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»Es hat sich nichts getan«

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Von: Ursula Sommerlad

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Der Wegweiser zu einer Grünberger Apotheke. Die Frage ist derzeit nicht nur »Wo geht es zur nächsten Apotheke?«, sondern »Ist das Medikament, dass ich brauche, dort auf Lager?« © Patrick Dehnhardt

Die Apotheker im Landkreis schlagen Alarm: Der Medikamentenmangel sei kritischer denn je, sagen sie und berichten von Vorkommnissen aus den vergangenen Tagen, als Erkrankte auf der Suche nach einem Medikament knapp hundert Kilometer fahren mussten.

Es ist nur eine kleine Episode aus der vergangenen Woche, die bezeichnend ist für die derzeitige Situation auch der Apotheken im Landkreis Gießen. Ein Patient kommt mit einem Rezept in die Hungener Hof-Apotheke, er braucht ein Antibiotikum. Nach einem Moment kommt Apotheker Frank Anhäuser zurück. »Glück gehabt«, sagt er. »Die Schachtel haben wir heute morgen erst bekommen. Es ist die letzte.« Wenn das Medikament wieder geliefert wird, das weiß Anhäuser nicht.

Der Arzneimittelmangel ist nicht neu, vor Monaten hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach angekündigt, etwas dagegen zu tun. Die Situation aber sei nach wie vor dieselbe, sagt der Hungener Apotheker Anhäuser: »Es hat sich nichts getan.«

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gibt es aktuell bei 473 Medikamenten Lieferengpässe. Vor zehn Jahren waren davon im gesamten Jahr nur 40 Medikamente betroffen. Seit 2016 aber sind die Zahlen deutlich gestiegen, dass ausgerechnet im selben Jahr das »Gesetz zur Stärkung der Arzneimittelversorgung« auf den Weg gebracht und 2017 verabschiedet wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Besonders über Ostern war diesmal die Lage dramatisch. Denn da hatten nur die Notdienstapotheken offen und mussten auf ihre vorhandenen Bestände zurückgreifen. Wenn ein Medikament aus war, mussten Patienten die nächste Notdienstapotheke anrufen - und dies in immer größeren Kreisen. »Wir hatten Leute aus Limburg hier«, schildert Apothekerin Christina Frank von der Grünberger Gallus-Apotheke. Ihr Licher Kollege Olaf Herde von der »Apotheke am Stadtturm« berichtet: »Ein Mann kam aus Offenbach angefahren, um einen antibiotischen Saft für seinen kranken Sohn zu holen.«

In Hungen sitzt Nicole Anhäuser wieder einmal vor dem Computer, forstet die Listen der Lieferanten durch, jeden Tag viele Stunden. Es ist wie die Jagd nach begehrten Konzerttickets: Ab und zu ist plötzlich etwas lieferbar - und bereits wenige Augenblicke später vergriffen. Doch geht es hier nicht um Musikgenuss, sondern im schlimmsten Fall um die Gesundheit und das Leben von Menschen.

Die Situation ist in allen Apotheken ähnlich. Die Grünberger Gallus-Apotheke hat mittlerweile eine Kraft dafür abgestellt, Medikamente aufzuspüren, erzählt Apothekerin Frank. Es sind Mehrkosten, auf denen die Apotheken sitzen bleiben, ebenso wie auf den gestiegenen Strom-, Lieferanten- und Personalkosten. Frank Anhäuser sagt, dass man den Mitarbeitern gerne die tarifliche ausgehandelte Gehaltserhöhung zahle: »Das sind sie einfach wert.« Jedoch hätten die Apotheken zuletzt vor zehn Jahren eine Honorarerhöhung erhalten.

Stattdessen müsse man sich mit viel Bürokratie und der Konkurrenz im Internet herumschlagen. Konkurrenz, die an Feiertagen keinen Notdienst anbietet, die nicht 24 Stunden in der Apotheke lebt, um dort dringend benötigte Medikamente an verzweifelte Menschen herauszugeben. In Mücke hat zuletzt wieder eine Apotheke geschlossen, die benachbarten Apotheken müssen nun noch häufiger beim Notdienst ran.

Und dann gibt es da noch das Problem mit den Krankenkassen, dass Apotheker Anhäuser schildert. Jede Krankenkasse habe mit bestimmten Pharmakonzernen Rabattverträge abgeschlossen. Ihre Versicherten sollten daher nur Medikamente des Herstellers A erhalten. Nun komme es vor, dass Hersteller A seit Monaten das Antibiotikum X aber nicht liefern könne. Kommt der Patient dann mit einem Rezept in die Apotheke, dürfe der Apotheker ihm nicht einfach das Medikament des Herstellers B mit gleichem Wirkstoff und Dosierung geben. Er müsse aufwendig dokumentieren, dass der Artikel von Hersteller A derzeit nicht lieferbar ist. Ausgedruckt auf Papier. Jedes Mal aufs Neue, selbst wenn das Medikament an diesem Tag mehrfach angefragt werde. Ansonsten drohe die Retaxation. »Die Krankenkasse weigert sich dann, zu zahlen«, sagt Anhäuser. »Und nicht etwa die Preisdifferenz. Sie zahlt dann gar nichts.«

Vor wenigen Tagen beschloss das Bundeskabinett einen Gesetzesentwurf zur Bekämpfung von Lieferengpässen. Unter anderem soll Deutschland als Standort für Produzenten wieder attraktiver werden. Eine dreimonatige Vorratshaltung für rabattierte Arznei soll vorgeschrieben werden. Pharmazeutische Unternehmen dürfen die Preise von Kinderarzneimitteln einmalig um bis zu 50 Prozent anheben.

Dass die von Gesundheitsminister Lauterbach vorgelegte Strategie eine schnelle Trendwende bringt, bezweifeln Apotheker. Wenn ein Pharmaunternehmen eine neue Produktionsstätte in Deutschland bauen wolle, dauere das Jahre, erklärt Frank Anhäuser. »Das hilft keinem, der in den nächsten Monaten krank wird.«

Da viele Medikamente in Asien hergestellt werden, sei es nicht so, dass diese morgen im Regal liegen, wenn heute die Krankenkassen mehr für ein Medikament bezahlen würde. »Die Lieferketten brauchen Wochen, Monate«, ergänzt er.

Eine solche Situation habe er in seiner Selbstständigkeit noch nicht erlebt, sagt auch der Licher Apotheker Herde. Jetzt, im April, müsse er sich schon für den kommenden Winter bevorraten. Dabei geht es auch anders. Im März war er im Urlaub, in Thailand und auf den Philippinen. Herde hat das getan, was er immer tut, wenn er in fernen Ländern ist: Er ist in Apotheken gegangen und hat geschaut, wie es dort so läuft. »Alles, was uns hier fehlt, ist dort verfügbar.«

Vielleicht heißt es in Zukunft nicht mehr »Ich hatte Grippe, ich konnte nicht in Urlaub fliegen«, sondern: »Ich hatte Grippe, ich bin in Urlaub geflogen, um meine Medikamente zu bekommen.«

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