Fahrtüchtig im Alter? Ein Experte über die Problematik "Fahren im Alter" und Führerschein-Abgabe

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Gießen -  Erfahrene Verkehrsteilnehmer verursachen weniger Unfälle als Fahranfänger. Das sagt auch Prof. Joachim Stiensmeier-Pelster vom Fachbereich Psychologie der Uni Gießen. Ein aktueller Fall vor dem Gießener Landgericht zeigt allerdings, dass mit gehobenem Alter meist die Fahrtüchtigkeit sinkt. Stiensmeier-Pelster spricht im Interview über die Problematik "Fahren im Alter" und erklärt, wie man Senioren nahebringt, den Führerschein abzugeben.

Ab wann sollte man einem älteren Menschen sagen, dass er nicht mehr die Fahrtüchtigkeit hat?

Joachim Stiensmeier-Pelster:Es gibt keine strikte Altersgrenze, ab wann die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt ist. Es kommt auf den Einzelfall an. Das einfachste ist, wenn ein Angehöriger oder der Betroffene selbst den Eindruck hat, dass die Verkehrstüchtigkeit nicht mehr gegeben ist.

Gehen wir davon aus, ein älterer Mensch zweifelt daran, ob seine Fähigkeiten noch ausreichen. Was kann er tun?

Stiensmeier-Pelster:Da gibt es zwei Dinge: Als erstes einen Arzt konsultieren, der schaut, ob die Person aus gesundheitlichen Gründen in der Lage ist, ein Auto zu führen. Eine zweite Möglichkeit ist, sich an einen Fahrlehrer zu wenden. Dieser kann eine Probefahrt machen und schauen, ob der Mensch mit den ganzen Verkehrssituationen hinreichend gut zurechtkommt. Aber das sind alles freiwillige Maßnahmen.

Wer sollte so etwas vorschlagen?

Stiensmeier-Pelster:Das können Angehörige machen. Es ist aber besser, wenn ein Außenstehender das Thema Fahrtüchtigkeit anspricht. Ein Fremder findet eher Akzeptanz als jemand aus dem eigenen Umfeld.

Welchen Anlässe gibt es, das Thema anzusprechen?

Stiensmeier-Pelster:Das sind zum Beispiel ein kleiner Unfall. Beim Ausparken hat man ein Auto angefahren oder ähnliche Dinge. Da können Angehörige argumentieren, dass das doch zeige, dass der Senior nicht mehr einen genügenden Überblick hat. Es ist gut, wenn man solche Anlässe nimmt, um so die Frage nach der Fahrtüchtigkeit zu stellen.

Wie sollte man das Senioren sagen?

Stiensmeier-Pelster:Wenn Angehörige das ansprechen, dann müssen sie das ausgesprochen behutsam und sensibel machen. Man muss einen Anlass haben, den man nutzt, um über die Fahrtüchtigkeit und das Abgeben des Führerscheins zu reden. Aber das ist ein sehr schwieriges Problem. Autofahren gehört zum erwachsenen Menschen dazu. Mit dem Führerschein gewinnt man einen hohen Grad an Freiheit, man ist nicht angewiesen auf andere Menschen. Das ist ein großer Wert.

Was hat ein Führerscheinverlust für Folgen für ältere Menschen? Warum sind Senioren vielleicht auch etwas uneinsichtig?

Stiensmeier-Pelster:Uneinsichtig will ich gar nicht sagen. Das ist eine sehr kritische Situation. Es geht mit einer enormen Freiheitseinschränkung einher, das ist das größte Problem. Man kann nicht mehr einfach sagen, man möchte irgendwo hinfahren. Wenn der Führerschein weg ist, kann man das nicht mehr so einfach. Freiheit aufzugeben, das fällt jedem schwer. Und da ist man schon wieder bei einem zweiten Problem: Es ist abhängig davon, wo man wohnt und ob es einen gut ausgebauten ÖPNV gibt.

Spielt bei der Akzeptanz auch das Eingeständnis eine Rolle, dass man alt wird?

Stiensmeier-Pelster:Das ist sicherlich auch ein Problem, aber ich glaube, das ist nicht so ein großes Problem wie die Freiheit, die man aufgibt. Natürlich muss man sich eingestehen, dass man bestimmte Dinge nicht mehr so kann, aber das ist etwas, das ältere Menschen ohnehin erleben. Aber die Konsequenz daraus zu ziehen und zu sagen, ich verzichte auf Freiheiten, das ist das größere Problem.

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