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Ein gewohntes Bild: Kinder am Smartphone. Wie viel Zeit im Netz ist normal, wann ist es Sucht? (Foto: Syda Productions)

Onlinesucht

"Ohne WhatsApp existierst du nicht"

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WhatsApp, Facebook, Snapchat. Social-Media-Berater und Suchttherapeut Benjamin Wockenfuß erklärt, wann man bei Kindern von Onlinesucht spricht, und was für Eltern wichtig ist.

Herr Wockenfuß, wie viel private Zeit verbringen Sie täglich in der digitalen Welt?

Wockenfuß: Wenn ich meine Leseliste abarbeite, verbringe ich schon mal einige Zeit am Stück vorm Tablet. Viel wichtiger als die Zeit die ich online bin, ist, was ich in dieser Zeit online mache. Insgesamt komme ich vielleicht auf 10 bis 15 Stunden in der Woche.

Sind Sie damit schon onlinesüchtig?

Wockenfuß: Nein. Onlinesüchtig ist man, wenn man in der digitalen Welt versinkt, sich darin auflöst. Also sich Prioritäten verschieben, das Zeitgefühl abnimmt und soziale Kontakte nicht mehr so wichtig sind. Wenn man weniger bereit ist, den Online-Konsum zu unterbrechen, um zu essen oder zu schlafen. Das sind deutliche Indizes.

Also ist der zeitliche Aspekt nicht entscheidend?

Wockenfuß: Das wäre zu kurz gegriffen. Es ist schon eher eine qualitative Frage. Es gibt eine Studie, die als Richtwert 30 Stunden Online-Konsum in der Woche abseits von Schule und Beruf als kritisch einstuft. Aber der zeitliche Aspekt ist nur einer der Faktoren, die uns einen Hinweis darauf geben.

Sie sprechen dabei aber von privater Zeit. Heutzutage sind Online-Medien auch in Schule und Beruf allgegenwärtig.

Wockenfuß: Genau das ist die große Herausforderung. Ein Alkoholiker schaut, dass er im Supermarkt nicht gerade am Schnapsregal vorbeigeht. Aber bei Onlinesucht hat man keine Chance, am Schul- oder Berufsleben teilzuhaben, wenn man auf eine Online-Abstinenz angewiesen ist. Deswegen müssen wir sensibel im Umgang sein.

Wie sensibel gehen Eltern denn damit um?

Wockenfuß: Es wird zumindest immer relevanter. Eltern fragen sich: Wie viel Online-Zeit ist angemessen, wie bereite ich meine Kinder auf die digitale Welt vor? Eltern wollen ihre Kinder nicht in digitalen Welten verlieren, aber auch gleichzeitig darin fördern.

Sie begleiten mit ihrem Projekt "DigiKids" Kinder und Eltern beim Eintritt in die digitale Welt. Wie vermitteln Sie diesen Spagat in ihren Workshops?

Wockenfuß: Die digitale Welt ist cool und bietet viele spannende Sachen. Aber die wirkliche Welt ist nicht zu toppen. Kinder sollen raus gehen und sich auch mal schmutzig machen.

Bei Onlinesucht hat man keine Chance, am Schul- oder Berufsleben teilzuhaben.

Benjamin Wockenfuß

Quasi das klassische Klingeln an der Tür von Freunden?

Wockenfuß: An der Stelle zeigt sich der gesellschaftliche Wandel der Kommunikationsstile. Wir klingeln nicht mehr an den Türen, bis wir zehn Leute zum Fußballspielen gefunden haben. Das wird über Whats-App-Gruppen geregelt.

Ist es nicht schade, dass dadurch das Persönliche verloren geht?

Wockenfuß: Erstmal ist das nichts Schlechtes, weil es die Kommunikation erleichtert. Was wir aber verlieren, ist, dass sich zwei Menschen in die Augen schauen. In unserem Projekt ist das eine ganz wichtige Botschaft: Zwischen zwei Menschen passt kein Handy-Display. Augenkontakt ist nicht zu ersetzen. Die digitale Kommunikation verleitet aber, menschlich zu vereinsamen.

Wie steuern Sie entgegen?

Wockenfuß: In unseren Workshops gibt es immer einen Online- und einen Offline-Aspekt. Beispielsweise ist es so, dass wir auf einer Spiele-App ein Feld bestellen. Das spielen wir aber in der Scheune von einem Bauernhof. Im zweiten Schritt gehen wir dann mit dem Bauern aufs Feld, wo die echten Kartoffeln wachsen. Wir haben nie erlebt, dass einer lieber auf dem Tablet weiterspielen wollte.

Welche Vor- und Nachteile bringt die digitale Kommunikation für Kinder in der Schule?

Wockenfuß: In Schulen haben wir beispielsweise häufig Hausaufgaben-Gruppen, in denen sich Schüler untereinander Fragen stellen können. Heutzutage sind Schüler privat aber in viele Whats-App-Gruppen integriert. Wenn sie dann bis zu 400 Nachrichten am Tag bekommen, ist das schlicht und ergreifend zu viel. Das kann ein junger Mensch nicht verarbeiten. Wir trainieren mit den Schülern, damit richtig umzugehen.

Augenkontakt ist nicht zu ersetzen. Die digitale Kommunikation verleitet aber, menschlich zu vereinsamen

Benjamin Wockenfuß

Wie genau trainieren Sie das?

Wockenfuß: Es ist wichtig zu verstehen, dass das Smartphone nur ein Werkzeug ist und keine Wunderkiste, die einen zu einem besseren Menschen macht. Es muss ihnen klar sein, dass es in Ordnung ist, das Handy stumm zu schalten, wenn ich schlafen gehe. Wir schauen uns mit den Jugendlichen auch an, wie es ist, wenn das Handy mal stumm ist oder einer nicht antwortet.

Das gilt für Eltern doch gleichermaßen?

Wockenfuß: Klar. Nicht selten hören wir von Kindern, die ihren Eltern sagen, dass sie das Handy doch mal zur Seite legen sollen. Es sind nicht die Kinder, die am Essenstisch noch schnell die E-Mails checken. Dem kann man mit digitalen Freiräumen entgegenwirken. Also Räume, in denen die Nutzung von Smartphones und Tablets untersagt ist – Ess- und Kinderzimmer beispielsweise.

Wie wichtig ist es für Kinder, ein Smartphone zu besitzen?

Wockenfuß: Es geht vordergründig um Erreichbarkeit. Dafür braucht es kein Smartphone.

Ohne Smartphone hat man keinen Zugang zu WhatsApp, die wichtigste App für Kinder und Jugendliche. Machen Eltern ihre Kinder damit nicht zu Außenseitern?

Wockenfuß: Da gibt es auch verschiedene Haltungen. Die meisten wissen nicht, dass WhatsApp erst ab 16 Jahren genutzt werden darf. Auch in puncto Datenschutz halten das viele für bedenklich. Aber in unserem Projekt berücksichtigen wir die Lebensrealität der jungen Menschen. Und in dieser ist WhatsApp ein essenzielles Tool. Ein Mädchen sagte mir mal in einem Workshop: "Ohne WhatsApp existierst du nicht." Das ist ernstzunehmen. Es bringt Kindern nichts, wenn sie in die Schule gehen, und nicht in die Gemeinschaft integriert sind.

Onlinesüchtig ist man, wenn man in der digitalen Welt versinkt, sich darin auflöst

Benjamin Wockenfuß

Dann ist Cyber-Mobbing programmiert.

Wockenfuß: In jedem Workshop lernen wir Kinder kennen, die schon Opfer von teils massiver Anfeindung im Netz wurden. Wenn wir explizite Beispiele aufzeigen, beispielsweise wie per Photoshop der Oberkörper eines Schülers auf eine Mülltonne montiert wird, finden das alle erst mal lustig. Wenn der Betroffene im Raum aber davon erzählt, wird es sehr schnell sehr leise.

Welche Gefahren lauern darüber hinaus?

Wockenfuß: Von den AGB’s der Apps haben die meisten keine Ahnung, siehe Altersbeschränkung. Bilder, die man über WhatsApp oder Facebook sendet, gehören einem nicht mehr und können theoretisch an die Werbeindustrie verkauft werden. Wir schießen im Workshop ein Bild, produzieren daraus ein Werbeplakat und werfen es groß an die Wand. Den Kindern ist manches Foto rückblickend peinlich, wenn sie sich es in Großformat an der Bushaltestelle vorstellen. Dadurch bekommen sie ein Gefühl für die Gefahr. Ein wichtiger Leitsatz in unseren Workshops lautet: "Erst denken, dann posten."

Was raten Sie Eltern und Kindern?

Wockenfuß: Wir müssen die Kinder im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu kleinen Experten machen. Die digitale Revolution ist das erste gesellschaftliche Ereignis, wo die Eltern von den Kindern lernen. Die E-Mail-Adresse einrichten oder Apps runterladen – das erfragen Eltern von ihren Kindern.

Und was ist die Aufgabe der Eltern?

Wockenfuß: Ein Beispiel: In der Kita meines Sohnes durfte für einen Tag jeder sein Lieblingsspielzeug mitbringen. Wenn ich dann Kinder mit iPad sehe, ist das definitiv der falsche Weg. Das zeigt sich daran, dass sie anfangen, über Bilderbücher zu wischen, als wäre es ein Touchscreen. In der Kita sind nun elektronische Geräte nicht mehr für den Spielzeugtag dort zugelassen. Wir müssen die Verantwortung über die Geräte bekommen. Nicht sie dürfen uns benutzen, sondern wir müssen sie benutzen.

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