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Petra Schmidt führt die Tankstelle in Großen-Buseck in dritter Generation - und blickt anlässlich des 90-jährigen Betriebsjubiläums zurück.

Familienbetrieb im Wandel

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Vor 90 Jahren gründete August Hahn in Großen-Buseck einen Betrieb, der sich bis heute als Tankstelle gehalten hat. Nun blicken seine Schwiegertochter und seine Enkelin zurück - und zeigen, wie sehr sich der Tank-Alltag über die Jahre gewandelt hat.

Petra Schmidt und ihre Mutter Christa Hahn sitzen am Wohnzimmertisch und wälzen Fotoalben. Die Bilder zeigen Etappen des Betriebs, den Schmidts Großvater vor 90 Jahren gegründet hat - und den es noch immer gibt. »Wenn der Opa das alles noch sehen könnte!«, sagt Schmidt. Der 1994 verstorbene Gründer wäre womöglich erstaunt, wie sehr sich das Geschäft verändert hat.

Die ersten Jahre des Betriebs waren weniger von Benzin und Öl geprägt, sondern eher von Geländern und Toren: 1931 gründete August Hahn eine Bauschlosserei, zunächst in der Oberpforte in Großen-Buseck, ab den 1950ern dann in der Bismarckstraße. Bald wurde auch Benzin aus 200-Liter-Fässern per Handpumpe in Kanister abgefüllt. Bis zur heute selbstverständlichen Selbstbedienung an der Zapfsäule vergingen noch etliche Jahre.

Christa Hahn hat in den Familienbetrieb eingeheiratet. Beim Stöbern werden Erinnerungen wach - etwa an die Ölkrise ab 1973 samt sonntäglichen Fahrverboten. »Da war es finanziell eng, wir mussten die Luft anhalten, damit es reicht«, sagt die 77-Jährige über diese »schwierige Zeit«. 1973 habe die Familie das Eigenheim neben der Tankstelle gebaut, vier Jahre später dann eine Werkstatt. »Als wir die Werkstatt eingerichtet hatten, wurde mein Mann schwer krank«, sagt Hahn. Doch es ging wieder bergauf, die Familie hat die Krise gemeistert.

Für Schmidt, die die Tankstelle 2012 offiziell von ihrem Vater Helmut Hahn übernommen hat, sind Erinnerungen an Kindertage häufig mit dem Familienbetrieb verbunden. »Ich stand schon im Kinderwagen im Verkaufsraum«, sagt sie, später besserte sie hier ihr Taschengeld auf. »Der Opa lief immer im Kittel rum, das war schon eine schöne Zeit.« Auch an die einstige Waschhalle für Pkw kann sich die 54-Jährige noch gut erinnern, »weiß gekachelt bis oben hin«. Es war einer von mehreren Geschäftszweigen, die einst dazugehörten. Früher wurden hier auch Fahrräder verkauft und repariert, außerdem Neu- und Gebrauchtwagen, vor allem Opel-Modelle. »Zur besten Zeit hatten wir sechs Mitarbeiter, mein Mann hat über 20 Lehrlinge ausgebildet«, sagt Hahn, Wo früher die Modelle standen, werden heute Brötchen verkauft.

Im Laufe der Zeit haben Mutter und Tochter hautnah erlebt, wie die Technisierung der Tank-Branche vorangeschritten ist. So ist Barzahlung zwar weiter möglich, aber längst nicht mehr die Regel. Noch vor einigen Jahren hätte sich Hahn das schwer vorstellen können: »Irgendwann kamen Leute von der Autobahn, die eine Karte in der Hand hatten und damit bezahlen wollten. Damals habe ich gesagt: Das brauchen wir hier auf dem Dorf nicht.« Es sollte anders kommen.

Auch bei der Preisgestaltung hat der Fortschritt längst Einzug gehalten. »Früher kam mit ein paar Tagen Vorlauf eine Postkarte mit der Information, dass der Preis um ein bis zwei Pfennig sinkt oder steigt«, sagt Schmidt. Dann mussten am Preismast die Ziffern umgehängt und wieder angeschraubt werden. Heute läuft auch das elektronisch, und laut Schmidt machen viele den Tankstellenbesuch davon abhängig, welchen Literpreis Tankapps ausweisen. Doch nicht immer stimme die Angabe, »das ist manchmal lästig«.

Seit den frühen Tagen der Tankstelle ist das Sortiment viel breiter geworden, auch Zigaretten, Zeitschriften und Geschenkartikel gehören heute dazu. »Wir haben überwiegend eine tolle Kundschaft«, berichtet Schmidt, viele kämen häufig vorbei. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel, wie ihre Mutter verdeutlicht. Einmal, erzählt sie, habe ein Kunde sich daneben benommen und ein Hausverbot erhalten. »Der hat dann mitten in der Nacht angerufen und gesagt: Ihre Tankstelle brennt!« Zum Glück war es nur ein schlechter Scherz.

In der Corona-Krise erlebt der »Tank-Stop Mengin« nun einmal mehr einen herausfordernden Wandel. Die Umsätze sind laut Schmidt zurückgegangen, da »viele Leute nun weniger fahren« - etwa, weil sich im Homeoffice der Weg zur Arbeit erübrigt. Auch gilt es auf Maskenpflicht, Abstände und Einbahnstraßen-Regelung im Verkaufsraum zu achten. »Aber wir sind dankbar, dass wir systemrelevant sind und noch offen haben«, betont die Inhaberin.

Im Gegensatz zu manch anderen Tankstellen auf den Dörfern hat sich jene in Großen-Buseck über die Jahrzehnte gehalten. Heute besteht das Team aus vier Frauen, auch Schmidts Tochter Lisa Schmidt-Alexander ist an Bord. »Sie ist mit Leib und Seele dabei und voll involviert«, lobt ihre Mutter. Einst werde die Tochter den Betrieb wohl übernehmen, die Zukunft scheint gesichert. Vielleicht wird auch Schmidt-Alexander irgendwann in alten Fotos stöbern und auf die dann noch längere Geschichte des Familienbetriebs zurückschauen.

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