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Zu den "Sternstunden"-Gottesdiensten gehören auch Musikbeiträge aus verschiedenen Sparten. Das Foto zeigt die senegalesische Tänzerin Mayemouna Gaye mit dem Duo Poco Piu alis Percussionist Markus Reich (l.) und Harfenistin Cordula Poos im Jahr 2015. (Archivfoto: vh)

Experiment feiert Geburtstag

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Seit 20 Jahren gibt es die "Sternstunden"-Gottesdienste in Treis. Sie haben der Gemeinde neues Leben eingehaucht - auch, weil sie mit sonntäglichen Traditionen brechen.

Ein Gottesdienst mit Livemusik, manchmal auch harten Klängen, Lichtshow, Tanz, viel Spontaneität und mitunter provokanten Thesen - das wäre in vielen Kirchen schwierig bis undenkbar. Auch in Treis war das so, bis vor 20 Jahren. Damals riefen Pfarrer Andreas Lenz und einige Mitstreiter die "Sternstunden" ins Leben. Es war der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die die Gemeinde verändert hat und längst über Treis hinaus von sich reden macht.

Im frisch renovierten evangelischen Gemeindezentrum sitzen Lenz und eine Handvoll Mitwirkende zusammen. Und wen man auch fragt: Die Mitarbeit an diesem innovativen Format in alten Mauern empfinden sie alle als Bereicherung. Auch Daniela Michel, die seit Beginn dabei ist und schon bei vielen "Sternstunden" Gebete vorgelesen hat. "Es ist einfach nicht so dogmatisch", sagt sie. "Von Anfang an ging es nicht darum, dass man etwas falsch gemacht hat." Jedes Mal gehe sie mit einem befriedeten Gefühl heraus. Dieser Punkt ist auch dem Pfarrer wichtig: "Über Jahrhunderte hat die Kirche die Menschen mit Angst geknechtet", gibt er zu bedenken. Das schlechte Gewissen der Gläubigen war ein Pfeiler, auf dem die religiöse Lehre mit fußte. Nun sei "die Angst weg" - und die Kirche müsse sich neue Themen überlegen.

Ziel der "Sternstunden" ist auch, Themen nicht moralisierend, sondern lebensnah zu behandeln. Jede Veranstaltung steht unter einem anderen Motto, zuletzt etwa "Der gläserne Mensch - wie viel Transparenz tut gut?" und "Eigenliebe - nur wer sich selbst liebt, kann auch Liebe geben". Auch um "Lust und Wollust" ging es unter anderem schon. Damals, bei einer "Sternstunde" auf dem Kirchberg, habe sich eine Akteurin vom Kreuz herab bewegt und sei in einen Tanz übergegangen. "Danach musste ich mich beim Probst verantworten", sagt Lenz.

Es gehöre eben dazu, auch mal anzuecken, findet der Pfarrer. Auch das mache moderne Gottesdienste aus - ein Thema, über das sich viele Gemeinden angesichts leerer Bänke Gedanken machen. "Mittlerweile gibt es viele Konzepte für modernen Gottesdienst", sagt der Treiser Pfarrer. "Da wird oft nach außen etwas Modernes gemacht, aber mit alten Inhalten. Manche halten sich an ein dogmatisches Kostüm." Die "Sternstunden" seien dagegen "nie eine Mogelpackung" gewesen.

Freilich gestalten sich solch besondere Veranstaltungen nicht von selbst: "Der Aufwand ist viel höher als bei klassischen Gottesdiensten", sagt Lenz. "Jede Minute der Beleuchtung ist durchgeplant." Texte müssen vorbereitet, Musikbeiträge einstudiert werden. Außerdem gibt es ein Deko-Team und eines, das sich um die "zweite Halbzeit" kümmert, das gemeinsame Essen im Anschluss an die "Sternstunden". Auf einer Wanderung zwischen den Jahren werden stets Stichworte gesammelt, die dann in neue Mottos für kommende "Sternstunden" münden. Auch wegen des Aufwands finden diese Treiser Abendgottesdienste inzwischen viermal im Jahr statt, anfangs einmal im Monat.

Neben Theater, Kabarett und anderen Elementen gehörte Musik stets dazu, "ein Element, das Menschen verbindet", sagt Lenz. "Ich hatte die Idee, etwas zu machen, wo man gezielt verschiedene Milieus einbezieht." Der Pfarrer blickt auf die Anfänge zurück: Musiker mit ganz unterschiedlicher Prägung kamen zusammen, Punk traf auf Schlager, Free Jazz auf Klassik. "Die haben beim ersten Treffen keinen Ton gespielt", sagt Lenz. Und vor der ersten "Sternstunde" sei bis zuletzt unklar gewesen, ob der Auftritt zustande kommt. Doch allmählich wuchs eine Einheit, in der sich jeder auf Augenhöhe einbringen kann. Noch immer ist Musik ein fester Bestandteil. Häufig gestalten renommierte Musiker mit verschiedenen Stilen die besonderen Gottesdienste als Gäste. Auch die "Sternstunden-Band" ist regelmäßig dabei, nicht wenige haben erst darüber einen echten Zugang zu Musik gefunden. Die jüngsten Musiker in dieser Band sind gerade volljährig, die ältesten knapp im Rentenalter. Eines der Highlights dieser Gruppe war ein Auftritt vor der Alten Oper in Frankfurt beim Kirchentag. "Ich durfte ›Brothers in Arms‹ von den Dire Straits singen", blickt Lenz freudig zurück. Auch "Highway to Hell" wurde in der Treiser Kirche schon intoniert.

Nicht nur in der Band und im Kreis der Mitwirkenden, sondern auch im Publikum mischen sich bei den abendlichen Gottesdiensten viele Altersgruppen, berichten die Aktiven im Gemeindehaus. Im Vergleich zu "normalen" Gottesdiensten kämen vor allem auch viele Männer. Oft sei die Kirche, anders als sonntagvormittags, brechend voll. Und immer wieder seien neue Gesichter dabei.

Doch was ist mit jenen, denen das offene Format ohne feste Liturgie zu modern, zu weit entfernt vom Ablauf traditioneller Gottesdienste ist? Negative Kritik sei bisher weitgehend ausgeblieben, heißt es im Gemeindehaus. Und dann gebe es ja noch die "kleine Schwester" der "Sternstunde": regelmäßige meditative Abendgottesdienste, das sei für manche eine Alternative.

Zum Programm der Jubiläums-"Sternstunde" halten sich die Veranstalter noch bedeckt. "Ein lebendiger Engel wird durch die Kirche schweben", lässt sich Pfarrer Lenz immerhin entlocken. Mal wieder was Neues - auch nach 20 Jahren.

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