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Hinter der Theke des Landhauses Klosterwald in Arnsburg zapft Chef Markus Müller eher selten Bier. Viel häufiger beantwortet er derzeit telefonische Anfragen von Gästen, die wegen der Corona-Regeln verunsichert sind.

Es herrscht Verunsicherung

  • VonChristina Jung
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Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Landkreis bereits ab Sonntag als Corona-Hotspot gilt und damit die 2G-plus-Regel für die Gastronomie in Kraft tritt. Ohnehin hatten sich Bund und Länder inzidenzunabhängig jüngst auf dieses Szenario geeinigt. Vielen Wirten im Landkreis bereiten die Einschränkungen Sorge. Tischreservierungen werden abgesagt, Veranstaltungen storniert.

Die Gäste sind verunsichert.

Liebe Gäste, bei uns gilt 2G, steht in schwarzen Lettern auf einem Zettel an der Eingangstür zum Promenade-Restaurant in Großen-Buseck. Ein paar Meter die Straße runter werden die Besucher des Gasthofes Alte Schmiede in einem Schaukasten am Eingang über die aktuellen Corona-Regeln informiert. Am Sonntag könnten die sich ändern, sollte der Landkreis heute zum dritten Mal in Folge die 350er-Inzidenz überschreiten. Ohnehin hatten sich die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzler Olaf Scholz in der Vorwoche auf neue Maßnahmen verständigt, unter anderem auf 2G-plus in der Gastronomie. Wirte im Landkreis sehen die drohenden Verschärfungen allerdings kritisch.

»Das wird wieder viele Kunden abschrecken«, ist sich Katharina Völpel-Rangk sicher. Seit 13 Jahren betreibt sie das Gasthaus Mühlenhof in Lollar mit angeschlossenem Hotel, einer von rund 195 Gastronomiebetrieben im Kreis (exklusive Stadt Gießen). Jedes Mal, wenn von einer neuen Corona-Variante oder neuen Regelungen die Rede sei, reagiere die Kundschaft verunsichert. Stornierungen seien die Folge, nicht nur in der Gaststätte, auch im Hotel, das überwiegend für Seminare und Tagungen gebucht wird. Es habe bereits Absagen gegeben. »Die Kunden halten sich extrem zurück«, sagt Völpel-Rangk. Die Konsequenz: Umsatzeinbußen.

Solche befürchtet angesichts der unsicheren Lage auch Anna-Maria Gabriel, die gemeinsam mit ihrem Vater Herbert Stückler die Ratsstube Edelweiß in Steinbach führt. »Wir wissen derzeit nicht genau, wie die Kunden reagieren werden«, sagt sie. Die Möglichkeit von Stornierungen bestehe durchaus. Schon jetzt meldeten sich zahlreiche Gäste, um zu erfragen, wie die Regelungen aktuell seien. Gabriel: »Das Telefon steht bei uns diesbezüglich nicht still.« Markus Müller, der das Landhaus Klosterwald im Licher Stadtteil Arnsburg betreibt, kennt das.

»Die Gäste rufen an, weil sie nicht wissen, was gilt«, berichtet Müller und kritisiert ein seit zwei Jahren andauerndes Informationsdurcheinander. Die politische Kommunikation lasse zu wünschen übrig.

Große Unsicherheit bei den Gästen und die mitunter daraus resultierende Entscheidung, lieber zu Hause statt im Lokal zu essen beziehungsweise geplante Feiern abzusagen - davon berichten auch andere Wirte im Landkreis. Axel Horn beispielsweise, Geschäftsführer der Gastronomie auf Burg Gleiberg, der außerdem Mitglied im Vorstand des Hotel- und Gaststättenverbandes Hessen ist. Für den Sommer gebuchte private Veranstaltungen würden bereits gecancelt. »Die Leute haben Angst«, sagt Horn. Er kritisiert die Bund-Länder-Entscheidung, spricht von Panikmache.

Aussagen wie die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach, dass die Gastro-Branche ein Problembereich sei, schürten Ängste. Unberechtigterweise in Horns Augen, denn »wir halten uns seit zwei Jahren an die Regeln«. Markus Müller führt an, dass die Politik mit Blick auf die individuellen Hygienekonzepte der Betriebe und Gegebenheiten vor Ort zu wenig differenziere. »Alle Gastronomen werden über einen Kamm geschoren.«

Katharina Völpel-Rank empfindet die Situation als ungerecht und sagt: »Mittlerweile macht es müde.« Dazu komme die psychische Belastung angesichts der finanziellen Unsicherheit, auch bei den Mitarbeitern, und die fehlende Aufgabe, wenn wieder weniger zu tun sei. Axel Horn schätzt, dass in der nächsten Zeit die eine oder andere Gaststätte im Gießener Land auf der Strecke bleibt. Horn: »Es wird auch hier Betriebe geben, die keine Lust mehr haben und dann aufhören oder es einfach nicht überleben.«

Weniger Pessimismus ist in der Rathausstraße in Leihgestern zu finden, wo Philipp Arnold mit seiner Schwester in fünfter Generation das Gasthaus »Zum Löwen« führt. »Beim Philipp«, wie das Lokal im Volksmund auch genannt wird, überwiegen mit Blick auf schärfere Corona-Regeln die positiven Rückmeldungen der Kunden, sagt Arnold. Denn mehr Kontrolle vermittle mehr Sicherheit. Für die Durchsicht der Nachweise im Eingangsbereich sei bereits Personal abgestellt, Großen Mehraufwand bedeuteten die möglichen neuen Auflagen daher nicht. Und 70 Prozent seiner Gäste seien ohnehin schon geboostert, benötigten also gar keinen zusätzlichen Test. Arnold: »Wenn jetzt 2G-plus kommt, dann ist das eben so.«

In den 489 Lokalen im Gießener Land bedeutet das zunächst auf jeden Fall eines: Veraltete Informationszettel an Türen oder in Schaukästen müssen von ihren Betreibern ersetzt werden. Nicht nur im Promenade-Restaurant und in der Alten Schmiede.

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