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Ort mit Tradition

Alter Hochbehälter ist der Stolz von ganz Annerod

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Beim Bau vor mehr als 100 Jahren war der Anneröder Hochbehälter der ganze Stolz eines Dorfs, das sich seine Wasserversorgung etwas kosten ließ. Geblieben ist ein Idyll im Landschaftsschutzgebiet.

Beim Bau vor mehr als hundert Jahren war der Anneröder Hochbehälter der ganze Stolz eines Dorfs, das sich seine Wasserversorgung etwas kosten ließ. Später wurden auf dem Gelände legendäre Feste gefeiert. Geblieben ist ein Idyll mitten im Landschaftsschutzgebiet.

Bau aus purer Notwendigkeit

An kalten Wintertagen, wenn Graupel die Felder bedeckt und ein kalter Wind über die Kuppe pfeift, hat der Ort etwas Abweisendes. Aber an lauen Sommerabenden gibt es in Annerod wohl kaum einen schöneren Platz für ein Ruhepäuschen als den Alten Hochbehälter droben im Landschaftsschutzgebiet zwischen dem Ortsrand und der Straße nach St einbach. Von der Bank im Schatten mächtiger Bäume hat man einen weiten Blick über die Landschaft und das Dorf mit seinem spitzen Kirchturm.

Kein Wunder, dass die Anneröder hier oben gerne gefeiert haben. Doch errichtet wurde der Bau aus dunklem Basalt weder aus Gründen der Erholung noch des Vergnügens, sondern aus purer Notwendigkeit. Vor mehr als hundert Jahren sorgte der Hochbehälter dafür, dass Wasser aus Anneröder Leitungen floss und nicht nur tröpfelte.

Kontroverse Debatten ums Wasser

Heutzutage hat die Gemeinde mit der Anneröder Wasserversorgung nichts mehr zu tun. Seit mehr als zehn Jahren fließt "fremdes" Trinkwasser durch die Leitungen dieses Ortsteils. 2008 hatten die Stadtwerke Gießen und die Gemeinde Fernwald die Lieferung von jährlich 140 000 Kubikmetern vereinbart.

Dem Abschluss des Versorgungsvertrags waren kontroverse Diskussionen vorausgegangen. Kein Wunder: Die Frage der Wasserversorgung war in Annerod seit jeher emotional besetzt. Wohl seit Mitte des 19. Jahrhundert wurde das Dorf durch einen Laufbrunnen und eine für die obere Häusergasse angelegte Ventilbrunnenanlage versorgt. So steht es in der Festschrift, die Adolf Wallbott 2007 zur 700-Jahr-Feier Annerods zusammengestellt hat. Das funktionierte ein halbes Jahrhundert ganz gut. Solange, bis das Militär 1904 eine Wasserleitung zur Kaserne in Gießen legte, deren Quellen zwischen Annerod und Rödgen an der B 49 lagen.

Das Recht aufs eigene Wasser

Von diesem Zeitpunkt an klagten die Anneröder über Wasserknappheit. Das Angebot einer externen Versorgung lehnte der Gemeinderat rundweg ab. "Man wollte sein Recht, sein eigenes Wasser", vermerkte Pfarrer Groth seinerzeit in der Chronik. So nahm die Gemeinde ein Darlehen auf, um einen eigenen Hochbehälter zu bauen. 1906 wurde er eingeweiht, die Jahreszahl ist auf einer Plakette über der Tür eingraviert.

Kapazitätsgrenze erreicht

Nach dem Krieg stieß das Bauwerk an die Kapazitätsgrenze. Für 600 Einwohner war es errichtet worden, doch die Einwohnerzahl stieg und der Wasserdruck sank. Als die Bundeswehr 1959 ihr Betriebsstofflager auf der Hochwart an die Anneröder Wasserversorgung anschließen wollte, sagte der Gemeinderat kategorisch Nein.

Zu diesem Zeitpunkt lag bereits ein Gutachten des Wasserwirtschaftsamtes in Friedberg vor, das schon 1956 den Bau eines neuen Hochbehälters empfohlen hatte. Im Falle eines Großbrandes würden die Löschwasserreserven nicht reichen, hatten die Experten gewarnt.

Gemeinde investiert reichlich

Es sollten mehr als zehn Jahre und viele Debatten um technische wie finanzielle Probleme ins Land gehen, bis eine Lösung gefunden war. "Wasserversorgung auf Jahrzehnte gesichert", vermeldete die Gießener Allgemeine am 19. September 1969. Erneut hatte die Gemeinde viel Geld in die Hand genommen, mehr als eine halbe Million Mark, um "Auf der Platte" hinter der damals noch ziemlich neuen Schule einen neuer Hochbehälter in Betrieb zu nehmen.

Legendäre Feste

Der alte hatte ausgedient. Dass er in der Erinnerung zahlreicher Anneröder einen festen Platz hat, ist legendären Festen zu verdanken, die hier hoch überm Dorf gefeiert wurden. Burschenschaft "Edelweiß" und Feuerwehr ließen hier regelmäßig bei Erbsensuppe und Glühwein die ausgedienten Weihnachtsbäume in Flammen aufgehen. Auch die Jugendpflege nutzte das weitläufige Areal für ihre Aktionen.

Zur Legende aber wurde das "Picknick", eine Tradition, die der Gesangverein "Heiterkeit" gut 30 Jahre lang pflegte. Das vorher brachliegende Gelände hatte der Verein gepachtet, erzählt Wilma Krause. Sie hat viele dieser ein- bis zweitägigen Feste mitorganisiert, die den Annerödern als Kirmes-Ersatz dienten und - nicht ganz unwichtig - Geld in die Vereinskasse spülten.

Mit dem Bähnchen hoch hinaus

"Alles war selbst gemacht", erinnert sich die langjährige Vorstandsfrau. Das Kinderkarussell genauso wie das Bähnchen, mit dem ältere Leute aus dem Dorf hinauf zum Hochbehälter gebracht und Kinder umherkutschiert wurden. Essen und Kuchen sowieso. Es gab Luftballonwettbewerber, rasante Rennen in selbstgebauten Seifenkisten, Lagerfeuer, einige Jahre lang auch Theateraufführungen und natürlich Auftritte des Gesangvereins.

Letztes Picknick fand 2010 statt

Aber Zeiten ändern sich und Vorschriften auch. "Wir durften dann nicht mehr selbst kochen", erzählt Krause. Das habe die Einnahmen erheblich geschmälert. Hinzu kam, dass die Leute, die das Picknick ins Leben gerufen hatten, älter wurden. "Es war nicht mehr zu schaffen. Und die Jungen hatten dafür nicht die Zeit."

2010 fand das bisher letzte Picknick statt. Seither ist es ruhig geworden am Alten Hochbehälter. Dass er seinen Nachfolger überdauern wird, steht allerdings fest. Das 1969 eingeweihte Wasserwerk "Auf der Platte" soll in Kürze abgerissen werden. Der Platz wird für den Bau der neuen Grundschule gebraucht.

Blick ins Fotoalbum des Gesangvereins "Heiterkeit" Annerod und auf Bilder von den legendären Picknick-Veranstaltungen am Hochbehälter. FOTOS: PRIVAT

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