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Das Hotel "Schöne Aussicht" ist verwaist, draußen reinigt Daniel Lenz die Terrasse. Das Hotel erhält Stornierungen bis in den September hinein. FOTO: SRS

Heimische Lokale zeigen Improvisationstalent

10 000 Euro Ausgaben, null Einkünfte: Wie Hotels und Gaststätten im Kreis Gießen über die Runden kommen

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Jede dritte Gaststätte steht laut Branchenverband Dehoga wegen Corona vor dem Aus. Auch im Kreis Gießen droht Hotels und Restaurants die Insolvenz. Zahlreiche Betreiber beweisen allerdings Improvisationstalent.

Ein leises Zischen durchdringt die Stille. Daniel Lenz säubert mit einem Hochdruckreiniger die Terrasse der "Schönen Aussicht" in Launsbach. Es ist ein Stück Normalität zum Start der Sommersaison. Nur: Was ist schon normal an diesen Tagen? Hinter Lenz, hinter den Fensterscheiben, ist der Speisesaal menschenleer, das gesamte Hotel und das Restaurant sind verwaist. Seit fünf Wochen.

Die "Schöne Aussicht" hat vor dem Hintergrund der Vorkehrungen zum Schutz vor Corona geschlossen. Das Hotel hat 40 Betten, Leben kehrt hier aber nur nachmittags für einen Augenblick ein, wenn Inhaber Dirk Bechthold das Büro aufsucht, um Mails zu beantworten. "Wir haben Stornierungen bis in den September hinein", berichtet er. 10 000 Euro Fixkosten gelte es monatlich zu begleichen, ohne Einnahmen. "Wir haben zum Glück Reserven angespart", sagt er. "Wir halten mehrere Monate durch."

Seit Montag dürfen erste Läden und Geschäfte ihre Türen wieder öffnen. In der Gastronomie sieht das anders aus: Kneipen, Gaststätten und Biergärten müssen weiter warten. Ohne zusätzliche staatliche Unterstützung stehe jeder dritte Betrieb vor der Insolvenz, erklärt der Branchenverband Dehoga. Bechthold, der Wettenberger Hotelier, räumt ein, dass er für die Schließungen Verständnis habe. Von der Idee, Gaststätten zunächst im kleinen Rahmen mit Beschränkungen zu öffnen hält er nichts, Einnahmen wären dabei kaum zu erwarten. "Das wäre nur Kleckerkram."

Zum nervenaufreibenden Warten auf ein Ende der Krise kommt ein Streit mit der Versicherung hinzu. Vor Jahren bereits hat sich Bechthold für den Fall einer Betriebsschließung versichert. Nun aber schreibt ihm die Versicherung, dass sie im Fall von Corona nicht zahlt. Es handle sich um keinen Ausfall wegen einer konkreten Infektion in dem Launsbacher Hotel, sondern um eine flächendeckende Schließung aufgrund einer behördlichen Auflage. Bechthold schüttelt den Kopf. Das könne nicht wahr sein.

"Dem sollte entgegengetreten werden", erklärt Ralf Nauert, Rechtsanwalt für Versicherungsrecht. Ob die Versicherung zahlen muss, hänge von den Klauseln im jeweiligen Vertrag ab. Mehrere Gaststättenbetreiber im Kreis erzählen von ähnlichen Auseinandersetzungen mit ihrer Versicherung. Nauert berichtet, dass seine Kanzlei in Gießen bereits knapp 100 Fälle bearbeitet, er erwäge eine Sammelklage. "Den Versicherungen geht es ums Image", weiß Nauert. Deshalb seien Kulanzregelungen im Gespräch.

Gaststätten und Hotels stehen mitten im Epizentrum der Auswirkungen der Corona-Krise. Der Verband Dehoga fordert eine verantwortungsvolle Öffnung von Gaststätten und einen staatlichen Rettungsfonds. Am Donnerstag hat sich die Große Koalition auf eine vom Dehoga ebenfalls geforderte Absenkung des Mehrwertsteuersatzes von 19 auf sieben Prozent ab Juli geeinigt, befristet auf ein Jahr. "Wir brauchen einen Zeitplan und klare Ansagen", sagt Stefan Herzog Vorsitzender des Hotel- und Gastronomieverbands für den Raum Gießen und das Gleiberger Land.

Im Umgang mit der CoronaPandemie beweisen heimische Gaststätten unterdessen viel Improvisationstalent. Die Heubetten im Hotel der Marktschänke in Heuchelheim bleiben vorerst unbelegt, das Restaurant ist geschlossen. Geschäftsführerin Verena Weigel verkauft nun in einem Hofladen selbst hergestellten Apfelwein. "Stammgäste kommen regelmäßig vorbei", erzählt sie. Die Einnahmen seien weit unter zehn Prozent der regulären Erträge. Man komme aber über die Runden. Die Bank sei der Familie glücklicherweise entgegengekommen, die Zahlung des Kredits für das 2015 gegründete Gasthaus sei erstmal ausgesetzt. Im Mai startet die Hauptsaison. Weigel hofft, dass die Marktschänke zumindest unter Beschränkungen öffnen kann. "Bei gutem Wetter könnten Gäste draußen im Biergarten sitzen, unter Einhaltung der Abstandsregeln", sagt sie. "Wenn wir nur 20 Prozent des Normalbetriebs einnehmen, ist das immer noch besser als null."

In Linden blubbert, zischt und scheppert es in der Küche des Landgasthofs "Zum Löwen beim Philipp". Ende März hatte der Betrieb zunächst geschlossen, jetzt läuft der Gasthof wieder auf Hochtouren, jede Woche wird geschlachtet. Das Essen wird nun geliefert und von den Kunden abgeholt. "Die Situation ist komisch", sagt Philipp Arnold. Der traditionelle Haxentag lief vergangene Woche außer Haus. "Gesundheit ist das wichtigste."

Auch das Hotel Schneider in Lich liefert inzwischen Essen aus. Für touristische Gäste ist das Haus geschlossen, aber 15 Handwerker, die derzeit auf Großbaustellen tätig sind, übernachten in dem Haus. Auf die Frage, was bei einer weiteren monatelangen Schließung bevorsteht, antwortet Markus Schneider: "Dann werden die Menschen Lokale suchen müssen. Weil es dann keine Gaststätten mehr gibt."

Könnte sich durch die Corona-Pandemie langfristig etwas für die Gastronomie ändern? Katharina Diepolder, die in Laubach die Hotel-Apartments der "Träumerei" und das Restaurant "Seligmacherei" sowie ein Hotel in Hungen betreibt, macht sich Sorgen um die Zukunft. "Es herrscht eine andere Stimmung." Das Ausgehverhalten der Menschen könnte sich ändern. Philipp Arnold vom Lindener Gasthof "Zum Löwen" ist da etwas optimistischer: "Klar, man macht sich Gedanken", sagt er. "Aber essen und trinken werden die Leute doch immer."

Not macht erfinderisch: Ab sofort ist es im Laubacher Jugendgästehaus möglich, Einzelbüros auf bestimmte Zeit anmieten. Einzelne Tage kosten 25 Euro, monatsweise entfallen 15 Euro pro Tag. "Unser Angebot soll allen helfen, die keinen ausreichenden Platz und Ruhe für Home-Office haben oder keinen ausreichenden Internetanschluss zu Hause", erklärt Geschäftsführer Jochen Bantz.

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