. tb

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