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Männer im Gefängnis: Für Liebe und Partnerschaft ist in ihrem Alltag kaum Platz.

Spielfilm "Jibril"

Wenn der Partner im Knast sitzt: Fernwalder Pfarrer spielt Rolle in Kinofilm

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Was wird aus der Liebe, wenn der Partner im Knast sitzt? Um dieses Thema geht es im Spielfilm "Jibril". Regisseurin Henrika Kull hat die Geschichte in Berlin angesiedelt, doch die Gefängnisszenen wurden in Butzbach gedreht. Der langjährige Seelsorger der JVA, Tobias Müller-Monning aus Steinbach, hat den Kontakt vermittelt.

Verschlossene Türen, vergitterte Fenster, Stacheldraht: Aus der Justizvollzugsanstalt Butzbach kommt kein Inhaftierter so schnell wieder raus. Die Männer, die hier einsitzen, sind alle zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Gefängnismauern trennen sie von der Außenwelt. Auch von ihren Familien. Zweimal eine Stunde Besuch pro Monat und die noch unter Aufsicht - das war’s.

Szenen in JVA Butzbach gedreht

Kann man unter diesen Umständen eine Beziehung führen? Was wird aus der Liebe, wenn der Mann im Knast sitzt? Mit diesem Thema hat sich Regisseurin Henrika Kull auseinandergesetzt. Ihr Spielfilm "Jibril" - ihre Abschlussarbeit für die Filmhochschule Babelsberg - läuft momentan deutschlandweit in ausgewählten Kinos, am 23. Juni auch in Lich. Einige Szenen wurden in der JVA Butzbach gedreht. Dass das Team überhaupt Zugang zum Gefängnis und seinen Insassen gefunden hat, ist nicht zuletzt Dr. Tobias Müller-Monning zu verdanken. Der ehemalige Gefängnispfarrer und die Regisseurin kennen sich seit vielen Jahren.

Bis zu seiner Pensionierung im vergangenen März hat der Seelsorger, der in Steinbach lebt, in der JVA Butzbach einen wöchentlichen Gesprächskreis angeboten. Liebe, Partnerschaft und Sexualität waren wichtige Themen. Seit 2015 durfte Kull mehrfach an diesen Treffen teilnehmen. "Sie hat damals sondiert, ob der Film überhaupt möglich ist", erinnert sich Müller-Monning.

Pfarrer aus Steinbach ist in einigen Szenen zu sehen

Er war möglich. Die Anstaltsleitung ließ Dreharbeiten in dem Hochsicherheitsgefängnis zu. Fünf Drehtage, dazu ein vorbereitender Besuch mit der Kamerafrau, waren nötig, um die Szenen im Gefängnis abzudrehen. "Für alle ein schönes Erlebnis", resümiert der Pfarrer. "Das Filmteam habe ein Stück Freiheit ins Gefängnis gebracht, an dem die Gefangenen teilhaben durften." Gefilmt wurde unter anderem im Gesprächskreis, aber auch beim Sport im Hof und bei der Arbeit in der Schlosserei. In einigen Szenen ist auch der Pfarrer zu sehen.

Kulls Abschlussarbeit, die 2018 auch in der Panorama-Reihe der Berlinale zu sehen war, ist ein Film über romantische Liebe. Er verhandelt große Fragen: Wann genau kennt man jemanden wirklich? Oder verliebt man sich nur in die eigene Traumvorstellung? Wie weiß man, ob es Liebe ist oder nur Schwärmerei? Die Handlung: Maryam verliebt sich in Jibril, der im Gefängnis sitzt. Die Treffen der beiden sind stets kurz und strikt reglementiert. So bleibt die Sehnsucht lebendig. Aber wie gut können sich die beiden überhaupt kennenlernen? Reicht es für eine Ehe?

Realitätsnahes Ende

Müller-Monning findet das offene Ende realitätsnah. Er hat alles kennengelernt: Gefangene, deren Beziehung noch während der Haft zerbricht. Paare, die nach der Entlassung nicht wieder zu einem gemeinsamen Alltag finden. Und Paare, die zusammen bleiben. "Jedes Verbrechen steht am Ende einer langen Kette von Entscheidungen", sagt der Steinbacher, der auch Kriminologe und Sozialtherapeut ist. Auch wenn das Urteil nur den Täter in den Blick nehme, so sei von einer Haftstrafe ein ganzes Familiensystem betroffen, Eltern, Kinder, Partnerin. Für Paare seien die streng reglementierten Kontaktmöglichkeiten eine besondere Herausforderung. "Unter diesen Umständen wird der jeweils andere zum Sehnsuchtsort", sagt Müller-Monning. "Eine Beziehung im Alltag ist etwas anderes." Mit einer Kollegin hat der Gefängnispfarrer Seminare organisiert, in denen betroffene Paare ihre Situation reflektieren konnten. Solches "family learning", das die Evangelische Kirche in verschiedenen Haftanstalten anbietet, werde auch von der EU gefordert, sagt er. Der Grund leuchtet ein: "Wird jemand in eine intakte Familie entlassen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls deutlich geringer."

Die Dreharbeiten für "Jibril" haben bereits 2017 stattgefunden, und die Mitwirkenden aus der JVA Butzbach konnten den fertigen Film schon längst sehen, allerdings nicht im Kino, sondern in der Haftanstalt auf dem Laptop. Sie fanden sich und ihre Situation gut getroffen, erzählt Müller-Monning. Damals sei noch nicht klar gewesen, ob es der Film in die Öffentlichkeit schaffen wird. Dass mit missingfilm nun ein Filmverleih "Jibril" bundesweit in die Lichtspielhäuser bringt, freut den Seelsorger besonders. "Jetzt können die Männer sagen, dass sie in einem richtigen Kinofilm mitgespielt haben."

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Das große Foto oben entstand 2015 im Rahmen eines Projekts der Gießener Fotogruppe Schwarz-Weiß. Einige der daran beteiligten Männer haben nun auch an den Dreharbeiten für "Jibril" mitgewirkt

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