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Der Steinbacher und die Alpenüberquerung

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Reiseveranstalter haben sich längst auf solche Touren spezialisiert, Radfahrvereine zieht es gruppenweise gen Süden. Als "Einzelkämpfer" hat der 66-jährige Gerd Espanion (kl. Foto) aus Fernwald-Steinbach kürzlich zum zweiten Mal nach 2017 die Alpen auf dem Radfernweg von München nach Venedig überquert. Von asphaltierten Radwegen, Schotterpisten und holprigen Forstwegen ist auf insgesamt 643 Kilometern alles dabei.

Gleich die erste Tagesetappe vom Deutschen Museum in München aus bis zur österreichischen Grenze und nach Achenkirch am Achensee in Tirol umfasste 108 Kilometern. Die nächste Etappe begann mit einem Abstecher nach Pertisau. Von dort führte der Radweg ins Inntal bei Wiesing und Jenbach. Begleitet von einem angenehmen Rückenwind, war die Fahrt am Inn entlang bis nach Innsbruck ein wahrer Genuss, aber das dicke Ende stand noch bevor. Das Tagesziel war der Vorort Igls, der Ort mit der bekannten Bergisel-Sprungschanze. Um die verkehrsreiche Landstraße zu umgehen, wurde eine von Einheimischen empfohlene, sehr steile Route durch ein großes Waldstück gewählt. Fehlende und irritierende Wegmarkierungen, sehr schmale, eigentlich nur noch reine Wanderpfade, forderten die volle Konzentration und die letzten Muskelfasern in den Beinen.

Gut erholt ging es am nächsten Tag dem Brenner entgegen, der anstrengendsten Etappe. Auf einer schmalen Landstraße hatte sich über Nacht ein Erdrutsch ereignet und die Polizei schloss einen weiteren Abgang nicht gänzlich aus. Nur durch gutes Zureden genehmigten die Polizisten dem Steinbacher das Passieren mit dem Rad - aber die Gesetzeshüter bestanden auf Absteigen und Schieben.

Plötzlich ist der Radweg weg

Im Ort Steinach stößt der Radweg auf die alte Brennerstraße. Gegen alle Erwartungen und Beschreibungen im Radführer hielt sich der Autoverkehr bis zum Pass in erträglichen Grenzen. Nach 122 Kilometern endete die Tagesetappe in Bruneck.

Die eindrucksvollste Etappe führte von Bruneck über Toblach auf dem Dolomitenradweg nach Pieve di Cadore. Der Radweg wird auch als der "Lange Weg der Dolomiten" bezeichnet und führt auf holprigem, feinem und grobem Schotter nach Süden durch die weißen Berge. Am malerisch gelegenen Toblachsee vorbei, erreicht man einen Aussichtspunkt, der den einmaligen Blick auf die berühmten Drei Zinnen eröffnet. An einem weiteren Gebirgssee entlang, erreicht man den höchsten Punkt, den Passo Cima. Von dort aus beginnt die einzigartige, atemberaubende Abfahrt durch Bahntunnel und über eine tiefe Schlucht nach Cortina d’Ampezzo. Schließlich lag nach über 90 Kilometern Pieve di Cadore, die Geburtsstadt des Malers Tizian, vor Espanion. Die vierte Tagesetappe wurde zu einem Erlebnis. Die rasende Abfahrt auf einer Serpentinenstraße, ohne Autoverkehr, an steilen Felswänden entlang, wird noch lange im Gedächtnis bleiben. Am Fluss Piave führte der Weg direkt am Ufer entlang. Aufgrund eines entgegenkommenden Radfahrers wurde leichtsinnigerweise die Wegsperrung ignoriert. Das sollte nicht ohne Folgen bleiben. Zuerst war der Weg mit Baumstämmen blockiert, die aber noch relativ leicht überwunden werden konnten. Aber plötzlich war der Radweg weg... (Fotos oben).

Die schnelle Schneeschmelze der heißen Tage im Juni hatte den Weg über eine lange Strecke komplett weggerissen, die Passage war unüberwindbar. Also zurück. Ein kilometerlanger Umweg musste in Kauf genommen werden. Damit aber immer noch nicht genug. 20 Kilometer vor dem Tagesziel, der Stadt Treviso, zog ein Unwetter auf, das sich von einem Moment zum anderen mit walnussgroßen Hagelkörnern und mit Starkregen über eineinhalb Stunden entlud. Eine alte Blechhütte bot etwas Schutz. Nach langen 164 Kilometern fand die Tagesetappe in Treviso, mittlerweile wieder unter blauem Himmel, ihr Ende.

Am fünften Tag neigte sich gegen Mittag am Bahnhof von Mestre, nach 61 nicht mehr allzu anstrengenden Kilometern, die zweite faszinierende Alpenüberquerung dem Ende entgegen. Nun reizt den Steinbacher eine Fahrt von Fernwald über den Vogelsberg, die Wasserkuppe und durch den Thüringer Wald bis nach Dresden oder eine dritte Fahrt über die Alpen auf der Via Claudia Augusta. (pm/Fotos: pm)

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