Leben im Ausnahmezustand

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Fernwald(us). Im vergangenen Sommer feierte das Hilfsprojekt "Musik statt Straße" sein zehnjähriges Bestehen. Jetzt steht die Deutsch-Bulgarische-Gesellschaft Mittelhessen e. V. mit Sitz in Fernwald vor ihrer größten Herausforderung.

Die Corona-Krise hat die ohnehin prekären Lebensbedingungen der von ihr unterstützten Kinder im Getto "Nadeshda" in Sliven dramatisch verschlechtert. Bulgarien ist das ärmste Land in der EU. Seit dem 13. März gilt wegen der Corona-Pandemie der Ausnahmezustand. "Momentan versuchen wir alles für ›unsere Kinder‹ zu tun, was uns von hier aus möglich ist, und dafür brauchen wir dringend weiter deine/Ihre seelische und finanzielle Unterstützung!", schreiben die Initiatoren Maria Hauschild und Georgi Kalaidjiev in einem Aufruf. Da aktuell alle geplanten Benefizkonzerte abgesagt werden mussten, sind sie umso mehr auf Spenden angewiesen.

"Musik statt Straße" versorgt die Kinder im Getto nicht nur mit Kleidung und Nahrung, die Initiative bietet auch Nachhilfeunterricht und eine musikalische Ausbildung und damit die Option auf ein selbstbestimmtes Leben jenseits des Gettos. Erst im August gaben 16 ausgewählte junge Musiker Konzerte in Gießen, Annerod und Lich.

Jetzt ist alles anders. Wie Hauschild und Kalaidjiev berichten, steht das Getto in Sliven unter Quarantäne, und es gibt eine Ausgangssperre. "Wer schon mal mit uns vor Ort war, kann sich vorstellen, wie problematisch die Situation in Nadeschda jetzt ist. Die Menschen leben insgesamt auf sehr engem Raum, mit vielen Personen in einer Behausung, von der einige ohne Fenster sind. Sie leben unter hygienisch zum Teil katastrophalen Bedingungen. Es gibt im Getto keine ausreichende medizinische Versorgung. Die Lebensmittelversorgung ist jetzt schon nicht für alle gesichert."

Besondere Notlagen

Unterricht kann zurzeit nicht stattfinden. Die Lehrer hielten zu ihren Schülern aber telefonischen Kontakt. Das sei sehr wichtig. "Die Kinder brauchen diese Zuwendung, sie üben sogar noch fleißiger als ohnehin schon, klammern sich in dieser schweren Zeit an ihre Musik und ihre Instrumente", schreiben Hauschild und Kalaidjiev. Und, ganz wichtig: Durch diese Anrufe erfahren die Lehrkräfte von besonderen Notlagen.

Nur eins von vielen Beispielen: Zwei der Schülerinnen leben mit ihrer Mutter in einem Zimmer im Getto und haben kein Geld für Medikamente, Heizmaterial und ausreichend Lebensmittel, weil die Mutter jetzt nicht mehr arbeiten kann. Mit dem Geld, das die Deutsch-Bulgarische-Gesellschaft für die Familie jetzt regelmäßig überweist, könne die Lehrerin die notwendigen Dinge besorgen.

Die Initiatoren von "Musik statt Straße" stehen täglich in Kontakt mit der Koordinatorin in Sliven, Radka Kuseva. "Wir sind tief berührt und beruhigt, dass wir mit den Spenden in dieser um so vieles verschärften Situation unseren Kindern und ihren Familien so wunderbar und lebenswichtig helfen können", schreiben Hauschild und Kalaidjiev abschließend.

Spendenkonto:Deutsch-Bulgarische Gesellschaft Mittelhessen e. V., Volksbank Mittelhessen, IBAN: DE22 5139 0000 0081 6955 04, BIC: VBMHDE5F, Verwendungszweck: Musik statt Straße.

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