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Trotz Testpflicht gut besucht: Bei der Bürgerversammlung in Laubachs Stadthalle ging es freilich um das Aufregerthema »Umbau des Marktplatzes«.

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»Es gibt Wichtigeres in Laubach«

  • Thomas Brückner
    VonThomas Brückner
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Seit 2016 im Gespräch, seit dem Vorjahr als zentrales Projekt der Stadterneuerung (IKEK) auf dem Tisch, ist der Entwurf für den Umbau des Laubacher Marktplatzes nun erstmals in einer Bürgerversammlung präsentiert worden. Die Kritik, vor allem was die Kosten von rund einer Million und die Neupflasterung angeht, fiel deutlich aus. Tenor: »Es gibt Wichtigeres in Laubach.

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Das Thema »Marktplatz- umbau« beherrscht seit Längerem das Stadtgespräch in Laubach, sorgte bereits auf politischer Ebene für heftige Debatten. Dass trotz Testpflicht am Donnerstag über 100 Gäste zur Bürgerversammlung in die Sport- und Kulturhalle kamen, verwundert daher nicht.

Stadtverordnetenvorsteher Joachim Kühn und Ulf Häbel namens der IKEK-Steuerungsgruppe erinnerten zunächst an die Vorgeschichte. Wesentlich dabei der 2018er Grundsatzbeschluss des Parlaments für eine attraktivere »gute Stube« der Residenzstadt: Danach soll der Marktplatz autofrei, der Parkplatzverlust kompensiert werden, sollen bis auf die Linde alle Bäume und Beete verschwinden. Und: Im Interesse der Senioren müsse Barrierefreiheit gewährt werden.

Erinnert ward ebenso an das ehrenamtliche Engagement vieler Bürger in den IKEK-AGs. Deren Votum für den Umbau-entwurf des Stadtplaners jedoch, das betonte Kühn, sei nur eine Empfehlung. Die finale Entscheidung obliege dem Stadtparlament. - Den auf 900 000 Euro brutto taxierten Entwurf stellte Stadtplaner Karl-Dieter Schnarr sodann vor. Zentrale Elemente darin: Priorität für Fußgänger, Verbannung der Autos rund um die Linde, variable Installationen für Gastronomie, Entfernung der »nicht zeitgemäßen, die Funktionalität des Platzes einschränkenden Einbauten« (Beete und Bäume). Laubachs zentraler Ort, so Schnarr, werde so wieder als große Einheit zu erkennen sein und Aufenthaltsqualität zurückgewinnen. Parkplätze sieht das Konzept einzig auf der Volksbankseite vor, integriert in die Fläche für den fließenden Verkehr (Einbahnregelung gen Bahnhofstraße).

Um die bei solchen Umbauten ohnedies vorgegebene Barrierefreiheit zu schaffen, sieht der Plan die komplette Neupflasterung vor. Dies in Gestalt konzentrischer Kreise aus flachem, leicht begehbaren Betonpflaster, im Wechsel mit altem Basaltpflaster.

Gerade diese Idee stieß im Publikum auf »null Gegenliebe«. Für Rainer Hofmann handelt es sich vielmehr um Geldverschwendung. Er selbst habe mit seinem Rollator keine Probleme am Marktplatz. Nicht anders Hans Gontrum. Sein Vorschlag: »Besser wäre es, jedem 100 Euro zu geben, damit er sich ein Gerät mit großen Reifen kaufen kann, statt die kleinen Scheißdinger, die die Kasse zahlt.«

Dass die Ergänzung um einen barrierefreien Streifen reiche, meinte Günter Haas. Und nicht nur für ihn passt das Kosten-Verhältnis nicht. Zumal man nach Einrechnung der Leitungssanierungen bei 1,2 Millionen Euro landen werde. Haas: »Auch Fördergelder sind Steuergelder.«

Christina Hühnergarth sprach ebenso vielen aus dem Herzen, da sie meinte: »Es gibt in Laubach Wichtigeres.« Etwa die Schaffung von Kita-Plätzen oder die Trinkwasserversorgung. Mehrere Bürger wandten sich gegen das Fällen der Bäume, die Sichtachse Brunnen-Schloss wäre auch so gegeben. Allenfalls den »Klobürsten-Schnitt« zu verändern, schlug Marlit Hühnergarth vor. Mit Hinweis auf die lange Bauphase - eventuell noch verlängert aufgrund der Kellergewölbe - wurde gewarnt, dies werde auch noch für die letzten drei Geschäfte am Markplatz das Aus bedeuten.

Sympathie fand dagegen der Entwurf des »Bürgerteams«, den Sabine Müller vorstellte. Danach würden die Beete nur neu eingefasst, die Bäume erhalten, vor dem Friseur und dem alten Rathaus gar neues Grün geschaffen. Um die Linde würden auch hier die Autos verbannt, ein Wasserspiel angelegt - das Basaltpflaster aber bliebe unberührt. Da wesentlich kostengünstiger, sei dies auch ohne Förderung leistbar.

Wie geht es nun weiter? Für Bürgermeister Matthias Meyer sind zunächst einige Fragen zu beantworten: Was wollen wir, was darf es kosten, welche Risiken gibt es? Und: Inwieweit sind Änderungen möglich, ohne Verlust der Förderung? Aktuell bemühe er sich, auch auf Kreisebene, um eine Verlängerung der Verwendungsfrist.

Ulrike Stiehl, Sachbearbeiterin beim federführenden Amt für den ländlichen Raum, sah dies skeptisch. Vor allem aber zeigte sie sich sehr verwundert über die harsche Kritik. Politik und Arbeitsgruppen schließlich seien sich einig gewesen: »Hier muss was passieren.« Die 90-Prozent-Förderung sollte man als »Lottogewinn« und optimale Möglichkeit erachten, den Marktplatz neu und attraktiv zu gestalten. Bleibt also abzuwarten, ob die Politik den Appell der Bürger - darunter natürlich viele Anwohner - erhört und das Konzept überdenkt.

Über den »neuen« Laubacher Marktplatz, darin war sich die Politik einig, sollte nicht ohne breite Beteiligung der Laubacher entschieden werden. Wegen der Pandemie konnte die Bürgerversammlung erst später stattfinden. Zu spät, wie Kritiker meinen. Zumal auf Mehrheitsbeschluss des Stadtparlaments der Planentwurf bereits im Herbst zur Förderung eingereicht worden ist, um sich die - wegen Corona - vom Land auf 90 Prozent erhöhte Förderquote zu sichern. Mit Erfolg: Laubach erhält 685 000 Euro, bei Kosten von 900 000 Euro brutto. Allerdings müssen 50 Prozent schon bis zum Herbst 2022 verausgabt sein. Sportlich. Und: Gravierende Veränderungen am Entwurf dürften nur schwer durchzusetzen sein. tb

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