Eine schwarz-weiß Aufnahme eines alten Hauses mit Menschen davor.
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Eine alte Schwarzweißaufnahme zeigt die Kneipe von Blechdachshausen. Heute lassen sich nur noch schwer Zeugnisse von dem Ort finden.

Blechdachshausen

Vor 47 Jahren verschwindet ein Ort im Kreis Gießen – Die Spurensuche ist schwierig

  • vonPatrick Dehnhardt
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Über die aufgegebene Siedlung Blechdachshausen im Kreis Gießen lassen sich nur noch schwer Informationen finden. Auch in der Landschaft gibt es nur wenige Hinweise.

Kreis Gießen – 47 Jahre klingen nach keiner langen Zeit. Doch sie reichen aus, um bereits viele Spuren verschwinden zu lassen. Dort, wo einst auf halber Strecke zwischen Annerod und Gießen eine Siedlung lag, zeugen nur noch ein paar Pflaumenbäume vom Obstgarten einer der Höfe.

Beim Heimatverein Annerod brauchte es vor einigen Jahren viel Detektivarbeit, um die Geschichte des Dorfes zu recherchieren. So hat etwa die Nassauische Heimstätte als Nachfolger des Siedlungswerkes, welches die Grundstücke verpachtete, keine Unterlagen mehr. Über Vorläufer der Steuerkarten konnten Mitglieder des Heimatvereins rund um Hans Peter Holl herausfinden, wer in »Blechdachshausen« einst wohnte.

Verschwundener Ort im Kreis Gießen: Aussiedler und Vertriebene

1946 begann die kurze Geschichte des Ortes. Um nach dem Zweiten Weltkrieg Aussiedlern und Vertriebenen eine neue Existenzgrundlage zu geben, verpachtete die Siedlungsgesellschaft Flächen für landwirtschaftliche Siedler. Eine dieser Flächen war das ehemalige Truppenübungsgelände an der Südgrenze der Anneröder Gemarkung.

In der Landschaft deutet fast nichts mehr auf den ehemaligen Ort Blechdachshausen hin.

Die Familien Walter, Helfrich und Gerling pachteten je 80 Morgen Land - rund 20 Hektar - für 99 Jahre als Haupterwerbslandwirte. Im Nebenerwerb probierten Völker, Kubo, Schürkes, Tribokeit und Regner ihr Glück auf je zehn Morgen.

Verschwundener Ort im Kreis Gießen: Mehr Steine als Erde auf dem Acker

Das Land musste erst urbar gemacht werden. Maria Assmann erinnerte sich 2015 im Gespräch mit dieser Zeitung daran, dass für den Hof ihrer Eltern, den Schürkes, zunächst ein Fichtenwäldchen gerodet werden musste. Der Boden war von den Bäumen ausgelaugt, es fehlte an Humus.

Zudem waren die Felder voller Steine. Holl sind aus seiner Grundwehrzeit 1957 die teils 30 bis 40 Meter langen Lesesteinhaufen am Ackerrand noch in Erinnerung. »Es lagen mehr Steine auf dem Acker als Erde.« Assmann erinnerte sich an den Spruch eines Gießener Pfarrers: »Bei euch haben es die Steine besser als die Menschen. Die werden getragen.«

Verschwundener Ort im Kreis Gießen: Dächer mit Blechplatten

Eine Schwarzweißaufnahme zeigt Margarete Gerling, die in Blechdachshausen einen Bauernhof mit Kühen hatte.

Zu Beginn der Siedlungszeit waren die Häuser einfacher Bauart. Die Außenwände bestanden aus zwei Reihen von Holzstangen, zwischen die Erde und Steine gefüllt wurden. Da Dachziegel nach dem Krieg kaum zu kriegen waren, wurden die Dächer mit Blechplatten gedeckt - was der Siedlung den Spitznamen »Blechdachshausen« einbrachte. Erst später wurde mit Stein gebaut.

An Metall zu kommen war damals eigentlich auch nicht leicht. Georg Müller, ein Freund der Familie Gerling, arbeitete im US-Depot Gießen. Dort wurden leere Ölfässer weggeworfen. Müller nahm diese mit nach Hause, schnitt Deckel und Böden ab und walzte sie platt. Die Amerikaner sahen »Blechdachshausen« mit großem Wohlwollen, wies es doch größere Parallelen zur US-Geschichte auf, in der Siedler sich das Land nutzbar machen. Ingenieure der US-Streitkräfte halfen darum mit, mit Panzerseilen und einem Dreibock einen Brunnen auszuheben. Zuvor hatten die Bewohner das Wasser vom beim Bau der B 457 verschwundenen Lumpenmannbrunnen holen müssen.

Verschwundener Ort im Kreis Gießen: Bier- und Limo-Verkauf

Schürkes starteten auf Rat eines Getränkehändlers an der Straße, auf der US-Soldaten und Reisende vorbeikamen, einen Verkauf mit Bier und Limonade. Daraus entwickelte sich eine kleine Kneipe, die bei Tagesausflüglern aus Gießen zunehmend beliebter wurde. Um Saft und Fruchtwein selbst herzustellen, pflanzten Schürkes rund 150 Meter lange Strauchreihen an. »Wir haben zu fünft wochenlang Johannesbeeren gepflückt«, sagte Assmann. In der Gastwirtschaft lernte sie ihren späteren Mann kennen.

Kulturell waren die Siedler Richtung Annerod ausgerichtet. Die Kinder gingen dort zur Schule, Lebensmittel wurden dort eingekauft. Da wundert es nicht, dass umgekehrt bei den Kirmessen im Juni 1948/1949 auf dem Hof von Friedrich Völker zahlreiche Anneröder zu Gast waren.

Verschwundener Ort im Kreis Gießen: Pachtvertrag über 99 Jahre

Eine Schwarzweißaufnahme zeigt den ersten Hof der Familie Schürke in Blechdachshausen. Der war als Blockhaus errichtet.

Zwar hatten die Siedler einen Pachtvertrag über 99 Jahre. Doch bereits nach nicht einmal einem Jahrzehnt zeichnete sich das Ende des Ortes ab.

Nachdem die Bundeswehr 1955 wiedergegründet wurde und auch die US-Streitkräfte ein Übungsgelände wollten, wurde das ehemalige Truppenübungsgelände gebraucht. Die Siedler mussten ihre Höfe räumen, das mühsam urbar gemachte Land fiel brach. Eine Abfindung sollte den Wegzug erleichtern. Viele der »Blechdachshäuser« zogen nach Annerod, Albach oder Steinbach. Nur zwei Höfe leisteten Widerstand. Adolf Tribokeit hatte sein Grundstück gekauft. So blieb der »Hochwart« erhalten. Georg Gerling wollte seinen Hof nicht verlassen. Erst 1974 verließ er nach jahrzehntelangen Verhandlungen die Siedlung. Da war praktisch das ganze Dorf schon abgerissen worden. Außer den Obstbäumen zeugen heute nur noch Erzählungen und ein paar alte Schwarz-Weiß-Fotos in privaten Sammlungen von dem verschwundenen Ort.

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