Auf dem Areal herrscht inzwischen friedliche Ruhe.
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Auf dem Areal herrscht inzwischen friedliche Ruhe.

Serie »Lost Places«

Relikt aus Zeiten des Kalten Krieges: Wo früher Flugabwehr-Raketen in Fernwald standen

  • Gabriele Krämer
    vonGabriele Krämer
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Wie der Panzer einer mächtigen Schildkröte ragen die Module der Solarparkanlage im Osten von Albach empor. Auf der Erddeponie der Gemeinde Fernwald wird seit 2013 Strom erzeugt. An die frühere Nutzung dieses Areals, das heute als Wertstoffhof dient, erinnern sich ältere Jahrgänge mit Grausen: Dort waren Flugabwehrraketen stationiert.

Dort, wo lange Jahre in Zeiten des Kalten Krieges Raketen lagerten, die im Ernstfall in kürzester Zeit auch abschussbereit waren, herrscht heute friedliche Ruhe. Es sei denn, dass auf dem Gelände am Albacher Ortsrand in Richtung Burkardsfelden gerade Wertstoffe oder - wie das jetzt im Herbst der Fall ist - gleich anhängerweise Ast- und Grünschnitt angeliefert werden.

Stacheldrahtreste auf der meterhohen metallenen Umzäunung und die etwas heruntergekommenen tristen Gebäude gleich hinter der Einfahrt aber lassen selbst bisweilen unbedarfte Zeitgenossen vermuten, dass die Liegenschaft noch ein ganz anderes Vorleben als jenes einer Erddeponie der Gemeinde hatte. Dabei muss man gerade einmal fünf Jahrzehnte in der Ortsgeschichte zurückgehen, um einen Nerv vor allem der älteren Albacher und auch Steinbacher Einwohner zu treffen.

Ausweislich der Online-Enzyklopädie Wikipedia war jene Gemarkung mit dem Namen »Buchwald« eine von 70 Stellungen des sogenannten Nike-Gürtels, der sich von der Nordsee bis zu den Alpen erstreckte: Die Nike-Feuerstellung Albach, weniger als einen Kilometer von den ersten Häusern entfernt, war eine nuklear bestückte Flugabwehr-Raketenstellung des Typs »Nike Hercules«. Von 1964 bis 1987 war in Albach die 1. und (bis 1966) auch die 4. Batterie des Flugabwehrraketenbataillons 23 der Luftwaffe der Bundeswehr stationiert. Im Rahmen der nuklearen Teilhabe der Nato wären im Ernstfall taktische US-Atomsprengköpfe auf die Raketen montiert worden, um damit hochfliegende sowjetische Bomber zu zerstören, die ihrerseits mit Atombomben beladen gewesen wären. Ein Schreckensszenario.

Laut Wikipedia gab es in seinerzeit Albach drei Abschusssplätze mit je drei Startrampen und neun Nike-Raketen samt dazugehöriger Bunker: »Diese waren tief im Gelände eingegraben und durch Erdwälle geschützt. Die Raketen wurden auf Abschussschienen bereitgehalten. Von Wachttürmen herab konnte der gesamte Bereich und die Umgebung überblickt werden. Parallel dazu gab es in Steinbach auf dem Hohen Rod und auf dem Lutherberg zwei getrennte Feuerleitbereiche mit bis zu fünf Radargeräten für Überwachung, Zielerfassung, Zielverfolgung und Flugkörperverfolgung.

Die zehn Atomsprengköpfe für die Nike-Feuerstellung Albach lagerten knapp drei Kilometer entfernt in einem gut gesicherten US-Depot im Wald; in der Limes-Kaserne in Lich (heute Bereitschaftspolizei Hessen) waren deutsche und US-amerikanische Soldaten untergebracht.

Nur mühsam lässt sich die damalige Entwicklung vor Ort in Albach rekonstruieren. Einer, der den Werdegang um den »Buchwald« festgehalten hatte, war der Erste Beigeordnete Karl Schmitt (+1994). Dessen Sohn Karl-Heinz, der seit 1968 über rund 40 Jahre in der Kommunalpolitik aktiv war - auch als Vorsitzender der Gemeindevertretung - verwaltet die Aufzeichnungen. Die damals selbstständige Gemeinde Albach habe den Verkauf des 11,79 Hektar großen Waldes grundsätzlich abgelehnt, erzählt der 80-Jährige. Strittig war vor allem die Höhe der zur Rede stehenden Geldsumme: 165 858 D-Mark.

Man habe gewusst, dass man auf verlorenem Posten stand, »aber das war den Leuten zu wenig«, gibt Schmitt die Stimmung in dem damals 496 Einwohner zählenden Ort wieder. Daraufhin habe die Bundesvermögensstelle beim früher zuständigen Regierungspräsidenten Darmstadt am 25. September 1961 die »Enteignung und vorzeitige Besitzeinweisung« beantragt; es kam zum Erörterungstermin und irgendwann auch die Einigung auf einen höheren Kaufpreis. Der »Buchwald« wurde abgeholzt.

»Am 1. Januar 1962 durften sie in den Wald rein«, erinnert sich Schmitt. Zweifellos hatten die Albacher damals eine klare Vorstellung davon, welche Folgen die neue Nachbarschaft im Ernstfall für sie haben könnte. »Mit diesen Raketen und der Nähe zu Gießen waren wir einen Treffer der Gegenseite wert. Aber du lernst, mit der Gefahr zu leben. Wir waren sicher, dass wir den nächsten Krieg nicht überleben.« So mancher Sonntagsspaziergang habe damals »raus zu den Raketen« geführt.

Bis hinüber nach Steinbach hörte man übrigens die Sirenen und das Quietschen der Hydraulik, wenn Raketenvorrichtungen zu Übungszwecken bewegt wurden. In Albach wird erzählt, dass die militärischen Pläne erst durch einen Fremden ans Licht kamen - vor Beginn der Bauarbeiten. Der redselige Mann war schnell eingeordnet: »Das war ein Spion von drüben«.

Mit der Deaktivierung der Nike-Stellung Ende März 1987 war der Schrecken allerdings nicht vorbei. Bis 1992 wurde die Station mit Hawk-Flugabwehrraketen weiterbetrieben - unter großem Protest aus dem gesamten Landkreis Gießen. 1996 ging das Areal zum Nulltarif in den Besitz der Gemeinde über mit der Auflage des Rückbaus und der Altlastenentsorgung.

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