»Es wird gehamstert«

  • VonFranz Ewert
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Gießen (sel). Auf der einen Seite blieb das Elektrohandwerk im Gegensatz zu vielen anderen Wirtschaftszweigen von den Folgen der coronabedingten Lockdowns weitestgehend verschont, andererseits jedoch treten zunehmend Engpässe bei der Belieferung von Baumaterialien auf. Das erklärte der für eine zweite Amtszeit von fünf Jahren einstimmig wiedergewählte Obermeister der Innung für Elektro- und Informationstechnik Gießen, Reiner Hühne.

Aufträge von privater Seite hätten zunächst eine leicht rückläufige Tendenz gehabt, da Kunden verunsichert waren, wenn es darum ging, fremde Personen, also auch Handwerker, angesichts der Covid-19-Ansteckungsgefahr ins Haus zu lassen. Das habe bei dem einen oder anderen Betrieb zu Kurzarbeit geführt.

Andererseits habe die Bundesregierung im Bereich der E-Mobilität Förderprogramme geschnürt, die die Auftragsbücher der Betriebe des Elektrohandwerks wieder gefüllt haben. Wenn trotz guter Auftragslage die Situation auf den Baustellen dennoch schwierig sei, trage dafür neben Verzögerungen durch mangelhafte Kooperation zwischen den Gewerken vor allem das Ausbleiben benötigter Baumaterialien die Verantwortung. »Wie sich der derzeitige Material-Engpass weiter entwickeln wird, bleibt abzuwarten«, vermied Hühne im Rahmen der digitalen Zusammenkunft der Innungsmitglieder jegliche Festlegung.

Keine Aussicht auf Entspannung

Die beiden ebenfalls an der Versammlung teilnehmenden Großhändler waren gleichfalls nicht in der Lage, kurzfristig Hoffnung zu wecken und sprachen im Blick nach vorne von »Kaffeesatzleserei«. Der Elektro-Großhandel habe keinen Einfluss auf die »Gestaltung« der Liefertermine, weil auch die Industrie ihrerseits Liefertermine nicht einhalten könne. Die Lage wurde von den Beteiligten als »schwierig bis desolat« bezeichnet, und sie werde sich wohl auch bis Ende des Jahres nicht wirklich entspannen. »Es wird gehamstert, was die Situation zusätzlich verschärft«, so die Vertreter der Großhandels.

Ein weiteres Problem, das alle Gewerke betreffe, sprach Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft und in dieser Funktion auch Geschäftsführer der Elektro-Innung, an: das Fehlen beruflichen Nachwuchses, den zu motivieren und zu rekrutieren zunehmend schwieriger werde. Die Pandemie habe die dahingehenden Bemühungen von Handwerkern und Innungen alles andere als begünstigt.

Das Thema »Berufsorientierung« wird laut Hendrischke natürlich schon seit Langem bearbeitet, solle aber künftig einen neuen Schub erfahren. Dazu sei eigens der Verein »Netzwerk Handwerk Mittelhessen« gegründet worden. Initiatoren waren die Kreishandwerkerschaften Lahn-Dill und Gießen, die gemeinsam mit den Innungen die Werbung um beruflichen Nachwuchs für das Handwerk intensivieren und gezielt verstärken wollen.

Konzept gegen Azubi-Mangel

»Das Handwerk hat Perspektiven«, so Hendrischke. Dies solle den Schülerinnen und Schülern der oberen Klassen allgemeinbildender Schulen auf der Basis neuer Konzepte deutlicher gemacht werden. Dem »Trend zur Akademisierung« müsse das Handwerk seine nicht minder wertvollen, substanziellen und zukunftsträchtigen Angebote an junge Menschen entgegenstellen.

Da der Bereich Ausbildung das drängendste und dringlichste Problem des Handwerks darstelle und zugleich in der Pandemie keine Berufsorientierung an den Schulen stattfinden konnte, »wird es nun Zeit, loszulegen«. Die Azubi-Guides, »die die Sprache der jungen Leute sprechen«, seien dazu ein sehr geeignetes »Werkzeug«. Azubi-Guides sind junge Handwerker, die aufgrund ihre Alters in der Lage seien, Schülerinnen und Schüler »authentisch abzuholen«. Sie würden für ihre Aufgabe speziell vorbereitet, um altersgerechte Repräsentanten des Handwerks und Ansprechpartner für die Schüler zu sein.

Das Azubi-Guide-Projekt, das sich der neue Verein Netzwerk Handwerk Mittelhessen« auf die Fahnen geschrieben hat, wird unter anderem von der Handwerkskammer Wiesbaden sowie den Landkreisen Gießen und Lahn-Dill finanziell unterstützt.

Der Innung für Elektro- und Informationstechnik Gießen gehören 75 Handwerksbetriebe aus Stadt und Kreis Gießen an. Neben Obermeister Reiner Hühne wurde auch sein Stellvertreter Matthias Müller wiedergewählt. Ebenso die fünf weiteren Vorstandsmitglieder Andreas Siebelist, Michael Alexander, Michael Stroh, Tim Hermann und Jens Oliver Lechner.

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