Eine Mitarbeiterin aus einer Kita in Fernwald im Kreis Gießen hat einen Brandbrief an den Bürgermeister geschrieben und kritisiert die Strategie der Gemeinde. (Symbolfoto)
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Eine Mitarbeiterin aus einer Kita in Fernwald im Kreis Gießen hat einen Brandbrief an den Bürgermeister geschrieben und kritisiert die Strategie der Gemeinde. (Symbolfoto)

Notfall-Konzept gefordert

Kitas in Hessen: Mitarbeiterin mit emotionalem Brandbrief - Bürgermeister: „Versteht kein Mensch“

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Nachdem das ganze Kita-Team am selben Tag geimpft wurde, kam es in Fernwald im Kreis Gießen zu personellen Engpässen. Eine Mitarbeiterin kritisiert nun in einem Brandbrief an den Bürgermeister die Strategie der Gemeinde grundsätzlich.

Fernwald - Menschen, die kleine Kinder betreuen, gehen seit Monaten mit einem mulmigen Gefühl zur Arbeit. Ihr Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren und das Virus weiterzutragen, ist deutlich höher als in anderen Berufsgruppen. Umso größer war die Freude bei den Mitarbeitern der Albacher Kita Schatzinsel (Kreis Gießen), als sie einen Termin für die erste Impfung erhielten.

Brandbrief von Kita-Mitarbeiterin aus Hessen: Erzieherinnen im Kreis Gießen fallen nach der Impfung aus

Doch der Pieks hatte Folgen. Das gesamte Team war am selben Tag geimpft worden. Die Erzieherinnen, die am folgenden Montag zur Arbeit erschienen, konnte man »an einer Hand abzählen«. So jedenfalls heißt es in einem Brandbrief des Kita-Teams an Bürgermeister Stefan Bechthold. Und weiter: »Wie soll man da eine Kita mit vier Gruppen und einer Öffnungszeit von 7 bis 16 Uhr aufrechterhalten?« Schon im Vorfeld habe man darauf hingewiesen, dass es personelle Probleme wegen möglicher Impfreaktionen geben könnte, doch nichts sei geschehen. Der Vorwurf an den Bürgermeister: »Sie haben es ›ausgesessen‹ und wir mussten es ›ausbaden‹«. Dem Brief, der dieser Zeitung vorliegt, ist zu entnehmen, dass der Engpass nach der Impfung nur mit Hilfe der Eltern, die ihre Kinder größtenteils zu Hause behielten, gemeistert werden konnte.

Der Vorfall war offensichtlich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In seinem Schreiben übt das Kita-Team aus dem Kreis Gießen grundsätzliche Kritik an der Strategie der Gemeinde. Gefordert wird ein Corona-Notkonzept, das dafür Sorge trägt, dass Kinder und Erzieherinnen aus den verschiedenen Gruppen unter sich bleiben. Bei vier Gruppen und uneingeschränkten Öffnungszeiten von 7 bis 16.30 Uhr sei das jedoch nicht zu realisieren. Sobald Erzieherinnen krank oder in Urlaub seien, müssten die verbliebenen Kolleginnen die Lücken schließen.

Corona in Hessen: Kita-Mitarbeiterin aus Fernwald (Kreis Gießen) fordert Notfall-Konzept

Zur Lösung dieses Problems schlägt das Team verschiedene Modelle vor. Denkbar seien verkürzte Öffnungszeiten, ein wöchentliches Wechselmodell oder auch die Einschränkung, dass Kinder nur gebracht werden dürfen, wenn beide Eltern außer Haus arbeiten. In anderen Gemeinden würden ähnliche Konzepte bereits praktiziert. Ein strukturierter Ablaufplan sei auch für die Eltern besser zu organisieren, heißt es in dem Brief, der am Gründonnerstag im Rathaus einging. »Aufgrund der extrem hohen Inzidenz in der Gemeinde bitten wir Sie, sich sofort über diese Problematik Gedanken zu machen und schnellstmöglich eine Lösung zu finden. Hier geht es um die Gesundheit jeder einzelnen Erzieherin, jedes einzelnen Kindes und der Familien.«

Bürgermeister Bechthold weist die Vorwürfe entschieden zurück. »Diesen Brief versteht kein Mensch«, sagte er auf Nachfrage. Allenthalben herrsche Unverständnis: in der Verwaltung, in den anderen Kitas und auch bei der Leitung der Albacher Kita, die aktuell nicht im Dienst sei und von dem Schreiben nichts gewusst habe. Bechthold machte deutlich, dass die Gemeinde den Betrieb aller fünf Kindertagesstätten auf Grundlage der Vorgaben aus Wiesbaden organisiere. »Wir richten uns nach der Allgemeinverfügung des Landes, wir können nicht anders.«

Bürgermeister von Fernwald wehrt sich gegen Kritik: „Dieses Problem haben alle Kitas“

Anders als in der ersten Corona-Welle gebe es diesmal keine geregelte Notbetreuung, sondern lediglich die Empfehlung an die Eltern, die Kinder zu Hause zu lassen. »Wachsweich« nennt der Bürgermeister diese Verfügung. »Und wir vor Ort müssen es ausbaden. Dieses Problem haben alle Kitas.« Bechthold sagt, dass er vollstes Verständnis für den Unmut der Eltern und die Probleme der Erzieherinnen habe. Den Umgang der Gemeinde Fernwald mit dieser besonderen Situation aber nennt er »vorbildlich«. Es gebe kontinuierlich Gesprächsrunden mit den Kita-Leitungen und nach jeder neuen Allgemeinverfügung in kürzester Zeit Elternbriefe. Zudem habe man die Belange der Mitarbeiterinnen stets berücksichtigt. »Bei uns gab es keine Kurzarbeit und es mussten auch keine Minusstunden aufgebaut werden«, blickt Bechthold auf die Zeit der Kita-Schließung zurück. Zur kritisierten En-bloc-Impfung des gesamten Teams habe es keine akzeptable Alternative gegeben. Vom Gesundheitsamt sei ganz klar das Signal gekommen: Entweder ihr akzeptiert diesen Termin oder es gibt frühestens im Juni wieder eine Chance.

Bechthold bedauert, dass der Brief, den auch die bisherigen Fraktionsvorsitzenden erhalten hätten, an die Öffentlichkeit gelangt ist. Der richtige Adressat für die Kritik wären die Vorgesetzten gewesen, also Kita-Leitung, Fachbereich, Personalamt und Bürgermeister. Aber niemand habe etwas gewusst. »Es war nicht erkennbar, dass sich da etwas aufgestaut hat.« Insofern müsse man sich fragen, von wem die Initiative zu diesem Schreiben ausgegangen ist. Nicht nur diese Frage will Bechthold, der momentan Urlaub hat, in der kommenden Woche mit dem Albacher Kita-Team klären. »Aber das machen wir intern.« (us)

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