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Behandlung eines Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation. Über die Spätfolgen der Erkrankung weiß man noch sehr wenig. 

Coronavirus

Langes Leiden: So erlebt eine Betroffene die Corona-Erkrankung

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Harmlos wie eine Grippe? Von wegen! Ilse L. hat sich Anfang März mit dem Coronavirus infiziert. Wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Längst ist sie negativ getestet. Aber gesund ist sie noch lange nicht.

Alles total übertrieben? Nicht schlimmer als eine Grippe? Wenn Gabi Engel-Pitz solche Aussagen von Corona-Rebellen hört oder liest, kann sie nur den Kopf schütteln. Die Steinbacherin erlebt die Folgen einer Infektion mit SARS-CoV-2 gerade in der eigenen Familie. Ihre Schwester hat sich bereits Anfang März mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Mittlerweile ist sie längst negativ getestet, die eigentliche Krankheit hat sie überwunden. Aber an eine Rückkehr in ihr altes Leben ist noch nicht zu denken. "Es liegt noch ein weiter Weg vor ihr", sagt Engel-Pitz.

Die Rentnerin, eine gebürtige Rheinländerin, lebt seit mehr als vier Jahrzehnten in Steinbach. Das Verhältnis zu ihrer sechs Jahre jüngeren Schwester Ilse, die früher in Düsseldorf wohnte und wegen Problemen mit den Atemwegen an die Nordsee zog, ist trotz der räumlichen Entfernung eng. Die Frauen sehen sich regelmäßig und stehen über WhatsApp ständig mit- einander in Verbindung.

Corona: Angesteckt auf der Kreuzfahrt

Selbstbewusst und kräftig sei ihre Schwester, erzählt Engel-Pitz. Oder vielmehr: Das war sie, ehe sie sich auf einer Kreuzfahrt durch die Antillen mit dem neuen Virus ansteckte. Bei ihr nahm die Krankheit einen schweren Verlauf. Wochenlang schwebte sie zwischen Leben und Tod. Nach bald einem Monat am Beatmungsgerät muss die 65-Jährige nun mühselig ins Leben zurückfinden.

Hätte Ilse ihre Kreuzfahrt für einen anderen Termin gebucht, wäre ihr ein langer Leidensweg erspart geblieben. Schon zwei Wochen später waren alle Reisen gestrichen. So aber startete sie nach einem Kurzbesuch in Steinbach am 28. Februar vom Frankfurter Flughafen Richtung Karibik. "Schon mit einem unguten Gefühl", wie ihre Schwester erzählt. Aber die Kreuzfahrt habe sich zu diesem Zeitpunkt nicht so einfach stornieren lassen.

Der Auftakt der Reise verlief noch nach Plan. Doch schon nach wenigen Tagen auf See fanden sich die Schwester und alle anderen 3000 Passagiere auf einem Geisterschiff wider, das nirgendwo mehr anlegen durfte. Der Grund: Ein Mitreisender und ein Besatzungsmitglied waren positiv auf das neue Virus getestet worden.

Corona: "Wir müssen intubieren"

Als Ilse endlich am 16. März mit zweitägiger Verspätung wieder in Frankfurt landete, fühlte auch sie sich schon nicht mehr wohl. Dennoch ließ man sie ungehindert in den ICE Richtung Norden steigen. An ihrem Wohnort an der Küste allerdings meldete sich schnell das örtliche Gesundheitsamt und veranlasste einen Test. Tags darauf lag das Ergebnis vor: Corona-positiv.

Zwei Tage versuchte die 65-Jährige, die Krankheit zu Hause auszukurieren, dann wurde sie mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert und sofort beatmet. "Da war es schon fünf vor zwölf", sagt Gabi Engel-Pitz rückblickend. Sie selbst erhielt vier Tage später den schockierenden Anruf: "Wir müssen intubieren. Wir müssen die Patientin ins künstliche Koma legen." Ilse sei gerade noch Zeit geblieben, ein Nottestament aufzusetzen und ihre ältere Schwester offiziell als Betreuerin zu benennen.

Corona: Langwierige Reha

Von nun an wurde die Steinbacherin täglich über den Fortgang der Behandlung auf dem Laufenden gehalten. Die Ärzte seien sehr bemüht gewesen, erzählt sie. Und stets ehrlich: Es könne von einer Stunde zur nächsten vorbei sein, haben sie gesagt. Doch Engel-Pitz gab die Hoffnung nicht auf. "Meine Schwester ist eine Kämpferin." Nach drei Wochen konnten die Mediziner den Sauerstoff peu à peu reduzieren, noch eine Woche später konnte der Schlauch endlich gezogen werden.

Damit aber war die Behandlung noch lange nicht beendet. Bis letzte Woche wurde Ilse, die nicht mehr sitzen, nicht mehr gehen, nicht mehr stehen konnte und deutliche Anzeichen von Verwirrtheit zeigte, in Hamburg auf einer neurologischen Intensivstation behandelt. "Sie war da die erste Corona-Patientin", berichtet ihre Schwester.

Mittlerweile wurde die Kranke in eine andere Reha-Einrichtung verlegt, wo sie lernen soll, sich wieder selbst in der eigenen Wohnung zu versorgen. Ihre kognitiven Fähigkeiten hat sie rasch zurückgewonnen. Aber körperlich sei sie noch schwach, weiß Engel-Pitz. Und die Angst sitze tief.

Corona: Schritt für Schritt zurück ins Leben

Ob sich die 65-Jährige je wieder ganz erholen wird? Keiner vermag es zu sagen. "Neuland" ist ein Wort, das die Schwester immer wieder zu hören bekommt. Auch die Ärzte tasten sich Schritt für Schritt vor. "Diese Krankheit steht ja in keinem Lehrbuch."

Die Steinbacherin lässt sich Ilses Schicksal eine Lehre sein. Sie selbst vermeidet unnötige Kontakte. Auch ihren erwachsenen Sohn hat sie gewarnt: "Du kannst alles machen. Aber mit Abstand." Und wenn jemand Corona verharmlost und auf die leeren Intensivstationen hier in Deutschland verweist, dann sagt sie: "Ein Glück, dass wir nicht alle Betten gebraucht haben."

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