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Extrakilometer für die "Zillertaler"

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Wer ein echter Fan ist, kann das nachvollziehen: Im Urlaub 1993 wollte die Ober-Bessingerin Karin Römer unbedingt zum Haus eines ihrer Lieblingsmusikers, einem Band- mitglied der "Zillertaler Schürzenjäger", wandern. Was sie dort erlebte, ist für sie bis heute unvergesslich. Teil 1 der Serie "Warum in die Ferne schweifen".

Die Jahreszahl 1993 steht auf dem Fotoalbum, das Karin Römer vor sich auf dem Tisch liegen hat. Mit einem Grinsen blättert sie die Seiten um, schlägt den Sommer- urlaub in Antdorf auf.

Seit 41 Jahren fährt die Familie in das oberbayerische Dorf - und jedes Mal in dieselbe Unterkunft. "Nachdem wir das erste Mal da waren, wollten die Kinder nie wo anders hin", sagt Römer. "Wir werden schon wie Verwandte begrüßt." Die Ober-Bessinger waren gar schon zu mehreren Hochzeiten und Taufen ihrer Gastgeber eingeladen.

Das war auch beim Urlaub 1993 der Fall - und vermutlich wäre die Hochzeit in der Gastgeberfamilie in einem normalen Sommerurlaub auch der Höhepunkt gewesen. Schließlich fand diese nach alter Tradition statt: Das Brautpaar wurde in einer Pferdekutsche zur Kirche gefahren, dabei vom Spielmannszug und dem Brautlader begleitet. Nach dem Mittagessen wurde getanzt, nachmittags gab es eine Brautentführung. Nachdem der Ehemann seine Braut wiedergefunden hatte, überreichten die Gäste abends ihre Geschenke - und hielten als Zeichen des Danks eine Flasche Wein und selbst gebackene Plätzchen. Um Mitternacht wurde das Brautpaar buchstäblich aus dem Lokal geworfen.

Für Karl-Heinz Römer war dies ein besonders spannender Tag - denn er sollte als Hobby-Fotograf alle Bilder zur Trauung anfertigen. "Wir saßen sogar am Ehrentisch", erinnert sich seine Frau.

Ein Ereignis aber toppte die Hochzeit noch. Karin Römer war bereits seit Jahrzehnten Fan der Band "Zillertaler Schürzenjäger". Genau genommen "seitdem ich das erste Lied, den ›Zillertaler Hochzeitsmarsch‹, im Radio gehört hatte. Ich habe versucht, das mit dem Kassettenrekorder aufzunehmen." Die "Schürzenjäger" wurden über die Jahre immer erfolgreicher, neben der selbst aufgenommenen Kassette standen bald auch Schallplatten bei den Römers im Regal. "Ich mag halt Musik, die stimmungsvoll ist, und keine, wo die Beine beim Tanzen wehtun."

Da das Zillertal nicht weit von Antdorf entfernt ist, wollte sich Römer sich 1993 auf die Spuren ihrer Lieblingsmusiker begeben. Erstes Ziel war der Fanshop in Mayrhofen. "Ich wollte da nur was Kleines kaufen, ein Kissen oder so etwas." Als die Verkäuferin ihr verrät, dass einer der Musiker im knapp fünf Kilometer entfernten Finkenberg wohnt, wird die für diesen Tag geplante Wanderroute spontan geändert. Natürlich schwingt dabei die Hoffnung mit, vielleicht eines der Bandmitglieder zufällig zu sehen.

Diese Hoffnung wurde weit übertroffen: "Wir kamen dahin - da stand die ganze Gruppe im Hof." Die beiden unangemeldeten Gäste werden von den Musikern freundlich begrüßt, man kommt ins Gespräch. "Peter Steinlechner (der Bandleader, Anm. Red.) hat mir sogar über den Arm gestreichelt", erzählt die heute 70-Jährige mit einem breiten Grinsen. Karl-Heinz Römer macht viele Fotos von dem Treffen. Dass die ganze Band dort steht, hat allerdings einen Grund: Die Musiker wollten gerade Raften gehen - also mit eine Wildwasserbootstour unternehmen. Diesen Anblick wollen sich die Römers nicht entgehen lassen. "Sie sind mit dem Auto zur Ziller gefahren, wir dorthin gelaufen."

Nach einigen Kilometern Fußmarsch ist das Ehepaar am Ziel. Die Musiker sind gerade dabei, sich umzuziehen und die Schutzkleidung anzulegen. "Jetzt musst du die Kamera aber mal kurz auslassen", ruft Bandleader Steinlechner Karl-Heinz Römer darum mit einem Grinsen zu.

Als das Boot zu Wasser gelassen wird, darf wieder nach geknipst werden. Mit auf Bootstour zu gehen, das wäre Karin Römer allerdings zu riskant gewesen. "Obwohl, vielleicht...", sagt sie heute.

Von den zahlreichen ExtraWanderkilometern tun den beiden Ober-Bessingern am Abend die Füße weh. "Ich hatte an beiden Füßen Blasen", erinnert sich Karin Römer. Die Freude über das unerwartete Treffen mit ihren Musikstars wirkt jedoch wie Medizin: "Die Blasen", erzählt sie, "haben gar nicht weh getan".

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