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Dass Jugendliche sehr wohl politisch interessiert sind, zeigt diese "Fridays for Future"-Demo auf dem Gießener Kirchenplatz. Aber wie gewinnt man den Nachwuchs für die Politik? Neue Beteiligungsformate sind gefragt. In Fernwald wird gerade darüber diskutiert. ARCHIVFOTO: SCHEPP

Gesucht: Junge Ideen für Politik

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Die Ansichten und Ideen junger Menschen sind für die Zukunft der Städte und Gemeinden unverzichtbar. Den Nachwuchs für eine Mitarbeit in der Politik zu gewinnen, ist aber nicht einfach. Ein neues Kooperationsangebot des Kreises soll Abhilfe schaffen. Gute Sache, findet man in Fernwald, sieht die Umsetzung aber kritisch.

Wer häufig Sitzungen der kommunalpolitischen Gremien besucht, kennt das: Die Mehrheit der Mandatsträger hat die Lebensmitte bereits überschritten. "Jung" sind nur wenige, und aus Sicht von Kindern und Jugendlichen gehören auch die - meist in den Dreißigern - schon zu den Alten. Kurzum: Der echte Nachwuchs fehlt, hat keine Stimme in der Politik. Das zu ändern, hat sich der Landkreis vor einem guten Jahr auf den Weg gemacht und das Kooperationsangebot "Jugendgerechte Städte und Gemeinden" ins Leben gerufen. In Fernwald wird jetzt diskutiert, ob, und wenn ja, wie, eine Umsetzung möglich ist.

Zu viel Arbeit?

Reiskirchen hat sich im November für eine Teilnahme entschieden. In der Nachbarkommune wird noch überlegt. Nicht etwa, weil man dort von der Idee nichts hält. Eine "tolle Sache" nennt Bürgermeister Stefan Bechthold das Projekt, bei dem vor Ort Wege entwickelt und eröffnet werden sollen, um die Sichtweisen und Ideen junger Menschen nachhaltig in die Politik einfließen zu lassen. Denn wenn sich der Nachwuchs in seiner Stadt oder Gemeinde gesehen, gehört und zu Hause fühlt, sei das ein wichtiger Bleibefaktor, sind sich die Macher des Angebotes sicher. Gleichzeitig wüchsen so die "Mitgestalter" von morgen heran.

Bauchschmerzen bereitete den Mitgliedern des Fernwalder Sozialausschusses am Montagabend allerdings eines der vom Landkreis festgelegten Kriterien für die Kooperation - die verbindliche Benennung eines ehrenamtlichen Jugendbeauftragten aus den Reihen des Parlamentes. Mark Reitmeier (CDU) und Peter Steil hielten es aus politischen Gründen für falsch, einen Fraktionsvertreter mit dieser Aufgabe zu betrauen, zudem sei das Ganze für eine Person nicht leistbar. Letzteres sahen auch andere so: "Das ist unglaublich viel Arbeit", erklärte Gisela Papstein (Grüne), die meinte, dass die Begleitung von einem Hauptamtlichen und nicht von einem Ehrenamtlichen übernommen werden müsse. Und auch Ausschussvorsitzender Manfred Riedl (SPD) vertrat die Ansicht: "Das ist eine gewaltige Aufgabe, die ein Amateur nicht leisten kann."

Peter Steil (FDP) schlug vor, eine kleine Gruppe zusammenzustellen, die sich dem Thema widmet, doch aus den Reihen der Mandatsträger sah sich niemand dazu im Stande. Bernd Voigt (Grüne) zog ein ernüchterndes Fazit aus der Diskussion: Das Kooperationsangebot sei eine "gute Idee, aber nicht realisierbar".

Da es für die Bewerbung keine Fristen gibt, die Teilnahme also jederzeit erfolgen kann, regte Gerd Espanion (SPD) an, nicht abzustimmen, das Thema zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufzurufen und in der Zwischenzeit zu schauen, wie sich andere Städte und Gemeinden entscheiden. Für Steil der falsche Weg. "Dann ist das Ding tot." Außerdem gebe es in anderen Kommunen andere Bedingungen. Steil: "Es bringt uns gar nichts, da irgendwas abzugucken."

Dass die Beteiligung Jugendlicher schwierig ist, zeigt der Blick in andere Städte und Gemeinden des Landkreises. Vielerorts gab es entsprechende Gremien, selten sind sie - wie in Buseck - von Dauer. Weil aber die Ideen und Perspektiven des Nachwuchses für die Zukunftsfähigkeit von Politik und Gesellschaft von enormer Bedeutung sind, sucht man nach Alternativen. "Dabeisein" heißt eine "Partnerschaft für Demokratie" im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie Leben!", der sich zu diesem Zweck einige Kreiskommunen angeschlossen haben: Lollar, Staufenberg, Allendorf (Lumda), Rabenau Buseck und Reiskirchen.

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